Hauptsache ein Foto und ein Tweet: Auf der Fashion Week in Istanbul vor drei Jahren scheint das wichtiger, als den Models auf dem Laufsteg zuzuschauen. © Andreas Rentz/Getty Images

Smartphones und Tablets haben sich zu Universalwerkzeugen entwickelt, zu sozialen Universalwerkzeugen. Denn Online-Kommunikation durchzieht unseren gesamten Alltag. Blicken wir ins Morgen: Da denkt, fühlt, erlebt und handelt der Mensch im Wissen, permanent online, permanent verbunden zu sein – permanently online, permanently connected (kurz POPC). Für viele gilt das heute schon.

Wie aber verändert sich damit unser Lebensgefühl, wie Arbeit und Alltag? Was bedeutet es für innere Einkehr und Zuwendung nach außen, wenn online der Normalzustand wird und offline eine Art Notsituation (Funkloch! Akkuversagen!). Wie sich der vernetzte vom nicht vernetzten Menschen unterscheidet, wissen wir nicht. Dafür ist das Phänomen zu jung. Niemals zuvor in der Geschichte hat eine Technik so schnell vom Alltag Besitz ergriffen. Umso wichtiger ist es, plausible Folgen in den Blick zu nehmen – auch wenn dies im Moment nur auf Beobachtungen und Erwartungen basieren kann. Im folgenden Szenario konzentrieren wir uns ganz auf die Auswirkungen auf den Einzelnen.

Wie wir künftig Probleme lösen

1. Wissenszugang ersetzt Wissen: Wie viel jemand weiß, wird dank POPC zunehmend irrelevant. Ist doch der Zugriff auf anderswo gespeichertes Wissen und auf vertrauenswürdige Personen jederzeit und allerorts möglich. Damit relativiert sich unser Umgang mit Problemen, zum Beispiel das gründliche Einlesen in eine Materie oder das Zusammenstellen der richtigen Experten. Das stärkt das Vertrauen in die Gruppe, mit der ich online verbunden bin. Schwierige Fragen erscheinen weniger schwierig, wenn ein halbes Dutzend Experten per E-Mail oder Facebook binnen Sekunden um Rat gefragt werden kann.

2. Crowd-Befragung ersetzt Kreativität: Die permanente Vernetzung mit Freunden oder Bekannten steigert (theoretisch) auch das verfügbare Potenzial für Kreativität. Wenn 100 Menschen ihre Ideen äußern, steigt die Chance, dass eine brauchbare dabei ist. Darunter leiden könnte die Innovationskraft des Einzelnen, der, bevor er selbst grübelt, erst einmal routinemäßig die Schwarmintelligenz nutzt.

3. Big Data ersetzt Intuition: Wie oft müssen wir uns für einen von vielen unterschiedlichen Wegen entscheiden! Die moderne Entscheidungspsychologie rät uns, in solchen Fällen dem Gespür und der Intuition zu vertrauen. Bald gibt es aber für alles Mögliche eine (wie auch immer zustande gekommene) "Datengrundlage". Geschäftsleute meinen zu wissen, wie Kunden sich entscheiden werden, Lehrkräfte, wie Schüler Aufgaben lösen, Politiker, was Bürger wollen. Da bedarf es keiner Intuition mehr, weil für scheinbar alles eine verlässliche Empirie existiert, die in bunten Grafiken ansprechend präsentiert wird. So gerät das Bauchgefühl als weicher Faktor in Misskredit.

4. Selbstverständlichkeit verdrängt Freude: Wenn digitale Techniken ständig mehr möglich machen, verändert sich vermutlich unsere Vorstellung davon, was eine gute Leistung, ein schöner Erfolg, ein außergewöhnliches Ergebnis ist. Und wir erwarten, dass sich gerade wiederkehrende Probleme effizient, geräuschlos und sofort lösen lassen. Bewertungen wie "Das ist mir gut gelungen!" oder "Toll, wie das geklappt hat!" weichen dem nüchternen Abhaken des Gelingens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Wie wir bald Beziehungen führen

5. Erreichbarkeit ersetzt räumliche Nähe: Telefon und Computer haben geografische Distanzen überwunden. Das Leben im POPC-Modus aber hebt auch situationsbedingte Distanzen auf, sei es zwischen Partnern, Freunden oder Kollegen. So wird in Lebenslagen kommuniziert, die bislang als incommunicado galten: Die Mail per Smartphone während der Konferenz, die WhatsApp-Antwort in der Vorlesung, der diskrete Blick auf die smarte Armbanduhr am Restauranttisch – das sind mittlerweile typische Verhaltensweisen. Wir sind stets erreichbar und erwarten es auch von anderen. Das macht vor privaten Momenten nicht halt und dürfte über kurz oder lang unser Verständnis von Intimität verändern.

6. Konversationsfäden ersetzen Gespräche: Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Kontakt und Nichtkontakt. Herkömmliche Gespräche und Telefonate haben Anfang und Ende. Nun verlaufen Konversationen im latenten Dauerzustand: immer wieder unterbrochen, immer wieder fortsetzbar. So entsteht das Gefühl, einen Kontakt jederzeit und überall (wieder)herstellen zu können. Das geht wohl auf Kosten von Geschlossenheit, Kohärenz und Effizienz – könnte aber ebenso das Gefühl von Verbundenheit und dauerhafter Gemeinsamkeit im Alltag stärken.

7. Unverbindlichkeit ersetzt Zuverlässigkeit: Zusagen zu Partys, Mitwirkung in Arbeitsgruppen, Hilfsangebote für Freunde lassen sich leicht per Handy erledigen – und auch schnell wieder zurücknehmen. Symptomatisch scheint die gesunkene Bereitschaft, sich auf Verabredungen festzulegen: "Lass uns noch mal mailen." Der Wunsch, "Optionen offenzuhalten", wächst. Für Pessimisten ist das ein Verlust von Loyalität und Verantwortungsbewusstsein; für Optimisten ein Gewinn an Autonomie und Flexibilität.

Wie sich unser Selbst verändert

8. Soziale Kontrolle ersetzt Vertrauen: Soziale Medien erleichtern es Liebespartnern, ihre Eifersucht auszuleben. Dank POPC können wir mehr über den anderen herausfinden und unsere Erwartungen an ihn überprüfen, statt uns mit bloßem Vertrauen zu begnügen. So weiß ich als WhatsApp-Nutzer nicht nur, wann mein Gesprächspartner zuletzt online war – ich sehe mittlerweile auch, ob und wie schnell eine Nachricht von mir an ihn gelesen wurde. Je nachdem darf ich mich freuen oder sorgen.

9. Aufmerksamkeit ersetzt Wertschätzung: Wenn unser Freundes- und Bekanntenkreis im POPC-Modus lebt, werden wir ständig mit neuen Informationen überflutet. Unter diesen Umständen könnte sich eine neue Währung sozialer Anerkennung etablieren: Aufmerksamkeit – die Nutzer dürfen sich freuen, wenn ihre Kontakte sie und ihre Botschaften beachten. Etwa indem sie liken, ein Smiley senden oder, das gilt als besondere Würdigung, einen Kommentar schreiben. Schließlich hätten sie ja auch auf die Selbstdarstellungen von 150 anderen Online-Freunden reagieren können.

10. Dabeisein ersetzt Nacherzählungen: Smartphones und Tablets lassen ihre Nutzer intensiv an Erlebnissen von Freunden und Bekannten teilhaben. Urlaubs-Highlights bekommen die Freunde in dem Moment zu sehen, in dem sie fotografiert werden; sportliche Heldentaten werden dank Mitschnitt per Handy- oder GoPro-Kamera quasi live dokumentiert. Das Erzählen von Erfahrungen – zentral für jede Beziehung – verlagert sich auf das mobile Endgerät. Auch weil es das Erlebte spektakulärer und anschaulicher bezeugt als gesprochene Worte.

Wie sich unsere Bedürfnisse verschieben

11. Dauerangebot ersetzt Langeweile: Für den hochvernetzten Menschen gibt es kein Nichtstun mehr. Längst versieht das Smartphone verlässlich seinen Dienst als Zeitfüller und Stimmungsregulator. Wer auf den Bus wartet, einem langweiligen Gesprächspartner gegenübersitzt oder im Fernsehen mit Werbung behelligt wird, findet Zerstreuung in YouTube-Clips, Freundesbotschaften, journalistischen Nachrichten. Viele Menschen greifen reflexhaft zum Smartphone, sobald eine Warteperiode auch nur droht. Im Fahrstuhl schnell noch zwei weitere Tinder-Kandidaten bewerten, in der Supermarktschlange ein neues Katzenvideo anschauen – so werden Leerstellen sofort ausgefüllt. Der einst als produktiv geschätzte Zustand des Müßiggangs scheint aufgehoben. Statt in Tagträumen verlieren wir uns in medialen "Flow-Erlebnissen".

12. Relativität ersetzt Sensation: Auf den Netzmenschen prasseln ständig (vermeintlich) ungewöhnliche und herausragende Neuigkeiten ein. Den schönen Urlaubsfotos von Freundin 1 auf Mallorca folgen noch schönere Fotos von Freund 2 aus Thailand und dann ein Selfie von Freundin 3, die in Amerika zufällig einen B-Promi am Flughafen getroffen hat. Der Trend zur positiven Selbstmitteilung droht uns gegenüber dem selbst erlebten Gewöhnlichen abzustumpfen. Was bedeutet es für unsere Lebenszufriedenheit, wenn aus dem Netz stets noch mal eins draufgesetzt wird?

13. Alleinsein wird zum raren Gut: Wer ständig online ist, muss nicht mehr fürchten, einsam zu sein. Vielmehr droht eine Kontaktüberlastung. Schon haben Apps Konjunktur, die Nichtkommunikation und Nichtvernetzung sicherstellen. Hier gewinnt also die Einöde an Attraktivität – sie muss aber technisch erzeugt werden.

14. Flatrate-Denken ersetzt gezieltes Auswählen: Pauschalmodelle machen den sparsamen und vorausplanenden Umgang mit Angeboten überflüssig. Für die Beschallung der Abteilungsweihnachtsfeier tut es eine der zahlreichen Christmas-Playlists, die beim Musikdienst Spotify bereitliegen; niemand muss mehr die eigene CD-Sammlung durchstöbern. Und wer in den Urlaub fliegt, muss sich nicht entscheiden, welchen Roman er nun einpackt.

Wie sich unser Selbst verändert – also wir

15. Performance ersetzt Authentizität: Wer ständig vernetzt ist, wird auch ständig beobachtet. Die gefühlte Notwendigkeit zur Selbstpräsentation im Netz ist schon ausführlich beschrieben und wissenschaftlich untersucht worden. Die meisten Facebook-Nachrichtenleisten sind sorgsam konstruiert: prall gefüllt mit Erfolgsmeldungen, vorteilhaften Fotos und beneidenswerten Ereignissen. So eine Online-Rolle authentisch auszufüllen, ja auszuleben, erfordert harte Ich-Arbeit.

16. Selbsttransparenz ersetzt Geheimnisse: Dinge, die nur wir selbst über uns wissen, sind wichtig für unsere Identität. Die Forschung zeigt, dass hochvernetzte Menschen ihre Geheimnisse bereitwillig preisgeben, um damit soziales Kapital – Aufmerksamkeit, Kontakte, Image – in ihren Netzwerken zu erwerben. Beflügelt wird das durch die Toleranzkultur des Internets: Früher stigmatisierte Aspekte wie etwa sexuelle Orientierungen und Vorlieben dürfen heute gezeigt werden.

17. Zustimmung ersetzt Meinungsbildung: Die eigene Meinung zu äußern, ist eine besonders aussagekräftige Form der Selbstdarstellung. Sie wird in der modernen Internetkultur mit viel Aufmerksamkeit belohnt. Gleichzeitig lauert die Gefahr, durch eine Meinungsäußerung Menschen vor den Kopf zu stoßen oder sich selbst ins Abseits zu stellen. Durch das Liken und Teilen von Positionen anderer – seien es Prominente oder Politiker, Journalisten oder Blogger – bezieht man Stellung, ohne eine Meinung aktiv formulieren zu müssen. Anstelle von "Ich meine ..." heißt es: "Ich schließe mich der Meinung von ... an", der "Teilen"-Knopf ersetzt das eigene "Das musste mal gesagt werden".

Skeptiker mögen den POPC-Modus als einen Höllenpfad zu Verlogenheit, Selbsttäuschung und Entgrenzung sehen, als Bedrohung unserer Identität. Netzoptimisten hingegen werden die neuen Möglichkeiten, zu experimentieren, Kontakte zu pflegen, ja unseren traditionellen Erfahrungshorizont zu sprengen, als Weg preisen, der zur wahren Selbstfindung führt. Plausibel erscheint aus heutiger Sicht, dass ein Leben im POPC-Modus uns strategischer und narzisstischer macht und einen instrumentellen Umgang mit unseren Mitmenschen befördert. Aber dieser Befürchtung steht ein mögliches Mehr an Freundschaft und sozialer Unterstützung gegenüber.

Permanently online, permanently connected – dieser neue Normalzustand erweitert jedenfalls unser Instrumentarium zur Problemlösung, in erster Linie dank der Weisheit der vielen. Bestimmte Fähigkeiten des Einzelnen könnten dabei freilich auf der Strecke bleiben, und das selbstständige Denken könnte verkümmern. Unter Umständen wird auch alles gleichzeitig zutreffen, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Naiv wäre es freilich, zu glauben, dass, wer permanent online und permanent verbunden ist, das gleiche Leben führt, wie Menschen es bis vor Kurzem gelebt haben.

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