Die Schatten des "Dritten Reiches" waren lang und fielen auf den Neuanfang nach 1945. Auch in Hamburg, auch in der Kirche. Und die Schatten trugen Namen – Namen, die in Kirchenkreisen bislang einen guten Klang hatten. Zum Beispiel Joachim Ziegenrücker. Ziegenrücker, ehemaliger Studentenpfarrer in Kiel, seit 1963 Leiter der renommierten Evangelischen Akademie in Hamburg – ein Mann, der sich unbestreitbar um die jüdisch-christliche Verständigung und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verdient gemacht hat.

Nur nicht im eigenen Fall.

Am Freitag eröffnet Landesbischof Gerhard Ulrich in der Hauptkirche St. Jacobi die Ausstellung Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen – es ist eine hochaktuelle und hochkontroverse Ausstellung, was sich allein daran zeigt, dass schon vor ihrer Eröffnung ein ehemaliger Bischof eine Fachtagung mit initiierte, die in ihrer Einladung den Machern der Ausstellung "offensichtlich wahrheitswidrige Behauptungen" vorwarf.

Der Historiker, um dessen Forschung es geht, heißt Stephan Linck. Vor zwei Jahren hat er im Auftrag der Kirchenleitung eine erste Dokumentation über die Nordkirche und ihre NS-Vergangenheit veröffentlicht, 350 Seiten mit Geschichten von Schweigen, Zwiespalt und Sprechversuchen. In den nächsten Wochen soll ein zweiter Band über die Zeit von 1965 bis zu den achtziger Jahren folgen. Die Ausstellung, die auf Lincks Forschung beruht, soll ein Jahr lang durch Kirchen in Norddeutschland touren, wobei die örtlichen Kirchengemeinden jeweils Beispiele aus der eigenen Region beisteuern werden.

Die Nordkirche hat lange gebraucht, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen, da sind sich die Macher einig. Doch mit ihrer späten Gründlichkeit ist sie jetzt eine Vorreiterin unter den 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland.

Sicher, es gab schon im Oktober 1945 das berühmte "Stuttgarter Schuldbekenntnis" der evangelischen Kirche: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Lincks Forschung zeigt, dass das Bekenntnis in Norddeutschland auch auf Kritik stieß. Wenige Tage nach der Veröffentlichung wies der Schleswiger Bischof Wilhelm Halfmann das Wort aus Stuttgart scharf zurück. Und auch in Hamburg sah die einstweilige Kirchenleitung in der Stuttgarter Erklärung "ein nicht zu rechtfertigendes Eingeständnis einer einseitigen Kriegsschuld".

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Und der Konflikt, das zeigt die innerkirchliche Kritik an der Ausstellung und ihrem Macher, dauert bis heute an.

Joachim Ziegenrücker, der ehemalige Leiter der Evangelischen Akademie in Hamburg, hat eine zwiespältige Vergangenheit. Ziegenrücker, Jahrgang 1912, war 1931 dem "Stahlhelm" beigetreten, dem bewaffneten Arm der Deutschnationalen Volkspartei. Zwei Jahre später, im Jahr der Machtübernahme der Nazis, wurde er Mitglied in Hitlers NSDAP und engagierte sich in der Hitlerjugend. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er im Nachrichtenwesen des Außenministeriums.

Ein Vierteljahrhundert später, mittlerweile längst an der Evangelischen Akademie, berichtete Ziegenrücker, seine jüdischen Freunde machten sich Sorgen über die wachsende "antizionistische Propaganda in Westdeutschland".

War da ein Judenhasser zum Freund der Juden und ihres Staates mutiert?

Hat Ziegenrücker sich für seine Vergangenheit geschämt?

Wie dachte er über die Zeit des "Dritten Reiches" und seine Beteiligung?

Bekenntnisse des Akademieleiters in eigener Sache sind nicht überliefert, und wenn ihn in der Kirche jemand nach seiner Vergangenheit gefragt haben sollte, dann gibt es auch dafür heute keinen Beleg.