Der Präsident hat eine Vision. Alles, was er plant und tut, dient einem Ziel. Er will, dass sein Land auch von den führenden Nationen des Westens endlich als der gleichrangige Partner in der Welt wahrgenommen wird, zu dem er, Wladimir Wladimirowitsch Putin, Russland mit einem gewaltigen Kraftakt geformt hat. Selbst die Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche und die Überwindung der innerrussischen Kirchenspaltung stehen im Dienst dieses Plans: "Ohne die Verbindung der geschichtlichen und religiösen Erfahrungen gibt es für uns in Russland keine nationale Identität."

Das erklärt der russische Präsident einem deutschen Journalisten, als er ihm nächtens seine Privatkapelle auf dem Gelände der Regierungsdatscha Nowo-Ogarjowo aufschließt und sich bei dieser Gelegenheit als bekennenden Christen charakterisiert. Keine alltägliche Bekundung eines Staatsoberhaupts und schon gar kein üblicher Ort für so ein Gespräch. Aber das Verhältnis zwischen Wladimir Putin und Hubert Seipel ist ganz und gar ungewöhnlich.

Leider verrät uns Seipel nicht, wie er das geschafft hat. Immerhin ist er mit dem vermutlich mächtigsten Mann Russlands in einer Art Dauerdialog, seit der ihn im Januar 2010 erstmals für ein Interview empfangen hat. Meistens trifft man sich irgendwo zwischen Petersburg und Wladiwostok im Riesenreich des Kreml-Herrn, manchmal nimmt der russische Präsident den deutschen Fernsehjournalisten aber auch mit auf Reisen, Staatsbesuche eingeschlossen.

Herausgekommen ist neben einer ARD-Dokumentation und diversen Interviews jetzt dieses Buch, das sich nicht zufällig wie ein Drehbuch, also partienweise mühsam liest. Wenn es stimmt, dass Putin weder die Fernsehdokumentation noch das Buch vor der Ausstrahlung beziehungsweise der Veröffentlichung "zu sehen bekam", um sie "zu autorisieren", sagt das über den Mann mindestens so viel aus wie die zahlreichen Zitate, mit deren Hilfe Seipel sein dichtes Porträt zeichnet. Denn es lässt hinter der Fassade des Pokerspielers einen Politiker erkennen, der sich seiner Mission absolut sicher ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Und diese Mission des Wladimir Putin besteht in der Rekonstruktion eines Landes, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und in einer Phase von Vetternwirtschaft und Verbrechen, Korruption und maßloser Bereicherung durch einige wenige Provinzfürsten und Oligarchen fast vor die Hunde gegangen wäre. Der Präsident und der Autor, der ihm nicht nur biografisch, sondern auch in der Sache fast immer folgt, sind überzeugt, dass der Westen und allen voran die Vereinigten Staaten diese nach wie vor schwierige Lage nutzen wollen, um zu erledigen, was ihnen bis 1991 nicht gelungen ist.

Man muss diese Sicht der Dinge nicht teilen. Man kann auch fragen, ob der Journalist dem gelernten Geheimdienstmann nicht hier und da auf den Leim gegangen ist. Aber man sollte lesen und gewichten, was Putin ihm gesagt hat. Denn diese Klarstellung war fällig.

Hubert Seipel: Putin. Innenansichten der Macht; Hoffmann und Campe, Hamburg 2015; 365 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €