Futterroboter auf der Grünen Woche in Berlin © Rainer Jensen/dpa

Der Bauer bleibt frühmorgens im Bett. Die Kuh fährt derweil auf dem vollautomatischen Melkkarussell im Kreis. Futterroboter versorgen das Vieh mit Nahrung. Sensoren überwachen jedes Tier: Wie viel frisst es? Wie oft hat es sich bewegt? Draußen auf dem Feld findet der Traktor allein seine Spur. Tonnenschwere Geräte bewegen sich zentimetergenau über den Acker, aus der Luft erscheinen die Furchen wie mit dem Lineal gezogen. Der Mähdrescher ruft den Erntetransporter heran, wenn der Korntank voll ist. Der Düngerstreuer schaltet sich selbsttätig ab, wenn er dem Bach zu nahe kommt.

All das ist nicht die Landwirtschaft der Zukunft. Es ist eine Gegenwart, die immer allgegenwärtiger wird. Der Markt für digitale Landtechnik wächst jährlich um durchschnittlich zwölf Prozent. 2020 soll allein die Wertschöpfung durch Digitalisierung nach aktuellen Prognosen ein Volumen von 4,5 Milliarden Euro haben. Wird der Bauernhof zum Auslaufmodell? Noch arbeitet in Deutschland nur jeder fünfte Bauer mit vernetzten Systemen. Aber jeder zweite interessiert sich dafür. Denn Landwirte mögen zwar konservativ und beständig erscheinen – technikbegeistert sind sie dennoch. Und Technik, die mehr Ertrag oder bessere Arbeitsbedingungen verspricht, macht neugierig – besonders die Jüngeren, die diesen immer noch tatkräftigen Beruf ergreifen.

DIE ZEIT: Stimmt unser Eindruck, wonach Landwirtschaft zum Hightech-Beruf wird?

Martin Richenhagen: Ackerbau und Tierhaltung werden durch die Datenrevolution immer mehr vom Handwerk zum industriellen Produktionsprozess. Der Bauernhof wird zur Fabrik, mit dem entscheidenden Unterschied, dass kein Dach drauf ist ... Das Interesse an Farming 4.0 steigt auch, weil jetzt Industrie 4.0 – die rasant zunehmende Digitalisierung in der Produktion – zum großen Thema geworden ist. Dabei haben wir schon vor Jahren einen fahrerlosen Schlepper vorgestellt. Aber erst seit es autonom fahrende Autos gibt, schaut die Öffentlichkeit genauer hin. Übrigens haben wir gerade einen Erfahrungsaustausch mit Audi vereinbart.

ZEIT: Tatsächlich? In der Automobilbranche sagt man immer, Autos könnten selbstständig fahren, Trecker höchstens einparken ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Richenhagen: Unser Traktor kriegt schon eine Menge hin: Er fährt autonom, setzt zentimetergenau zum Wenden an. Wir können ihn automatisch zum Entladen an den Ackerrand schicken, und er fährt auch auf der Straße. Da müssen wir allerdings dafür sorgen, dass das Produkthaftungsrisiko nicht zu hoch ist. Einmal hat ein Traktor am Stadtrand von Paris einen Mast umgenietet. Danach waren Teile der französischen Hauptstadt für eine Weile ohne Strom.

ZEIT: Wollen die Bauern überhaupt diese Hightech-Angebote?

Richenhagen: Alles, was unsere Systeme leisten, um die Maschinen zu regulieren, einzustellen und zu optimieren, finden die Landwirte prima. Die wollen ja nicht andauernd aussteigen. Lieber sitzen sie in der klimatisierten Treckerkabine – links der Kühlschrank, rechts das Bose-Soundsystem – und lesen auf dem iPad oder verschicken E-Mails. Der jüngste Renner ist unsere Drohne, die hat besonders in Brasilien und Argentinien Erfolg. Der Viehzüchter muss ja alle Zäune abreiten, um zu gucken, ob die in Ordnung und alle Rinder gesund sind. Jetzt lässt er das morgens und abends die Drohne machen.

ZEIT: Schade, das klingt nach dem Ende der Gaucho-Kultur ...

Richenhagen: Nein, nein, den Gaucho wird es weiter geben. Aber Zäune zu kontrollieren ist sehr, sehr langweilig.

Im Begriff Präzisionslandwirtschaft steckt ein Versprechen der Hersteller der neuen Agrartechnologien. Sie locken damit, dass sie Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnen können. Precision farming soll mit einem geringeren Einsatz von Diesel für Traktoren und andere Landmaschinen und mit weniger Pflanzenschutz- und Düngemitteln höhere Erträge liefern. Die Aussaat wird an die Bodenverhältnisse angepasst, gespritzt wird nur so viel wie unbedingt nötig. All das lässt sich für jeden Hektar, für jede Fuhre Getreide sorgsam dokumentieren. Gewiss, der Verbraucher schätzt diese Transparenz. Aber wie viel will der Landwirt preisgeben?

"Landwirte sind überall gleich empfindlich"

ZEIT: Wir hatten eigentlich erwartet, dass Sie bei der Hightech-gesteuerten Präzisionslandwirtschaft als Erstes von deren Nachhaltigkeit schwärmen würden; davon, dass man Kunstdünger gezielter dosieren könne ...

Richenhagen: ... und genau verfolgen, auf welchem Hektar Ihr Brötchen aufgewachsen ist, aus welchem Saatgut und mit welchen Pflanzenschutzmitteln es hergestellt wurde! Darauf legen ja die Handelsketten zunehmend Wert. Beim Tierwohl ist ihr Interesse sogar noch größer.

ZEIT: Das mag sein. Aber wächst nicht zugleich die Abhängigkeit der Bauern vom Agrobusiness, wenn jetzt Maschinenhersteller Daten- und Beratungssysteme verkaufen und diese Informationen auch noch verwalten?

Richenhagen: Es gibt da zwei Philosophien. Einige Unternehmen wollen die Landwirte über die Software auch zum Kauf ihrer eigenen Produkte bringen. Wir haben uns gesagt: Der Bauer kann das eigentlich nicht mögen, der kauft nicht gern alles von der gleichen Marke. Lasst uns lieber eine offene Plattform anstreben. Unsere Maschinen sollen mit denen aller anderen Hersteller kommunizieren können.

ZEIT: Was funktioniert denn besser?

Richenhagen: Wir können nicht ganz falsch liegen: Wir haben schon mehr Software auf Maschinen anderer Firmen installiert als auf unseren eigenen. Genauso offen wollen wir auch bei der Kommunikation zwischen unserer Software und der von anderen Playern sein, etwa der von Saatgutanbietern. Wir reden gerade mit Google. Und wir kooperieren bereits mit Monsanto, Pioneer und BASF.

ZEIT: Der Mähdrescherhersteller Claas redet ebenfalls mit Google, arbeitet mit Bayer und dem Saatguthersteller KWS zusammen. Habe ich es also in Zukunft als Landwirt mit wenigen großen Konsortien zu tun? Oder erwarten Sie doch noch eine Einigung aller Anbieter, sodass der Bauer wirklich frei wählen kann, von wem er welche Beratung, welche Software, welche Maschine und welches Saatgut haben will?

Richenhagen: Es wird Konsortien geben: eines um John Deere und Monsanto, eines rund um Claas. Bei der Claas-Tochter 365FarmNet wollen wir ja auch mitmachen und führen dazu Gespräche. Letztlich ist es uns egal, wir können mit allen. Für den Bauern wäre eine Industrielösung besser.

Bei der Debatte um die Digitalisierung im Stall und auf dem Acker ist es nicht anders als bei Netflix, der Telemedizin oder den Versicherungen. Auch in der Landwirtschaft ist die Frage: Wem gehören die Daten? Wer darf mit ihnen arbeiten? Erfährt der Bauer nebenan, welche Ernte sein Nachbar einfährt? Wie der seine Schweine füttert? Wie viel oder wenig dessen Land wert ist? Und die Hersteller: Erfahren sie, wo ihre Produkte im Einsatz sind?

ZEIT: Werden die Bauern nicht misstrauisch, wenn Landmaschinenhersteller und Saatgutunternehmen durch die Online-Beratung minutiöse Einblicke in ihre Arbeitsweise bekommen?

Richenhagen: Auch da sind die Philosophien unterschiedlich. Manche Unternehmen sagen, die Daten gehörten ihnen. Wir sagen: Sie gehören dem Landwirt, und wir greifen nur auf die Informationen zu, die er uns zur Verfügung stellt. Eine Ausnahme sind die Maschinendaten. Die brauchen wir für die Fernwartung. Nur dann können wir den Fehler schnell identifizieren, wenn der Motor mit zu hohen Temperaturen oder zu niedriger Drehzahl läuft.

ZEIT: Trotzdem, je besser Sie beraten wollen, desto mehr Daten brauchen Sie ja. Wie garantieren Sie den Bauern, dass Sie nicht deren beste Anbautricks dem Konkurrenten in der Nachbarschaft verraten?

Richenhagen: Ein bisschen Vertrauen gehört schon dazu, denn theoretisch können wir die natürlich stehlen und jemand anderem zur Verfügung stellen. Die Landwirte haben aber auch gar nichts gegen diesen Datenaustausch. Da schwingt immer noch ein bisschen die genossenschaftliche Idee mit: Wenn ich etwas vom anderen lernen kann, dann soll der sich ruhig auch mal was von mir abgucken. Die Sache soll nur anonym bleiben.

ZEIT: Aber die Agrarkonzerne könnten sich die Ideen eines Bauern patentieren lassen und sie dann in der Online-Beratung weiterverkaufen.

Richenhagen: Das Problem betrifft weniger uns Hardware-Hersteller als zum Beispiel Monsanto. Die waren in der Vergangenheit ja mal ein Chemieunternehmen. Jetzt entwickeln sie sich gerade vom Saatgutkonzern zum IT-Hersteller weiter, der komplette Anbaurezepte vermarktet. Das mögen die Bauern nicht besonders.

ZEIT: Und Sie?

Richenhagen: Ich sitze mit dem Monsanto-Präsidenten Hugh Grant in einem Aufsichtsrat und sage ihm da immer: Deine Kunden finden das möglicherweise doof. Anfangs hat er mir erklärt, warum das Quatsch ist, aber mittlerweile widerspricht er mir nicht mehr. Ich als Bauer würde mich schon fragen: Wirst du jetzt noch abhängiger von Monsanto? Oder probierst du das neue Paket erst mal aus, und wenn es nicht funktioniert, dann kaufst du woanders?

ZEIT: Wenn es so ein "Woanders" angesichts der wachsenden Marktkonzentration noch gibt ...

Richenhagen: Gefährlich wäre natürlich, wenn es jetzt zu noch mehr Zusammenschlüssen auf dieser Ebene kommen sollte. Monsanto hat ja versucht, Syngenta zu kaufen, und DuPont und Dow gehen zusammen. Und es heißt zwar, das sei kartellrechtlich nicht bedenklich, weil die Sparten Farbe, Chemie und Landwirtschaft getrennt werden. Doch hinterher gibt es weniger Anbieter bei Düngemitteln, Pestiziden und Saatgut. Allerdings passen die Bauernverbände da schon auf.

ZEIT: Gehen US-Farmer anders mit ihren Daten um als die "datenhysterischen" Europäer?


"Die Digitalisierung bietet den armen Ländern Vorteile"

Richenhagen: Nein, ich glaube, die Landwirte sind überall gleich empfindlich. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist in vollem Gange. Die Zahl der Betriebe sinkt beständig, dafür werden sie immer größer. 1970 gab es in Deutschland noch mehr als eine Million Höfe, heute sind es knapp 287.000. 1950 ernährte ein Landwirt 10 Menschen, heute kann er 145 Mitbürger mit Lebensmitteln versorgen. Die Bauern spezialisieren sich. Die einen betreiben Viehhaltung und bauen auf ihren Feldern höchstens noch Futtermittel an. Andere setzen auf Getreide und andere Feldfrüchte. Wird die Technik diese Tendenz verstärken? Früher hieß es: Wachsen oder weichen. Und heute: Digitalisieren oder weichen.

ZEIT: Werden sich nur die Großen den voll automatisierten Kuhstall, den satellitengesteuerten Traktor, den Hightech-Mähdrescher leisten können – und damit das Höfesterben beschleunigen?

Richenhagen: Diese Annahme halte ich für falsch. Die Vorteile sind auch für kleinere Betriebe groß.

ZEIT: Immerhin dienen viele digitale Anwendungen der Rationalisierung.

Richenhagen: Aber das ist ja ein Vorteil!

ZEIT: Der meist auf Kosten des Nachbarn geht ...

Richenhagen: Weil man halt sein Geschäft besser macht. Dass Wettbewerb auf Kosten von Wettbewerbern geht, ist ja klar. Das ist das Wesen der Wirtschaft.

ZEIT: Aber in diesem Geschäft hat das erhebliche soziale Folgen. Die Demonstration "Wir haben es satt!" war auch ein Protest gegen die Entvölkerung der ländlichen Räume und den Verlust von Agrikultur, etwa in Mecklenburg-Vorpommern.

Richenhagen: Die Landwirtschaft in Ostdeutschland war schon zu DDR-Zeiten hoch konzentriert. Und Rationalisierung führt nicht unbedingt dazu, dass es weniger Betriebe gibt. Im Gegenteil: Oft können die kleineren Unternehmen dann sogar besser mithalten mit den größeren.

ZEIT: Noch stehen ja Väter und Söhne staunend vor dem 500-PS-Traktor, den Ihre Firma Fendt unbescheiden als "German Meisterwerk" bewirbt. Wird die neue Technik nur in die teuren Vorzeigemaschinen eingebaut?

Richenhagen: Nein. Auch ein Schmalspurschlepper für den Weinbau hat heute schon unglaublich viel Software – wenn der Bauer das will.

Das globale Bild der Landwirtschaft ist ungeheuer vielfältig. Da sind die unüberschaubaren Maisfelder Nordamerikas, die riesigen Agrarbetriebe in Russland. Da ist der Reisbauer in Asien und der Tomatenzüchter in den Treibhäusern der Niederlande. Es gibt globalisierte Unternehmen mit mehreren Tausend Hektar Ackerfläche – und den Afrikaner oder Inder, der auf gerade einem Hektar versucht, Reis und Maniok für die Familie wachsen zu lassen. Der Verdacht liegt nahe, dass die Technisierung und die digitale Vernetzung der Landwirtschaft die Kluft zwischen hoch entwickelten und sich entwickelnden Staaten, zwischen dem Agrarindustriellen und dem kleinstbäuerlichen Selbstversorger noch wachsen lassen werden.

ZEIT: Bauern in Entwicklungsländern fehlen Geld, Bildung und Ausbildung. Droht ein digital divide, eine wachsende Digitalkluft, auch in der Landwirtschaft? Wird die Technik die globale Ungerechtigkeit noch verschärfen?

Richenhagen: Ja, wenn wir es schlecht machen. Machen wir es aber richtig, dann bietet die Digitalisierung in den armen Ländern sogar Vorteile. Wichtig ist natürlich, dass die Infrastruktur vorhanden ist. Es gibt ja sogar afrikanische Staaten, in denen ländliche Regionen besser mit WLAN abgedeckt sind als bei uns. Dort können Sie digital bestimmte Dienstleistungen anbieten, die es vor Ort nicht gibt. Der Landwirt kann mit dem iPhone Geld überweisen. Wenn er eine Panne hat, dann schickt er per SMS ein Foto von dem Schaden an den Händler. Der kann gleich sagen, wann er das Ersatzteil vorbeibringen lassen wird, und dem Bauern online erklären, wie es zu montieren ist. Man kann die Leute auch per Internet schulen.

ZEIT: Aber doch wieder nur jene, die ohnehin schon besser dran sind, weil sie zum Beispiel lesen und schreiben können.

Richenhagen: Das stimmt nicht, wir haben auch Apps für Analphabeten. Vergessen Sie nicht: Die sind ja nicht dumm! Sie hatten nur keine Schule im Dorf.

ZEIT: Entwicklungsgelder fließen – etwa in Kenia, Ghana oder Sambia – vor allem in Agrarregionen, denen es schon besser geht und wo das Produktionspotenzial besonders hoch ist. Ist das überhaupt Armutsbekämpfung, oder wollen die Konzerne in Afrika ein Agrobusiness wie in den USA aufbauen?

Richenhagen: Ich halte das für Armutsbekämpfung. Weltweit hungern 800 Millionen Menschen, in einigen afrikanischen Ländern sind es bis zu 20 Prozent der Bevölkerung. Subsistenzbauern, die ihre Familie von einem Hektar Land durchfüttern, müssen zusätzliche Erträge produzieren, damit sie einen Teil ihrer Ernte verkaufen können, um Einkünfte zu generieren. Wenn wir das Problem nicht lösen, gibt es Bürgerkriege. Die Leute werden dann an unseren Grenzen stehen. Das Problem kann nicht allein über die afrikanische Hacke gelöst werden, mit der die Frauen ihre Felder bestellen, während die Männer auf dem Dorfplatz labern.

ZEIT: Niemand sagt das. Aber sollten die Entwicklungsgelder nicht auf die Ärmsten konzentriert werden?

Richenhagen: Uns kann man nicht vorwerfen, dass wir nur die besten Gegenden aussuchen. In Afrika sind wir überall. Da gibt es 60 Millionen Farmen, davon haben 77 Prozent überhaupt keine Mechanisierung, 19 Prozent gelten als Aufsteigerfarmen und nur vier Prozent als mittelgroße oder richtige Güter. Die meisten Hersteller interessieren sich vor allem für die letzte Gruppe. Aber wir versuchen, auch den Kleinbauern etwas zu bieten.

"Ich halte Vielfaltskulturen für eine super Vision"

Wann immer Agrarkonzerne in Entwicklungsländer vordringen, stehen sie unter Verdacht: Die wollen nur Saatgut und Dünger verkaufen und ihre Maschinen an den Mann bringen – danach ziehen sie weiter, und der Kleinbauer ächzt unter der Last seiner Schulden. Es stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen die Mechanisierung auch afrikanischen Kleinbauern helfen kann, die Erträge zu steigern.

ZEIT: Bieten Sie denn auf afrikanischen Märkten spezielle Produkte an?

Richenhagen: Wir haben zum Beispiel eine komplett neue, hochmoderne Baureihe von relativ einfachen Schleppern entwickelt. Die Einzelteile bauen wir überall auf der Welt, jeweils dort, wo es am günstigsten möglich ist. Dabei haben wir uns bei Volkswagen eine Art Plattformstrategie abgeschaut. Die Teile lassen sich sehr gut kombinieren. Und wir können die Schlepper in China genauso zusammenbauen wie in Frankreich oder in Afrika. Darüber hinaus haben wir eine chinesische Mähdrescherfirma gekauft, die einfache Maschinen herstellt. Die haben wir ein bisschen modernisiert, ideal für Afrika.

ZEIT: Das klingt dennoch nach Verwertung von Restposten.

Richenhagen: Ganz im Gegenteil. Dahinter steht eine gezielte Entwicklung für solche Märkte und ihren Bedarf. Das haben wir in Brasilien gelernt. Der damalige Präsident Lula da Silva hat mich einmal gefragt, was wir eigentlich neben unseren großen Traktoren für die kleinen Bauern zu bieten haben. Ich habe zurückgefragt: Was braucht ihr denn? Wie müsste ein "Volkstraktor" aussehen? Die Antwort: 10.000 Dollar dürfe der Traktor kosten – so etwas hatten wir nicht im Programm. Der Deal war dann, dass wir das machen – aber dafür musste die Regierung sicherstellen, dass die Landwirte die Maschine auch finanzieren können. Im ersten Jahr haben wir 4.000 Traktoren verkauft, im zweiten 12.000, im dritten 40.000. Dann hat auch die Konkurrenz schließlich diesen Markt entdeckt.

ZEIT: Gibt es so eine Geschichte auch in Afrika?

Richenhagen: Beim African Business Summit in Addis Abeba stellen wir jetzt unsere "Farm in a Box" vor. Das ist ein kleiner 50-PS-Schlepper von Massey Ferguson mit fünf Anbaugeräten vom Pflug bis zur Egge – alles in einer Holzkiste. Der Schlepper kostet weniger als 10.000 Dollar, das ganze Paket weniger als 20.000 Dollar. Und aus der Kiste wird wahrscheinlich am Schluss noch ein Hühnerstall gebaut.

ZEIT: Woher soll ein Subsistenzfarmer, der nur sich und seine Familie ernähren kann, 20.000 Dollar nehmen?

Richenhagen: Wir bringen nicht nur das Training mit, bilden Mechaniker aus, etablieren ein Vertriebsnetz für Ersatzteile. Wir haben auch Partner an Bord wie den Münchner Konzern BayWa, der weiß, wie genossenschaftliche Strukturen funktionieren. Ein einzelner Farmer kann natürlich nicht 20.000 Dollar investieren, aber zehn oder zwanzig Farmer können einen kleinen Maschinenring aufmachen. In einem solchen Zusammenschluss kann das funktionieren.

ZEIT: Das geht nur, wenn die Erträge steigen.

Richenhagen: Das haben wir natürlich getestet. Mit der Mechanisierung wirft ein Maisfeld in unseren Versuchen die bis zu dreifache Erntemenge ab. Und wir haben das Geschäftsmodell sorgsam durchgerechnet: Tun sich nur fünf Familien mit jeweils fünf Hektar zusammen, können sie das Paket innerhalb von drei Jahren finanziert haben – und sie haben währenddessen selbst mehr zu essen.

ZEIT: Vorausgesetzt, es gibt keine trockenen Jahre, keine Schädlingsplage und die Preise sinken nicht in den Keller ...

Richenhagen: Wir haben den großen Vorteil, dass die Menschen uns vertrauen. Massey Ferguson ist länger in Afrika als Coca-Cola. In Äthiopien ist einer unserer Traktoren auf der Rückseite des 10-Birr-Scheins abgebildet!

Bisher kannte Landtechnik nur eine Entwicklungsrichtung: Die Maschinen wurden größer, schneller, effizienter. Sie förderten Wachstum und Spezialisierung. Heute erproben Entwickler wendige Agrarroboter, die Pflanzen säen, pflegen und ernten. Wie ihre Roboterkollegen von Amazon das Zentrallager überblicken, so wissen sie genau, wo was wächst. Das könnte in Zukunft ein Kontrastprogramm zu den umweltschädlichen Monokulturen sein: Wenn auf dem Acker nicht mehr eine Pflanze gedeiht, sondern verschiedene Kulturen gleichzeitig, spenden sie sich gegenseitig Schatten, schützen einander vor Schädlingen, nützen dem Boden. Solche "agrarökologischen Systeme" machen mehr Arbeit. Intelligente Roboter könnten helfen und etwa zu unterschiedlichen Zeitpunkten ernten, was gerade reif ist. Smart Farming statt Big Farming wäre ein Weg zu mehr Vielfalt auf dem Acker.

ZEIT: Ist Agrarökologie auch etwas für die Präzisionslandwirtschaft?

Richenhagen: Durchaus! Wenn Sie durch Amerika reisen, kriegen Sie ja eine Depression, weil Sie den ganzen Tag nur Mais und Soja sehen. Da besteht die einzige Abwechslung noch in den Schildchen der Saatgutlieferanten: Pioneer und Monsanto. Diese Monokulturen haben nur Nachteile, man braucht Pestizide, Düngemittel, verschmutzt das Grundwasser, und wenn die Schädlinge schneller sind als die Sortenzüchtung, dann erwischt es gleich riesige Flächen. Deshalb halte ich solche Vielfaltskulturen für eine super Vision. Ich fänd’s toll, wenn so eine naturnahe Landwirtschaft käme.

ZEIT: Arbeiten Sie daran?

Richenhagen: Vielfaltskulturen müssen ja sehr genau geplant und organisiert werden. Das kann man mit Präzisionslandwirtschaft. Im Moment arbeiten wir eher noch mit Universitäten in der Grundlagenforschung zusammen als mit Landwirten auf dem Feld.

ZEIT: Sind die Landwirte noch zu skeptisch?

Richenhagen: Wir haben mal mit einem großen Autohersteller überlegt, wie Landmaschinen in Zukunft aussehen könnten. Die kamen mit so kleinen Flitzermaschinen, Robotern, die sie Ameisen nannten. Damit befassen wir uns jetzt. Aber bei den Bauern war das noch kein Renner; die sind immer noch auf größere, breitere, schnellere Maschinen aus. Das ist wie bei den Konsumenten und ihren Autos: Eigentlich brauchen sie nur einen kleinen Wagen für den Einkauf. Aber begeistern tun sie sich noch immer für den Ferrari oder den dicken SUV.