ZEIT: Wir hatten eigentlich erwartet, dass Sie bei der Hightech-gesteuerten Präzisionslandwirtschaft als Erstes von deren Nachhaltigkeit schwärmen würden; davon, dass man Kunstdünger gezielter dosieren könne ...

Richenhagen: ... und genau verfolgen, auf welchem Hektar Ihr Brötchen aufgewachsen ist, aus welchem Saatgut und mit welchen Pflanzenschutzmitteln es hergestellt wurde! Darauf legen ja die Handelsketten zunehmend Wert. Beim Tierwohl ist ihr Interesse sogar noch größer.

ZEIT: Das mag sein. Aber wächst nicht zugleich die Abhängigkeit der Bauern vom Agrobusiness, wenn jetzt Maschinenhersteller Daten- und Beratungssysteme verkaufen und diese Informationen auch noch verwalten?

Richenhagen: Es gibt da zwei Philosophien. Einige Unternehmen wollen die Landwirte über die Software auch zum Kauf ihrer eigenen Produkte bringen. Wir haben uns gesagt: Der Bauer kann das eigentlich nicht mögen, der kauft nicht gern alles von der gleichen Marke. Lasst uns lieber eine offene Plattform anstreben. Unsere Maschinen sollen mit denen aller anderen Hersteller kommunizieren können.

ZEIT: Was funktioniert denn besser?

Richenhagen: Wir können nicht ganz falsch liegen: Wir haben schon mehr Software auf Maschinen anderer Firmen installiert als auf unseren eigenen. Genauso offen wollen wir auch bei der Kommunikation zwischen unserer Software und der von anderen Playern sein, etwa der von Saatgutanbietern. Wir reden gerade mit Google. Und wir kooperieren bereits mit Monsanto, Pioneer und BASF.

ZEIT: Der Mähdrescherhersteller Claas redet ebenfalls mit Google, arbeitet mit Bayer und dem Saatguthersteller KWS zusammen. Habe ich es also in Zukunft als Landwirt mit wenigen großen Konsortien zu tun? Oder erwarten Sie doch noch eine Einigung aller Anbieter, sodass der Bauer wirklich frei wählen kann, von wem er welche Beratung, welche Software, welche Maschine und welches Saatgut haben will?

Richenhagen: Es wird Konsortien geben: eines um John Deere und Monsanto, eines rund um Claas. Bei der Claas-Tochter 365FarmNet wollen wir ja auch mitmachen und führen dazu Gespräche. Letztlich ist es uns egal, wir können mit allen. Für den Bauern wäre eine Industrielösung besser.

Bei der Debatte um die Digitalisierung im Stall und auf dem Acker ist es nicht anders als bei Netflix, der Telemedizin oder den Versicherungen. Auch in der Landwirtschaft ist die Frage: Wem gehören die Daten? Wer darf mit ihnen arbeiten? Erfährt der Bauer nebenan, welche Ernte sein Nachbar einfährt? Wie der seine Schweine füttert? Wie viel oder wenig dessen Land wert ist? Und die Hersteller: Erfahren sie, wo ihre Produkte im Einsatz sind?

ZEIT: Werden die Bauern nicht misstrauisch, wenn Landmaschinenhersteller und Saatgutunternehmen durch die Online-Beratung minutiöse Einblicke in ihre Arbeitsweise bekommen?

Richenhagen: Auch da sind die Philosophien unterschiedlich. Manche Unternehmen sagen, die Daten gehörten ihnen. Wir sagen: Sie gehören dem Landwirt, und wir greifen nur auf die Informationen zu, die er uns zur Verfügung stellt. Eine Ausnahme sind die Maschinendaten. Die brauchen wir für die Fernwartung. Nur dann können wir den Fehler schnell identifizieren, wenn der Motor mit zu hohen Temperaturen oder zu niedriger Drehzahl läuft.

ZEIT: Trotzdem, je besser Sie beraten wollen, desto mehr Daten brauchen Sie ja. Wie garantieren Sie den Bauern, dass Sie nicht deren beste Anbautricks dem Konkurrenten in der Nachbarschaft verraten?

Richenhagen: Ein bisschen Vertrauen gehört schon dazu, denn theoretisch können wir die natürlich stehlen und jemand anderem zur Verfügung stellen. Die Landwirte haben aber auch gar nichts gegen diesen Datenaustausch. Da schwingt immer noch ein bisschen die genossenschaftliche Idee mit: Wenn ich etwas vom anderen lernen kann, dann soll der sich ruhig auch mal was von mir abgucken. Die Sache soll nur anonym bleiben.

ZEIT: Aber die Agrarkonzerne könnten sich die Ideen eines Bauern patentieren lassen und sie dann in der Online-Beratung weiterverkaufen.

Richenhagen: Das Problem betrifft weniger uns Hardware-Hersteller als zum Beispiel Monsanto. Die waren in der Vergangenheit ja mal ein Chemieunternehmen. Jetzt entwickeln sie sich gerade vom Saatgutkonzern zum IT-Hersteller weiter, der komplette Anbaurezepte vermarktet. Das mögen die Bauern nicht besonders.

ZEIT: Und Sie?

Richenhagen: Ich sitze mit dem Monsanto-Präsidenten Hugh Grant in einem Aufsichtsrat und sage ihm da immer: Deine Kunden finden das möglicherweise doof. Anfangs hat er mir erklärt, warum das Quatsch ist, aber mittlerweile widerspricht er mir nicht mehr. Ich als Bauer würde mich schon fragen: Wirst du jetzt noch abhängiger von Monsanto? Oder probierst du das neue Paket erst mal aus, und wenn es nicht funktioniert, dann kaufst du woanders?

ZEIT: Wenn es so ein "Woanders" angesichts der wachsenden Marktkonzentration noch gibt ...

Richenhagen: Gefährlich wäre natürlich, wenn es jetzt zu noch mehr Zusammenschlüssen auf dieser Ebene kommen sollte. Monsanto hat ja versucht, Syngenta zu kaufen, und DuPont und Dow gehen zusammen. Und es heißt zwar, das sei kartellrechtlich nicht bedenklich, weil die Sparten Farbe, Chemie und Landwirtschaft getrennt werden. Doch hinterher gibt es weniger Anbieter bei Düngemitteln, Pestiziden und Saatgut. Allerdings passen die Bauernverbände da schon auf.

ZEIT: Gehen US-Farmer anders mit ihren Daten um als die "datenhysterischen" Europäer?