Richard C. Schneider berichtet über Straßenkämpfe im Ostjerusalemer Stadtteil Shuafat im Frühsommer 2014. © privat

In Israel, heißt es, erlebt man in einem Jahr so viel wie an anderen Orten in fünf Jahren. Ich habe zehn Jahre in Israel gelebt, als Korrespondent war ich für die ARD in Tel Aviv. Tatsächlich erscheinen mir die Ereignisse aus der Anfangszeit meiner Korrespondententätigkeit – das war 2005 – wie Geschichten aus einer längst vergangenen Ära. Israel zog aus dem Gazastreifen ab, kurz danach fiel der damalige Premier Ariel Sharon ins Koma. In Kairo herrschte ein gewisser Hosni Mubarak, und die New York Times veröffentlichte einen Artikel, der Baschar al-Assads modernen Modegeschmack lobte.

Die schnellen, tief greifenden und andauernden Veränderungen in Nahost sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der israelisch-palästinensische Konflikt weiter ungelöst ist. Die Spaltung der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland: ein Fakt, an dem kaum zu rütteln ist. Der Friedensprozess: Er ist schon lange tot, einen seriösen Dialog zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde wird es auf längere Zeit nicht mehr geben. Ganz bestimmt nicht 2016, denn da ist Wahljahr in den USA, was traditionell bedeutet, dass Washington außenpolitisch keine großen Initiativen mehr startet. In Palästina hat Präsident Mahmud Abbas jede Unterstützung verloren, in Israel Benjamin "Bibi" Netanjahu dagegen seine Macht konsolidiert: Das Siedlungsprojekt wird fortgesetzt, ebenso die Blockadepolitik gegenüber allen Vorschlägen, die aus den USA oder der EU kommen. Die ideologischen Gründe dafür sind bekannt. Hinzu kommen die Entwicklungen der vergangenen Jahre, die dem Pessimisten Netanjahu recht zu geben scheinen: Er hat immer vor dem Terror gewarnt. Was wäre geschehen, wenn Israel bei den letzten Geheimverhandlungen mit Assad den Golan zurückgegeben hätte? Dann säßen heute Al-Kaida, der IS und andere Islamisten am Ufer des See Genezareth, eine Autostunde von Tel Aviv entfernt. Was, wenn Israel bereit gewesen wäre, seine Truppen aus dem Jordantal abzuziehen, wie es die Palästinenser immer gefordert haben? Derzeit würde nicht einmal ein linksliberaler israelischer Premier erwägen, auch nur einen Meter im Westjordanland aufzugeben – die Bedrohungen rund um Israel sind einfach zu groß.

Mit anderen Worten, die Nachrichtenlage wurde im Laufe meiner zehn Jahre in Israel immer düsterer. Und während junge Israelis nach Berlin umzogen und junge Deutsche Tel Aviv als Ferienziel entdeckten, schwand das Interesse am ewigen palästinensisch-israelischen Konflikt, der doch immer nur dieselben Bilder, dieselben Sound-Bites produziert. Es half nur wenig, über meine längeren Reportagen und Dokumentationen, über mein Videoblog Zwischen Mittelmeer und Jordan und weitere Formate ein anderes Israel, ein anderes Palästina zu zeigen – etwas zu erzählen, das nicht unmittelbar mit der aktuellen politischen Lage zu tun hat. Also das ganz normale Leben zu beschreiben, das hier doch so spannend ist und das mich auch jetzt noch mitreißt, bewegt und betrifft.

Ich war 1966 das erste Mal in Israel, noch vor dem Sechs-Tage-Krieg, vor der Besetzung der Palästinensergebiete. Schon damals, als Junge, habe ich mich in Land und Leute verliebt. Und als ich später in den Sinai, nach Gaza und ins Westjordanland reiste, ging es mir nicht anders. Diese Region ist so reich an Kultur, an Geschichte und Geschichten – mit alldem wollte ich mich gegen den Strom der wenig überraschenden, deprimierenden politischen Realität stemmen.

Und auch gegen die Klischees in den Köpfen der Menschen daheim. Wie viele Stereotype gibt es nicht über Israel, Palästina, den Israel-Palästina-Konflikt! Es gehörte für mich zu der wichtigsten, schwierigsten Aufgabe als Korrespondent, den Vorurteilen etwas entgegenzusetzen. Die Situation der Menschen, die dort leben, begreifbar zu machen. Soweit das überhaupt möglich ist.

Für Israelis ist ganz klar: Ein zweiter Holocaust darf niemals stattfinden

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Wie tief die Angst auf beiden Seiten sitzt, ist für Europäer schwer vorstellbar. In Israel sind immer noch rund 70 Prozent der Israelis für eine Zwei-Staaten-Lösung, doch sie wollen die entsprechenden Opfer nicht bringen. Sie haben zu viel Angst. Existentielle Angst. Das wird im Westen kaum verstanden: Israel, glaubt man dort, sei der Goliath in diesem Konflikt, eine Militärmacht mit einer der stärksten Armeen der Welt. Das stimmt. Aber die israelische Psyche ist eine gequälte, gequält von Traumata, allen voran den Erinnerungen an den Holocaust. Für viele Juden aus den orientalischen Ländern spielen auch die Erfahrungen mit den arabischen Nachbarn eine Rolle: Die Juden flohen oder wurden vertrieben, als der Staat Israel gegründet wurde, sie verloren Besitz und Vermögen. Auch dies sind dunkle Erinnerungen, die nicht verblassen mögen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Es ist schon richtig: Seit 1973 hat Israel keinen existenzbedrohenden Krieg mehr erleben müssen, doch jede israelische Familie hat Opfer zu beklagen. Alle waren in der Armee, viele verarbeiten ihre Kriegserlebnisse nur schlecht, wenn überhaupt. Für Israelis ist ganz klar: Ein zweiter Holocaust darf niemals stattfinden, und das heißt: Kein einziger Krieg darf verloren werden. Wie tief die Angst vor der Vernichtung sitzt, konnte man 1991 erleben. Da feuerte Saddam Hussein Scud-Raketen auf Israel. Man wusste nicht, ob die Sprengköpfe deutsches Giftgas enthielten oder nicht – und entsprechend war die Stimmung im Lande.