Die indische Feministin Gayatri Spivak hat nur Spott übrig für die vermeintlichen Frauenrechtler des britischen Kolonialreichs: "Weiße Männer beschützen braune Frauen vor braunen Männern", schrieb sie vor einigen Jahren. Sie bezog sich dabei auf den Versuch der Kolonialverwaltung in Indien, die lokale Begräbnissitte des Sati zu bekämpfen, der Selbstverbrennung von Witwen.

Keine Frage, diese grausame Sitte gehörte abgeschafft. Doch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war sie nicht mehr allzu weit verbreitet. Umso größer war das kulturelle Kapital, das der britische Imperialismus mit der Kampagne erwirtschaftete. Denn hinter dem Schleier des humanitären Engagements verschwand so manche Grausamkeit der Kolonialverwaltung – sei es bei der Niederschlagung von Aufständen, seien es Rache-Exekutionen, Umsiedlungen oder die Hungersnöte, die infolge des brutal aufgezwungenen Freihandels Millionen Menschen das Leben kosteten.

Die Sati-Kampagne war nicht die einzige Intervention, mit der sich die britischen Kolonialisten für "braune" Frauen verwandten. So setzte sich in Ägypten Evelyn Baring, Earl of Cromer, von 1871 bis 1907 der erste britische Kolonialverwalter nach der Annexion des Landes, für die Aufhebung der muslimischen Geschlechtertrennung ein. Dass Frauen den Schleier tragen und aus der Öffentlichkeit verdrängt werden, sei ein "verhängnisvolles Hindernis für die Erlangung jenes Aufschwungs der Denkweise und des Charakters, der die Einführung der europäischen Zivilisation begleiten sollte, wenn diese Zivilisation in vollem Maße ihre wohltätige Wirkung ausüben soll".

Baring meinte auch zu wissen, wer für diesen Missstand verantwortlich sei: der Islam. Gerade in seiner Behandlung der Frauen offenbare dieses vieldimensional mangelhafte Glaubenssystem seine substanzielle Schwäche. Den britischen Orientalisten Stanley Lane-Poole zitierend, schrieb er: "Die Erniedrigung der Frauen im Orient ist ein Krebsschaden, der sein zerstörerisches Werk schon in der Kindheit beginnt und das ganze System des Islams durchfressen hat."

Völlig anders sah dies der Ägypter Qasim Amin, der als einer der ersten männlichen Befürworter der Frauenemanzipation im arabischen Raum gilt. In seiner Schrift Die Befreiung der Frau von 1900 heißt es, dass die muslimische Frau "an der Spitze aller Frauen der Erde" stünde, wenn die Scharia in ihrem tatsächlichen Wortlaut bezüglich der Gleichheit von Männern und Frauen vor Gott befolgt würde. Die Schuld am Elend der Frau trügen die später zum Islam bekehrten asiatischen und afrikanischen Völker. Deren Traditionen seien fälschlich als muslimisch ausgegeben worden.

Über den verderblichen Einfluss der Verschleierung allerdings sind sich Amin und Baring einig. Amin schreibt: "Wir Ägypter aber haben in der Frage der Verschleierung – und zwar in dem Bestreben, die Frau den Blicken der Männer möglichst ganz zu entziehen – so viel Übertreibung gezeigt, dass wir sie sozusagen zu einem Stück Hausrat oder einem Besitztum degradiert und damit auch all der geistigen Vorzüge und all der Bildungschancen beraubt haben, auf die sie als Mensch ein Anrecht hat."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Amins und Barings Plädoyers provozierten entschiedenen Widerspruch aus allen Schichten der ägyptischen Gesellschaft. Interessanterweise auch von der ersten Frauenrechtlerin des Landes, Malak Hifni Nasif. Sie war eine vehemente Gegnerin der Kolonialisierung Ägyptens, die Qasim Amin als Zivilisierungsprozess hin zum westlichen Standard begrüßte. Als Nationalistin warnte sie davor, alle westlichen Sitten und Bildungsinhalte zu übernehmen und damit jede kulturelle Identität und Stärke aufzugeben, die zum Kampf gegen den Imperialismus nötig sei. Zudem übte sie Kritik an den ägyptischen Männern, die auch verschleierte Frauen auf der Straße anspucken, anstarren und mit beleidigenden Worten verfolgen würden: "Sind es diese Männer, vor denen wir uns entschleiern sollen?"

Fünfzig Jahre später brachte ein berühmter Kämpfer gegen den französischen Kolonialismus, der Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon, diesen "progressiven" und antikolonialen Widerstand auf den Punkt. Ihm zufolge hatten die Algerier sich nicht nur deshalb gegen die Entschleierung gewehrt, weil es ihren Traditionen entsprach. Der Grund des Kampfes sei vor allem die Anmaßung der französischen Besatzer gewesen, darauf zu bestehen, "Algerien zu entschleiern".

Die ägyptische Kontroverse zwischen Kolonialisten und einheimischen Modernisierern einerseits und Antiimperialistinnen und Kulturbewahrern andererseits ist geradezu eine Urszene. Zum ersten Mal werden in ihr Schleier und Kopftuch als Symbole der Rückschrittlichkeit gebrandmarkt – und der angeblich vollendet emanzipierten westlichen Frau entgegengesetzt. Eine unglückselige Verkoppelung, die uns bis in die Gegenwart in schädliche und unergiebige Kulturkämpfe treibt.