Die Compañía de Jesús in Quito

Erst die Hölle, dann sieben Tonnen Blattgold!

Von Björn Erik Sass

Auf der Plaza Grande in Quitos Altstadt sah ich Schuhputzerjungen in malerisch löcherigen Pullovern um Kundschaft werben. Paare flanierten um sie herum. Vor dem Präsidentenpalast stand Militär in Gardemontur, die Wangenknochen gemeißelt wie zum Kartoffelschälen. Eine Gruppe Indios aus Bergdörfern demonstrierte bei 30 Grad in Ponchos und Gummistiefeln. Wofür oder wogegen, verstand ich nicht, war aber auf jeden Fall auf ihrer Seite.

Ich wanderte durch die Straßen. Prächtige Häuser aus der Kolonialzeit und Kirchen, alles erbaut auf den Ruinen des noch älteren Quitos, der Hauptstadt erst der Quitu-Cara, dann ihrer Bezwinger, der Inka.

Ich fand die Menschen, denen ich begegnete, hinreißend, diese Indianer und ihre Frauen mit vielen Lagen schwingender Röcke. Zugleich sah ich mich als Großgrundbesitzer mit geöltem Haar und Conquistadoren-Wurzeln meinen Aventüren nachgehen. Also kaufte ich mir einen Poncho wie ein Indio und einen Panamahut wie ein hacendado.

"La redención es en Cristo Jesús!", Christus ist die Erlösung, rief ein Laienprediger in die Menge und zeigte in den Himmel. Ich folgte seinem Rat und ging in die nächste Kirche. Das mache ich an fremden Orten ohnehin meist. Mindestens ist es dort schattig und ruhig, und manchmal spürt man einen Hauch der Hingabe gläubiger Besucher aus vielen Jahrhunderten in sich hineinwehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Vor Quito dachte ich immer, die ideale Kirche sei ein großer, karger, weißer Raum, weit und offen, damit Gedanken und Glaube sich entfalten können. Die Jesuitenkirche La Compañía de Jesús in Quito ist das Gegenteil. Im Eingang empfing mich die Hölle. Alle Sünden waren zu sehen, die einen dorthin bringen können, und die strafenden Flammen loderten. Viel stärker als aus diesen Bildern strahlte es aber aus der Kirche. Die ist innen mit sieben Tonnen Blattgold fast vollständig ausgekleidet. Das ist nur geraubter Glanz!, wollte ich empört denken. Das Gold habt ihr aus Inka-Tempeln zusammengeklaubt! Aber umhüllt vom Licht verging mir jedes Denken. 160 Jahre wurde an der Kirche gebaut, die Jesuiten beschäftigten europäische, maurische und Quechua-Handwerker und -Künstler. Die nutzten jeden Quadratzentimeter für italienische Schnörkel-Renaissance und flämische Bildnisse und spanische Wucht und unendlich fortlaufende Arabesken und wilde Anden-Tiere. Noch nie hatte ich eine Kirche gesehen, in der so viele Annäherungen an den Glauben zu einer einzigen Lobpreisung Gottes verwoben waren. Aus protestantischem Lande und agnostischem Hause kommend, hätte mir das übertrieben erscheinen sollen. Stattdessen fand ich es zum mentalen Niederknien schön und verbindend. Nach einer Weile wurde mir schummerig. Ein Anfall von Katholizismus? Wahrscheinlicher, dass sich Quitos Höhenlage von 2.850 Metern bemerkbar machte.

Das Baptisterium San Giovanni in Florenz

Säuglinge empfehlen: Das Kuppel-Wimmelbild

Von Georg Cadeggianini

An schlimmen Tagen streut der Küster Salz ins Weihwasser, damit sich keine Eisschicht bildet. Und jener kalte Januarmorgen, an dem ich mich mitsamt meinem brüllenden Säugling und Massen von Touristen ins Baptisterium San Giovanni spülen ließ, war einer dieser schlimmen Tage.

Ich war noch nicht weit in die Taufkirche von Florenz vorgedrungen, die sich wie ein achteckiges Schatzkästchen neben den Dom duckt, als meine Tochter – mir schon damals eine Kinderwagenlänge voraus – ganz plötzlich verstummte. Verschluckt? Erfroren? Geklaut? Erschrocken wühlte ich in den Decken – und sah ihre azurblauen Augen an mir vorbei gen Kuppel starren.

Über uns prangte auf funkelndem Goldgrund eine gigantische Mosaikwelt, Millionen Details, Steinchen für Steinchen: Ich sah das kristallklare Jordanwasser, in dem Jesus getauft wurde; den beeindruckenden Sixpack von Adam, damals, als die Welt noch in Ordnung war; und den Teufel, der Sünder zertritt, zerbeißt, zerreißt, dem unzählige Schlangen aus den Ohren kriechen, die wiederum ... Boah, und schon tat mein Nacken weh.

Ich schaute runter auf meine Tochter, die aber weiter die Decke fixierte, und auf einmal wurde mir klar: Der Konfliktklassiker jedes Familienurlaubs – "Menno, nicht schon wieder Kirchen!" – lässt sich durch eine einzige simple Maßnahme aushebeln: Kinder sollten liegend in Kirchen gefahren werden. So können sie die riesigen Mosaike dort gut (und nackenschonend) betrachten – und entdecken, dass es gigantische Bilderbücher sind.

Im Baptisterium, das übrigens auch schon Dantes Lieblingskirche war, hat dieses Kuppel-Wimmelbild über 25 Meter Durchmesser. Hunger? Kälte? Ungemach? Waren vergessen. Und ich selbst konnte tun, was ich wollte: auf den fitzeligen Marmorarbeiten im Fußboden nach geheimen Botschaften fahnden, am Baldachingrab von Johannes dem XXIII. für den Gegenpapst beten, über das irre Raumgefühl staunen – und zwischendurch einfach ausruhen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Blick meiner Tochter, als wir zurück im Hotelzimmer waren und sie wieder in ihrem Bettchen lag. Erst suchend, dann enttäuscht tastete sie mit ihren Augen die Decke ab. Ein bisschen Stuck, nicht viel, sonst war da nichts. Höchste Zeit für die nächste Kirche.