Samstag, 11.09 Uhr. Er ist noch gar nicht richtig aufgewacht, da hat Riccardo Simonetti sein Smartphone schon wieder in der Hand. In seinem blau-weiß gestreiften Baumwollpyjama wälzt er sich im Bett. Sein langes Haar ist zerzaust. Er reibt sich den Schlaf und die Make-up-Reste des Vorabends aus den Augen. Das Smartphone hält er auf halber Armlänge vor sein Gesicht. "Guten Morgen, Snapchat!", sagt Simonetti in die Kamera. Dann gähnt er. Tausende Menschen können ihm dabei zusehen, wenn sie wollen. Sie können auch miterleben, wie er um 11.30 Uhr mit Handtuchturban auf dem Kopf und blankem Oberkörper frisch geduscht in seiner Wohnung steht. 11.47 Uhr, kurzes Update: Simonetti hat sich die Haare geföhnt.

Riccardo Simonetti filmt sich den ganzen Tag, immer wieder, in kleinen Portionen von zehn Sekunden. Die Videos lädt er fast in Echtzeit auf Snapchat, ein soziales Netzwerk wie Facebook – mit einem entscheidenden Unterschied: Auf Snapchat löschen sich alle Videos und Fotos nach 24 Stunden automatisch. Deshalb muss Simonetti ständig neue Zehn-Sekunden-Videos liefern. Macht er das nicht, verschwindet er. Die App hängt die kurzen Clips aneinander, sodass Nutzer Simonettis Alltag aufklicken können und verfolgen, wie er durchs verschneite Berlin bibbert, wie er PR-Partys von Fernsehsendern besucht oder Haarstylisten auf der Herrentoilette der Fashion Week interviewt.

Hundert Millionen Nutzer hat Snapchat innerhalb von nur fünf Jahren gewonnen, die Mehrheit ist jünger als 25 Jahre. Seit Februar haben sich die Zugriffszahlen mehr als verdreifacht. In Brasilien drucken Softdrink-Hersteller Snapchat-Links auf Flaschen. In den USA schicken Konzerne wie Disney ihre Hauptdarsteller bei bekannten Snapchattern vorbei, um dort ihre Filme zu promoten.

Snapchat macht nicht nur Simonetti, sondern Millionen Nutzer zu Hauptdarstellern und Regisseuren ihrer eigenen Big-Brother-Sendungen. Sie müssen dafür nicht bei RTL 2 in ein Big-Brother-Haus einziehen. Die ganze Welt ist jetzt ihr Big-Brother-Haus.

Riccardo Simonetti, 22 Jahre alt, die Eltern Italiener, verdient sein Geld damit, vor der Kamera seines Smartphones er selbst zu sein. Oder das, was er vor der Smartphonekamera eben ist. Wie viel Selbst bleibt dabei am Ende übrig?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Seine Wohnung liegt im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Wenn man sich also über Snapchat versichert hat, dass Simonetti schon wach ist, kann man bei ihm klingeln. Sein Händedruck ist auffallend fest. Die geföhnten, schulterlangen Haare trägt er offen wie sein Stil-Vorbild Lindsay Lohan, die Schauspielerin aus den USA. Dazu eine schwarze Reiterhose und ein schwarzer Rollkragenpullover. Die Wohnung ist eine ehemalige Boutique, ein 30-Quadratmeter-Raum mit einer Kleiderstange, einer Kommode, einem Schuhregal und einem Bett. Die Küche hat er zu einer Abstellkammer für Klamotten umfunktioniert. Poster von Lindsay Lohan, Marilyn Monroe und Lady Gaga an der Wand. Im Grunde wohnt er in einem begehbaren Kleiderschrank. Dass er nebenbei als Laufstegmodel arbeitet, merkt man seinem Gang auch dann an, wenn er sich nur ein Taschentuch aus dem Badezimmer holt.

12.27 Uhr, das Handy, in das er spricht, ist in eine rosafarbene Hülle gepackt: "Leute, ich gehe heute Abend auf ein ganz tolles Event und weiß nicht, was ich anziehen soll. Helft mir!" Simonetti legt zwei Outfits auf sein Bett und bittet seine Zuschauer, eines auszuwählen. Schwarze Jacketts. Beim einen sprenkeln sich die Pailletten über die komplette Vorderseite, beim anderen konzentrieren sie sich über der linken Brust. Die Zuschauer schicken ihm daraufhin persönliche Videos und Fotos, die nur er öffnen kann. Es ist, als könnten Fans live in eine Fernsehsendung hineinrufen, und nur die Darsteller hören es. "Riccardo, ich liebe dich!", "Du machst mich so glücklich!", "Ich schaue dich jeden Abend zum Einschlafen von meinem Bett aus." Das sind nur einige der Botschaften dieses Vormittags. Die meisten Nachrichten und Videos stammen von Schülern und Anfang Zwanzigjährigen, doch es sind auch Mütter und Väter darunter, die über dreißig sind.

Snapchat ist mutiger als YouTube

Riccardo Simonetti ist in mehreren sozialen Netzwerken aktiv, allein auf der Foto-Plattform Instagram hat er 51.000 Anhänger. Er lädt täglich drei bis vier Fotos hoch. Da sie nicht verschwinden, wie auf Snapchat, betreibt er für einzelne Motive einen enormen Aufwand. Für das Instagram-Foto um 13.12 Uhr, das ihn mit seinen beiden möglichen Abend-Outfits zeigt, braucht er mehr als zwanzig Anläufe. "riccardosimonetti. Berlin, Germany" steht darüber.

Mit seinen Kaskaden von Zehn-Sekunden-Clips, die an jedem Übergang holpern, als hätten sie einen Schnittfehler, gibt Snapchat einen ganz eigenen Rhythmus vor. Es hat etwas Rohes, Unmittelbares. Hollywood-Stars versuchen über Instagram oder Snapchat die Paparazzi zu bändigen und die Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Riccardo Simonetti will sie damit erzeugen.

Snapchat, sagen Kollegen, die er am Abend auf der Party treffen wird, zeige die Menschen, wie sie wirklich sind. Außerdem seien dort alle mutiger, weil man ja wisse, dass die Videos wieder verschwinden. Das erlaube es einem, mehr aus sich herauszugehen. Auf der Video-Plattform YouTube hingegen gehe es kontrollierter zu, dort seien eher Persönlichkeiten erfolgreich, die sich so verhielten wie der Nachbar von nebenan.

13.47 Uhr, Simonetti wartet auf die Straßenbahn: "Ich bin jetzt auf dem Weg zum Mauerpark-Flohmarkt. Es wäre schön, den einen oder anderen von euch dort zu treffen. Und wenn nicht, seht ihr mich ja trotzdem." Simonetti hat einen bunten Kunstfellmantel an, in seinen Ohren stecken Kopfhörer. Er trägt sie immer, wenn er seine Wohnung verlässt, um nicht hören zu müssen, wenn wieder einer im Vorbeigehen "Schwuchtel" zischt.

Als Begleiter merkt man oft nicht, ob Simonetti gerade mit einem selbst oder der Handykamera spricht. Tonfall und Lautstärke seiner Stimme und seine Mimik ändern sich nicht. Simonetti erklärt, man müsse in die Kamera sprechen, als wäre sie eine gute Freundin, dann würde Snapchat einen mögen.