Wann ist es mir eigentlich aufgefallen, dass die meisten Leute jünger sind als ich? Viel jünger sogar. Was bewegt sie? Mit meinem Neffen habe ich einen guten Informanten. Wenn er mich besucht, essen wir Kuchen, sitzen in meinem Erker und reden.

Ich: Du warst lange nicht da. Ein Stück oder zwei?

Neffe: Erst mal eins.

Ich: Ich auch.

Wir essen gierig.

Ich: Und?

Neffe: Mir geht es gut, trotz Sorgen und Zweifeln – oder gerade deswegen. Weil ich in einem Moment lebe, in dem sich mein Leben entscheidet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Ich: Echt? Du bist 26. Du hast doch schon so viel angefangen und abgebrochen.

Neffe: Aber in dem, was ich mit Musik mache, bin ich einer der Besten.

Ich: Woher weißt du das?

Neffe: Signale von anderen. Mein Bauch. Meine Mutter hat mir den Rücken gestärkt, mit langem Atem. Mit Geld und Geduld. Sie weiß, dass ich nicht faul bin. Ich schreibe, ich komponiere, alles kommt aus meinem Kopf und meinem Mund.

Ich: Ich habe kaum Ahnung von deiner Musik.

Neffe: Ich mache R&B.

Ich: Was ist das genau?

Neffe: So etwas wie der Bruder oder die Schwester von Hip-Hop. Aber auch da gibt es viele Richtungen. Du kannst die gar nicht alle kennen. Was hörst du denn?

Ich: Eigentlich alles außer moderner atonaler Klassik. Das geht mir nicht nahe. Musik ist bei mir Gefühlssache. Von Queen zum Beispiel bin ich wie hypnotisiert. Leonard Cohen bringt mich zur Ruhe. Techno gibt mir Energie.

Neffe: Techno ist gar nicht meins. Bei mir gibt es wirklich nur R&B. Die Musikindustrie dazu habe ich die letzten Jahre studiert. Ich bin ein richtiger Nerd geworden. Kann ich noch ein Stück? Dein Kuchen schmeckt, der ist nicht so süß.

Ich: Ist auch ganz leicht, Mandarine mit Frischkäse. Habe ich immer im Tiefkühlfach.

Er bekommt sein zweites Stück.

Ich: Wo findest du als Musiker statt?

Neffe: Vorerst nur im Internet.

Ich: Du setzt alles auf eine Karte?

Neffe: Ich würde es mein Leben lang bereuen, wenn ich es nicht probiert hätte. Leute in der Branche kennen mich schon, ich habe mit Managern Verträge und einen Vertriebsdeal mit einer der größten Independentfirmen. Alles, was ich verkaufen will – CDs, Videos –, ist in Planung oder fertig. Die ersten Videos sind gestartet, ich ziehe jetzt im Netz alle Register. Man muss Klicks haben. Eine Million wäre gut.

Ich: Eine Million!

Ich nehme mir auch noch ein Stück.

Neffe: Ich gucke viel nach USA, weil die am meisten vom Showbusiness verstehen. Deshalb spielt auch mein Körper eine Rolle.

Ich: Das sieht man. Du könntest mit deinen Muskeln für teure Unterwäsche werben.

Neffe: Der Nachteil: Mir passen meine alten Sachen nicht mehr. Machst du noch Sport?

Ich: Ich hatte Schmerzen in der Hüfte und pausiere.

Neffe: Lass dich nicht hängen. Sport und Ernährung gehören zu meinem Fulltime-Job. Ich strebe Perfektion an, so ähnlich wie du bei deinen Texten. Wie findet eigentlich meine Tante muskulöse Männer? Ehrlich!

Ich: Gut. Nur deine Tattoos mag ich nicht.

Neffe: Tattoos gehören dazu. Ich verkaufe mich mit Haut und Haaren als eine gefährliche Fantasie. Aber trotzdem charmant.

Ich: Kommt das bei Frauen an?

Neffe: Öfter, als du denkst. Und auch bei Frauen, wo du es nicht erwartest.

Ich: Na, na.

Neffe: Ich verstehe dein Misstrauen. Ich würde Leuten, die so wie ich reden, ja auch misstrauen. Oft bin ich schlau und stell mich dumm. Oh Mann, bin ich satt.

Ich: Mir ist etwas übel. Sonderbar, dass du noch nie geraucht oder Alkohol getrunken hast.

Neffe: Ich habe keine spektakuläre Story dazu. "Wow!", sagen die Leute, aber es ist überhaupt nicht schwer. Ich will nur immer einen klaren Kopf behalten. Vielleicht fürchte ich auch, dass ich suchtgefährdet sein könnte – so wie mir das bei Frauen und Süßigkeiten manchmal vorkommt.

Nächstes Mal: "Mit 37" von Verena Friederike Hasel