Der Roboter muss den Anweisungen des Menschen folgen. So lautete eines der Robotergesetze des berühmten Science-Fiction-Autors Isaac Asimov. Diese "Grundregeln des Roboterdienstes" fasste Asimov, Dozent und Doktor der Biochemie, 1942 in seiner Erzählung Runaround zusammen. Seine Gesetze dienten vielen Roboterentwicklern tatsächlich als Leitfaden. Bis jetzt.

Denn neuerdings setzt der japanische Elektrotechnikkonzern Hitachi Roboter als Vorgesetzte ein. Um acht Prozent stieg die Produktivität in den Warenlagern, seit künstliche Intelligenz dort die Arbeitsabläufe von Angestellten analysiert und diesen Anweisungen gibt, damit sie noch effizienter werden.

Hitachi ist damit nicht alleine. Auch bei Amazon bekommen die Lagerarbeiter ihre Aufträge auf ein Tablet, das sie zugleich auf der kürzesten Route zum richtigen Regal führt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen: Autopiloten steuern Flugzeuge. Aufträge an der Börse werden durch Handelsprogramme abgewickelt. Und die Entscheidung, ob die Rechnung durch die Haftpflichtversicherung erstattet wird, hängt von der Empfehlung eines Computers ab.

Die Erfindung von immer klügeren Computerprogrammen und immer geschickteren Automaten verändert die Arbeitswelt radikal. Experten sprechen bereits von einer neuen industriellen Revolution. Es wäre die vierte nach den Umwälzungen durch die Dampfmaschine, die Massenproduktion und die Elektronik. Diesmal ist es die Robotik, die nichts unverändert lässt.

Laut einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie mit dem Titel Die Zukunft der Jobs rechnet das Weltwirtschaftsforum damit, dass in den 15 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern bis zum Jahr 2020 rund 5,1 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz durch moderne Technologien verlieren werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Der US-amerikanische Außenminister Thomas Perez bezweifelt zwar, dass es so schlimm kommen wird (ZEIT Nr. 4/16). Analysten der IT-Marktforschungsfirma Gartner schätzen allerdings, dass bis 2018 weltweit über drei Millionen Mitarbeiter einen Roboter als Chef haben.

"Bitte stellen Sie sich jetzt keinen Roboter mit Schlips und Anzug hinter einem Schreibtisch vor", sagt Gartner-Analyst Stephen Prentice. Doch sicher sei, dass Roboter in Zukunft nicht mehr nur mechanische Aufgaben wie in den Fertigungsstraßen der Automobilindustrie übernähmen, sondern verstärkt Arbeitsabläufe koordinierten, planten, managten – und eben Anweisungen gäben. "Das wird vor allem das mittlere Management betreffen", so Prentice’ Prognose, "diejenigen, die sich mit administrativen Routinearbeiten befassen."

Zumindest die Furcht vor dem Wandel ist bei den Betroffenen schon angekommen. Das zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture. Die Hälfte der Führungskräfte der Elektronik- und Hightechindustrie sorgen sich, dass Roboter bald ihre Positionen übernehmen könnten, dicht gefolgt von Bankmanagern (49 Prozent), den Chefs der Luftfahrtbranche (42 Prozent) und des Einzelhandels (41 Prozent). Alles Branchen, in denen die Prozesse schon heute teils automatisiert ablaufen.

Die Studie stellt auch fest, dass Manager viel Zeit mit Arbeiten verbringen, die Maschinen deutlich schneller für sie erledigen könnten. Mehr als acht von zehn Führungskräften wenden demnach einen großen Teil ihrer Zeit für Planung und Koordinierung auf. Dem stimmen Experten zu. Eberhard Hübbe, Partner beim Beratungsunternehmen Götzpartners, beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Managern und ihren Tätigkeiten. Hübbe meint: "Planen, steuern, kontrollieren, diese Managementaufgaben können im Endeffekt von einem Roboter erledigt werden. Meine Hypothese wäre sogar: bis zu 100 Prozent davon."

Und das müsste nicht schlecht sein. Vor eineinhalb Jahren sorgte eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge für Furore. Danach ließen sich Menschen sogar lieber von Robotern anweisen. Für die Studie arbeiteten jeweils zwei Menschen mit einem Roboter zusammen. In den Teams gab einmal einer der Menschen die Anweisungen, einmal der Roboter. Die Überraschung: Die Arbeiter waren nicht nur produktiver, wenn ihnen ein Roboter Befehle erteilte. Sie waren auch noch zufriedener. Und sie sagten sogar, sie hätten das Gefühl gehabt, der Roboter habe sie besser verstanden.

"Menschen sind sehr schlecht darin, objektive Entscheidungen zu treffen", bestätigt Gartner-Analyst Stephen Prentice. "Roboter sind darin aber sehr gut." Sie seien emotionsloser, genauer und faktenbasierter. Das glaubt auch Berater Eberhard Hübbe. "Roboter sind unvoreingenommen, was Herkunft, Alter, Geschlecht angeht. Am Ende kann man sagen, sie treffen ihre Entscheidungen gegenüber Mitarbeitern fairer."

Man könnte auch sagen: Sie kalkulieren ihre Entscheidungen besser.

Dank schlauer Algorithmen ziehen Computer selbstständig aus riesigen Datenbergen Rückschlüsse. Deep Learning nennen Forscher die Technik, bei der Computer in Massen unsortierter Daten Muster erkennen. IBMs Supercomputer Watson gewann so schon vor fünf Jahren in der US-Quizshow Jeopardy gegen zwei menschliche Kandidaten. Eberhard Hübbe sieht noch viele weitere Möglichkeiten. "In Zukunft könnte aber auch die Projekt- und Ressourcenplanung großer Infrastrukturvorhaben wie der Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 an Maschinen ausgelagert werden." Der Grund: "Sie verfügen über eine bessere Planungsleistung als menschliche Gehirne."

Wenn Roboter besser planen als Manager, Planung aber einen Großteil der Arbeit von Managern ausmacht, dann stellt sich die Frage, ob Manager noch gebraucht werden.

Sind die Befürchtungen der Führungskräfte aus der Accenture-Studie also berechtigt? Das wäre neu. Bisher waren eher die niedrigschwelligen Jobs von der Automatisierung betroffen. Managerberufe kannten dagegen nur eines: Wachstum – besonders schnell in den Jahren von 1980 bis 2010. Und nun?

"Wenn menschliche Führungskräfte von Routineaufgaben der Ablaufplanung entlastet werden, muss sie das nicht unbedingt abwerten. Denn dann können sie sich verstärkt den strategischen Fragen zuwenden – und das ist sogar mit einer Aufwertung verbunden", sagt Professor Joachim Möller. Er ist Leiter des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. "Der technische Fortschritt hat uns bei vielen anstrengenden und verschleißenden Tätigkeiten große Entlastungen gebracht und den gesellschaftlichen Wohlstand gemehrt", so Möller. Sicher fielen in der Geschichte der Automatisierung Arbeitsplätze weg, aber es entstanden gleichzeitig auch immer neue Jobs.

"Was im Kern übrig bleibt", sagt der Berater Eberhard Hübbe, "ist das Thema Leadership. Wie bringe ich Menschen dazu, sich einer Firma zugehörig zu fühlen?" Manager müssten stärker Beziehungen aufbauen, das könnten Maschinen nicht bewerkstelligen. In Zukunft würde nicht der Klügste für eine Position ausgewählt oder jener, der am besten funktioniere. "Sondern einer, der motivieren kann, Mitarbeitern das Gefühl gibt, dass sie wichtig sind", sagt Hübbe. Sozialkompetenz statt fachlicher Intelligenz.

Sicher sind demnach Jobs, die von der zwischenmenschlichen Beziehung leben. Maschinen sind schon heute in der Lage, Operationen durchzuführen. IBMs digitales Superhirn Watson zum Beispiel empfiehlt Ärzten einer New Yorker Krebsklinik sogar Therapien. Das kann der Computer, weil die Mediziner ihn mit medizinischen Studien, Behandlungsempfehlungen, Symptombeschreibungen und Notizen von Ärzten und Krankenschwestern gefüttert haben. Aber deswegen kann der Computer noch lange nicht Oberarzt werden. Dessen Kontakt zu den Patienten bleibt unersetzbar.

Der Manager der Zukunft ist eher ein Persönlichkeitscoach. Das bedeutet, er muss raus aus dem Büro. Das Verstecken hinter Excel-Tabellen und wichtiger Planung ist zu Ende. Auch Anweisungen per Mail geben kann der Computer besser. Was er nicht kann, ist, mit dem Mitarbeiter reden, ihm zuhören und ihn im Zweifel auch unterstützen. Klingt nach einer Arbeitsteilung, die sogar dem Science-Fiction-Autor Asimov gefallen hätte.