Die Hauptbahnhofsfrage lautet: Vorder- oder Hinterausgang? Hinten heraus, nach Süden, liegt die schöne Seite der Stadt mit Aalto-Oper, Museum Folkwang, Krupp-Sitz Villa Hügel und Baldeneysee. Aber wenn schon Ruhrgebiet, dann richtig. Also gleich in die Innenstadt, wo am ehesten zu sehen ist, wie es um den einstigen Kohlenpott steht.

Die natürliche Route führt über die Kettwiger Straße. Sie hat es nie zum Glanz einer Kö oder Mö gebracht. In ihren Läden deckt der Ruhri seinen Bedarf; und der will kein Schönling sein. Als ich in den fünfziger Jahren an der Hand zum Einkaufen gezogen wurde, beherrschten lebensgestählte Ruhr-Mütter den Bürgersteig. Heute machen ihnen Blumen des Orients und moppelige Damen aus dem Trans-Oder-Raum Konkurrenz. Dank Zuwanderung wächst Essen seit zwei Jahren wieder, nachdem die Einwohnerzahl von einst 700.000 auf 570.000 gesunken war. Den klassischen Kohlenpott-Sound – Wattenichsachs, Kannzemasehn – hört man aber immer noch.

Der Burgplatz ist der Renommierort der Innenstadt, und die Fassaden sind noch halbwegs ansehnlich. Das Baedekerhaus hat sich der Verlag gleichen Namens in den zwanziger Jahren hinstellen lassen. Damals war Essen auch ein Zentrum der Druckindustrie. Die prächtige Buchhandlung darin musste längst aufgeben. Dafür hat sich mit der Lichtburg ein paar Meter weiter Deutschlands schönstes Kino gegen die Multiplexe behauptet.

Von der Gulaschkanone verdeckt

Davor sitzt in Bronze Wilhelm I. zu Pferd. Die Christbaumspitze seiner Pickelhaube hat mich als Rotzigen (so nannte man die Essener Jungen seinerzeit) beeindruckt. Kaisers hatten die Krupps des Öfteren besucht, man teilte das Interesse an Gleisen und Kriegsgerät. Während Wilhelm der Grünspan bedeckt, leuchtet der Denkmalskollege vor dem Hohen Dom in frischen Farben. Die Skulptur von Franz Hengsbach im bunten Ornat wirkt fast lebendig. Das ist dem Ruhrbischof angemessen, er stand ja mitten im Leben. Als Theo Albrecht, einer der beiden Aldi-Gründer, 1971 entführt wurde, hat Hengsbach das Lösegeld überbracht. Sieben Millionen – allein die Summe machte damals deutlich, dass die Pfennigfuchser die Stahlbarone überrundet hatten.

Dass Essen einen Dom hat, liegt daran, dass die Stadt schon im neunten Jahrhundert um ein Frauenstift auf dem Gut Asnide entstand. Daher der Stadtname. Dass er nicht vom Speisen herrührt, ahnt man, wenn man über die Kettwiger geht und so gar nirgends einkehren möchte. Zumindest amüsiert es, dass gerade an der Marktkirche das Denkmal des Waffenbauers Alfred Krupp von der mobilen Imbissbude Gulaschkanone verdeckt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Einen Besuch lohnt immerhin das Café Konsumreform auf der Viehofer Straße, weniger für den Konsum als wegen der Reform. Die nördliche Innenstadt ist ein wenig heruntergekommen. Was aber auch heißt: günstige Immobilien in zentraler Lage. Der Unternehmer Reinhard Wiesemann steckt das Geld aus dem Verkauf seiner IT-Firma in etliche Alternativ-Projekte, die das Viertel beleben. Das Café hat er im Parterre einer ehemaligen Versicherungszentrale eingerichtet. Angegliedert sind ein Trödelladen und eine E-Bike-Station. Die sechs Etagen darüber werden als "Mehrgenerationen-Kulthaus" genutzt. Wenn man einfach klingelt, ist nicht ausgeschlossen, dass der Hausherr einen in die Allmende bittet, das gemeinsame, etagenfüllende Wohnzimmer im Dachgeschoss. Im Verfall, meint er, lägen lauter Möglichkeiten für Neues. Essen neigt sonst nicht zum Visionären, aber beim Blick durch die Rundumverglasung auf die ganze Stadt fällt es leicht, an ihre Zukunft zu glauben.