"Ich pass' auf dich auf!"

Die Fragen kamen von einer Frau aus diesem Ressort Z. Ich habe mir diesen Artikel nicht ausgesucht. Ich wurde mit sanftem Druck zu ihm hingeführt. Gut, richtig gewehrt habe ich mich auch nicht.

Die Fragen bezogen sich auf die Kölner Silvesternacht und waren ein bisschen heikel: Weshalb hat es eigentlich keine Rangelei unter Männern gegeben? Warum haben die Partner der angegriffenen Frauen diese nicht mit all ihrer Kraft zu schützen versucht? Berichtet wurde über prügelnde Deutsche jedenfalls so gut wie nichts, stimmt. Die Kollegin sagte, sie habe in einem Fernsehbeitrag ein Interview mit so einem Freund einer attackierten Frau gesehen. Der Freund sei noch ganz schockiert gewesen und habe gezittert. Er habe gesagt: Seine Freundin sei belästigt worden, obgleich er sie an der Hand gehalten habe. "An der Hand gehalten!", sagte die Kollegin mit allen Anzeichen der Ratlosigkeit. Dabei hätte er doch mit seinen Händen dazwischengehen müssen. Man müsse mal was Grundlegendes über den deutschen Mann schreiben.

Ich sei da kein Experte, wollte ich noch zu der Kollegin sagen. Ich sei mit sieben Jahren aus Polen ausgewandert, schlimmer Migrationshintergrund. Das mache mich als Autor wenig glaubwürdig. Außerdem hätte ich eine Beinverletzung, beim Prügeln sei auch ich ein Totalausfall. Aber da war sie schon aus der Tür.

Ich habe ein wenig recherchiert, was über den deutschen Mann zu den Kölner Vorgängen geschrieben und gesagt wurde. Man stößt da rasch auf trübe Quellen. Auf der dubiosen katholischen Internetseite gloria.tv wird das Video-Statement der sehr schönen russisch-deutschen "Kriegsheldin Margaret Seidler" gezeigt. Angeblich hat sie mit Gottes Beistand und einer Kalaschnikow auf der Krim gegen die Ukrainer gekämpft. Frau Seidler trägt ein bäuerliches Kopftuch und spricht Russisch mit deutschem Akzent. Im Hintergrund hängt eine Ikone, auf der Jesus eigentümlich finster blickt. Die deutschen Männer, sagt Frau Seidler, seien aufgrund einer verweichlichten Erziehung zur falschen Toleranz hoffnungslos degeneriert. Genauer gesagt: Sie seien gar keine Männer mehr. Frau Seidler sagt dies ernst und lächelnd zugleich, mit schadenfroher Ironie.

Dann las ich einen Artikel in der FAZ. Die Autorin, Kerstin Holm, berichtete mit großer Sympathie von zwei russischen Schriftstellerinnen, die eine Krise europäischer Männlichkeit diagnostizierten. Es habe, sagte eine der Russinnen verwundert, in Köln keine "zerschlagenen männlichen Physiognomien" gegeben. Ob es etwa zum Sieg des Feminismus gehöre, dass die Frau für alles zuständig sei, auch für die Abwehr von Vergewaltigern? In Russland wäre ein Szenario wie in Köln undenkbar gewesen. Es wäre ohne Opfer unter den Angreifern nicht abgegangen, sagte sie noch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, sah ich vor meinem inneren Auge ein Splattermovie. Es spielte am riesigen Kursker Bahnhof in Moskau. Die Angreifer nordafrikanischer Herkunft kämpften gegen die russischen Beschützer. Zur Anwendung kamen Fäuste und allerlei Stichwaffen. Am Ende wurde Frau Seidler von gloria.tv eingeblendet, sie sprach vom Heldentum. Lediglich drei Frauen seien sexuell belästigt worden, sagte sie. Sieben Angreifer seien zu Tode geprügelt worden. Ein Russe habe dabei sein Leben gelassen, Opfer eines tückischen Messerstichs. Sie nannte ihn den Helden vom Kursker Bahnhof.

Frau Seidler hat ja in meinem inneren Film schon recht: Die Fragen meiner Kollegin haben mit Heroismus zu tun. Wer nur einen flüchtigen Blick in die Kulturgeschichte wirft, liest dauernd von Männern, die Frauen retten. Von Männern, denen die Rettung gelingt (Nathan der Weise, Lessing). Von Männern, die beim Rettungsversuch den Heldentod sterben (Der Findling, Heinrich von Kleist). Die patriarchale Gesellschaft, die in anderen Ländern der Welt noch putzmunter ist, war nie eine, in der die Frau aus Lust und Laune gedemütigt werden sollte. Man denkt sich das heute ja so: Patriarch gleich Frauenunterdrücker. Der Patriarch aber war, zumindest als Ideal, kein Tyrann, sondern der Beschützer seiner Frau und seiner Kinder. Er zog mit größter Selbstverständlichkeit in den Krieg, schlug dem geilen Nachbarn eine aufs Maul, wenn er sich an der Gattin vergriff (in besseren Kreisen wurde sich gut angezogen duelliert), und es war immer klar, dass er bei diesen Tätigkeiten sein Leben aufs Spiel setzte. Auch der Mann im Patriarchat hatte es nicht leicht! Die Todesbereitschaft war der Preis für seine privilegierte Stellung.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Man hat dieses längst ausgediente Modell im Nationalsozialismus noch einmal ausgebeutet, dabei hysterisiert und ins grotesk Brutale verschoben. Junge deutsche Männer sollten bekanntlich "flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl" (Adolf Hitler) werden – was aber gegen die Russen am Ende auch nicht half. Ich weiß nicht, warum man bei diesem Thema immer, immer auf die Russen stößt.

Es gibt den Beschützer in Deutschland nicht mehr. Natürlich nicht. Der Beschützer ist aus weiblicher Sicht doch eine lächerliche Figur (zumindest sagen das die Frauen). Ich nutzte in den letzten Tagen in zwei Städten, in Hamburg und Berlin, den öffentlichen Personennahverkehr und beobachtete dabei die Männer, die ein- und ausstiegen. Gut, es mag an den Stadtteilen gelegen haben, aber die Männer entsprachen genau dem Männerbild, das die Zeitschrift Neon seit vielen Jahren verbreitet. Die jungen Männer waren sehr süß und sehr schlank, und man konnte das politisch ganz, ganz unkorrekte Ratespiel vollführen, sich zu fragen, wer von ihnen schwul war oder nur so tat. Viele trugen einen Bart, aber der verlieh ihnen nichts Männliches, im Gegenteil: Der Bart war genauso ein Zitat früherer Moden wie die Röhrenjeans und deshalb superironisch (vor allem bei sehr jungen Männern verstärkt der Vollbart übrigens das Bubihafte, weil die Absicht so sichtbar wird, erwachsener zu wirken, als man ist – egal). Die Männer, die im Wedding einstiegen, sahen natürlich sofort ganz anders aus: russischer, arabischer, stolzer und sehr unironisch.

Ach ja, dieser Song, man kommt nicht an ihm vorbei. Wann ist ein Mann ein Mann? Herbert Grönemeyer sang 1984: "Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht / Außen hart und innen ganz weich / Werden als Kind schon auf Mann geeicht" – und siehe da, nichts stimmt mehr. Der deutsche Mann von heute hat es schwer, und er nimmt es schwer. Er ist außen weich und innen ganz weich, und spätestens seitdem die Wehrpflicht abgeschafft worden ist, wüsste ich von niemandem mehr, der sich berufen fühlte, ihn zu stählen. Ein Junge, der auf dem Schulhof einen Rivalen verdrischt, ist eher ein Fall für die Psychologin und für eine gute Dosis Ritalin, als dass Papi ihn für seine Selbstbehauptung loben würde – was, ich muss es gestehen, in meiner Generation, Jahrgang 1975, noch ein absolut erwünschtes väterliches Verhalten war.

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken erzählte mir einmal, dass sie sich über den neuen Männertypus ärgere. Der Mann von heute sei eitel geworden, er beschäftige sich sehr mit seinem Körper. Er frage die Frau, ob er gut aussehe, ob der Pullover ihm stehe – ein schreckliches Getue. Klar, Frauen müssten sich erst einmal begehrt fühlen, um selbst begehren zu können. Aber ein Mann? Ein Mann, der sich devot zum Objekt des Begehrens mache, bringe alles durcheinander.

Das Durcheinander nennt man gender. Wer von gender spricht, meint die kulturelle Konstruktion von Geschlechtern – alles sei eine Frage der Erziehung und der Kultur. Ein Mann könne auch klassisch weibliches Verhalten an den Tag legen (was er ja tut!), die Frau auch klassisch männliches (was sie, um alles zu komplizieren, seltener tut). Das Durcheinander gilt heute als sehr wünschenswert. Daher irritiert es immer, wenn der Nachrichtensprecher verkündet, es seien bei irgendeinem Anschlag auch Frauen und Kinder unter den Opfern. Ja und? Das ist doch heute, wo Frauen und Männer in jeder Hinsicht gleichgestellt sind, völlig egal.

Früher, in Zeiten des Patriarchats, dramatisierte man wiederum sex, also das biologische Geschlecht. Männer und Frauen galten von Natur aus als extrem unterschiedlich und hatten dementsprechende Rollen zu erfüllen: Der Mann wirkte in der Öffentlichkeit, er war der Beschützer des Landes und der Familie. Die Frau war die Hüterin ihrer Kinder und die Herrin des Haushalts. Vor einigen Jahren sah ich einen jungen Mann auf der Straße in Berlin, der ein T-Shirt trug, auf dem stand: "I prefer sex to gender".

Ich glaube, dass Gesellschaften, die sich in Krisen befinden, die arm sind und in denen das Gewaltmonopol des Staates fragil ist, das biologische Geschlecht überdramatisieren. Und dass Gesellschaften wie die deutsche, die sich stabil und wohlhabend wähnen, gender überdramatisieren. Vielleicht ist Deutschland auch das Paradebeispiel für ein Land, das deshalb so stark auf den weiblich konnotierten Mann setzt, weil es den Heroismus vor wenigen Generationen restlos überstrapazierte.

Man darf vom deutschen Mann nicht erwarten, dass er seine Frau beschützt. Das entspricht nicht seiner zeitgemäßen Rolle, und ein solcher Anspruch wäre letztlich auch ein Affront gegen die Gleichberechtigung. Die meisten Männer (nicht alle!) sind zwar aufgrund ihrer biologischen Ausstattung schlagkräftiger als Frauen, aber unwillig (und womöglich auch unfähig) zuzuschlagen. Frauen, die gerne beides hätten, den durchgegenderten Mann und den Beschützer, denen muss man leider sagen: Beides geht nicht!

Man kann das Durcheinander ja beklagen. Aber, so als Mann gesagt, in den Osten, in das Schussfeld von Frau Seidler, will ich dann doch nicht geraten.