An einem Januarmorgen hat Karl-Heinz Hoffmann in der Kantine des Leipziger Amtsgerichts eine Art Gefechtsstand aufgeschlagen. Im 5. Stock des Justizpalasts, wo in jener Woche unter anderem Hackbraten "Falscher Hase" serviert wird, hockt der 78-Jährige in einer Ecke des Speisesaals. Zwischen der Geschirrrückgabe und Tischen mit Plastikblumensträußchen hält er Lagebesprechung mit ein paar Getreuen. Die Männer reden über Taktisches, um den totalen Untergang abzuwenden, wenn gleich im Sitzungssaal 056 eine Zwangsversteigerung stattfinden wird. Aufgerufen wird dann ein Rittergut in 04655 Kohren-Sahlis – das noch in Hoffmanns Besitz ist.

"Wie ein römischer Augur müssen wir vorausdenken, was passieren wird", schärft Hoffmann seinen Begleitern ein. "Notfalls beantragen wir die Vertagung." Sein Handy klingelt. Hoffmann geht ran. Einige Kantinengäste blicken erschrocken auf, als er ins Telefon ruft: "Mir ist wichtig, dass die Sau schon daliegt, wenn wir kommen!"

Von der Sau wird noch die Rede sein. Hoffmann jedenfalls ist ein Mann, der als Galionsfigur des Rechtsterrorismus in Deutschland bekannt wurde. Er hat früher gegen einen ganzen Staat gekämpft; nun kämpft er gegen einen Abwasserzweckverband. Es ist eine bizarre Geschichte. Aber der Reihe nach.

Das Rittergut Sahlis liegt idyllisch in einem 3.000-Seelen-Städtchen zwischen Leipzig und Chemnitz. Es ist ein riesiges Ensemble aus dem 18. Jahrhundert, bestehend aus Schloss, Torhaus, Ställen, Lagergebäuden und Rokokopark; dazu eine Kegelbahn und eine alte Brennerei. Vor 1945 lebte hier der antisemitische Schriftsteller Börries Freiherr von Münchhausen. In der DDR ein volkseigenes Gut, sollte daraus nach der Wende, als die Treuhand Herrin im Haus war, erst ein Golfhotel, später ein Areal für Mittelalterspektakel werden. Doch die Pläne scheiterten – schon am katastrophalen Zustand der Gemäuer. Undichte Dächer, im Schloss nistete Echter Hausschwamm, der herrliche Park verwilderte. Sahlis teilte das Schicksal vieler maroder Herrensitze im Osten. Häuser ohne Hüter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 05 vom 28.01.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Im Jahr 2004 übernahm ein Zugereister das Rittergut. Er, gelernter Porzellanmaler, hatte in den siebziger Jahren bereits in Ermreuth nahe Nürnberg ein verwahrlostes Schloss erworben und saniert. Er gelobte, das ziemlich ruinierte Anwesen in Sahlis getreulich den Vorgaben des Denkmalschutzes zu retten. Doch bald sprach sich im Ort herum, wer dieser neue Gutsherr war: Karl-Heinz Hoffmann, ein Mythos des rechtsextremen Milieus. Der Gründer und Anführer der 1980 verbotenen Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann, einer Privatarmee von mehr als 400 Mann, die er bei Waffenübungen durch fränkische Wälder kommandierte. Und mit denen er den ersehnten Endkampf gegen die bundesrepublikanische Demokratie zumindest schon mal vorbereitete.

Ein junger Mann aus dem Dunstkreis von Hoffmanns rechter Truppe tötete 1980 beim Oktoberfestattentat – dem blutigsten Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte – zwölf Menschen und sich selbst. Drei Monate später ermordete ein WSG-Mitglied in Erlangen einen jüdischen Verleger und dessen Partnerin. Mit beiden Taten habe er selbst nichts zu tun gehabt, beteuert Hoffmann bis heute. 1984 wurde er wegen Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz, Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Schon 1989 kam er wieder frei.

Auch auf Gut Sahlis hielt Hoffmann sich hinter Gittern auf, wenn er dort mal für ein paar Tage wohnte. Schwere Ketten verrammelten die Tore. Eine Kastanienallee, die zu seinem sechs Hektar großen Grundstück gehörte, ließ er mit Baumstämmen verbarrikadieren. Die Abschottung nährte Gerüchte, der Alte errichte heimlich eine Art Trainingsgelände für Jungnazis. Zumindest hatte er manchmal welche auf seinem Hof zu Gast. Bisweilen, so im Jahr 2010, trat er auswärts in Sachsen als Redner vor Rechtsextremen auf. Und in Kohren-Sahlis? Bürgermeister Siegmund Mohaupt sagt, Hoffmann sei ihm wie ein Phantom vorgekommen: "Es gab im Alltag keinen Kontakt. Wir hatten nur einzelne Vorfälle mit frei laufenden Schweinen aus dem Gut. Da kam dann die Polizei."