DIE ZEIT: Schweden war Flüchtlingen gegenüber noch großzügiger als Deutschland. Warum haben Sie sich im Winter entschieden, umzusteuern?

Morgan Johansson: Wir haben im letzten Jahr mehr Flüchtlinge aufgenommen als jemals zuvor: 160.000 Asylbewerber – 1,6 Prozent unserer Bevölkerung. Von denen waren 35.000 unbegleitet und minderjährig. Das entspricht 1.000 Schulklassen! Wir müssen uns auf diese Leute konzentrieren: Lehrer ausbilden, Wohnungen bauen, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren. Das schaffen wir – aber nur, wenn wir nicht weiter so viele Menschen aufnehmen wie bisher. Deshalb haben wir an der Grenze zu Dänemark flächendeckende Ausweiskontrollen eingeführt. Wer keine Papiere hat, darf nicht einreisen.

ZEIT: Haben die Flüchtlinge mitbekommen, dass Sie die Gesetze verschärft haben?

Johansson: Oh ja, das haben sie! Die Nachrichten haben sich schnell verbreitet. Letzte Woche kamen nur 800 Flüchtlinge nach Schweden – im Herbst waren es noch 10.000 pro Woche.

ZEIT: Die Einreisekontrollen führen dazu, dass mehr Flüchtlinge in Deutschland stranden. Geben Sie die Belastung einfach weiter?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Johansson: Wir sind ein kleines Land und haben – gemessen an unserer Einwohnerzahl – die größte Bürde von allen getragen. Jetzt müssen andere Länder ran! Ich sage nicht, dass Deutschland nichts tut; neben Schweden und Österreich macht die Bundesrepublik am meisten. Aber es gibt 25 andere Länder, die jetzt auch Verantwortung übernehmen müssen.

ZEIT: Schweden und Österreich haben ihre Asylpolitik verschärft, Deutschland steht mit seiner Willkommenskultur allein da. Glauben Sie, dass Merkel ihre Position durchhalten kann?

Johansson: Deutschland muss selbst entscheiden, wie es mit der Situation umgeht. Die Zahlen pro Kopf sind jedenfalls niedriger als in Schweden.

ZEIT: Der niederländische Regierungschef Mark Rutte hat gewarnt, dass Europa in den nächsten sechs bis acht Wochen eine Lösung finden muss. Dann kommt der Frühling, und die Zahlen steigen wieder. Was muss jetzt geschehen?

Johansson: Wir haben uns im September entschlossen, 160.000 Flüchtlinge von Griechenland und Italien umzuverteilen. Das muss sofort geschehen. Dann sollten wir uns auf einen neuen Mechanismus einigen: Die Flüchtlinge sollten sich in Griechenland registrieren lassen und dort ihren Asylantrag stellen. Dann werden sie dorthin geschickt, wo es Kapazitäten gibt. Wenn ihr Antrag genehmigt wird, dürfen sie bleiben; wenn nicht, müssen sie zurück. Die Flüchtlinge können sich nicht aussuchen, wo sie hingehen, die Länder nicht, ob sie Leute aufnehmen. Dieses System sollte Dublin ersetzen.

ZEIT: Was ist mit den Ländern, die nicht mitmachen wollen? Sollte man sie zwingen?

Johansson: EU-Mitglied zu sein heißt, Rechte und Privilegien zu besitzen. Es heißt aber auch, Verpflichtungen zu haben. Wir können nicht zulassen, dass manche Länder sagen: Wir wollen nur die Vorteile. Es gibt einen Namen für Personen, die so sind: Trittbrettfahrer. Europa kann nicht auf Trittbrettfahrern gründen!

ZEIT: Warum ist es so schwierig, eine europäische Lösung zu finden?

Johansson: Es gibt eine Reihe von Ländern, die alles tun, um sich der Verantwortung zu entziehen. Und es gibt Politiker, die mit Ressentiments spielen. Gerade wir Europäer wissen doch, wo das hinführen kann!

ZEIT: Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten haben viel Zustimmung gewonnen.

Johansson: Wir werden uns bei der Wahl 2018 mit den Schwedendemokraten auseinandersetzen. Bis dahin konzentrieren wir uns darauf, die Probleme zu lösen. Der Schlüssel ist, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Von den Syrern hat ein Drittel einen höheren Bildungsabschluss, da sind Krankenschwestern, Ärzte und Ingenieure darunter. Wir müssen diesen Leuten Schwedisch beibringen. Je stabiler der Arbeitsmarkt ist, desto schwieriger ist es für eine Partei, Gruppen gegeneinander auszuspielen.

ZEIT: Eine 22-jährige Helferin wurde gerade von einem 15-jährigen Flüchtling tödlich verletzt. Ist Schweden gefährlicher geworden?

Johansson: Nein. Der Fall ist eine Tragödie und sollte entsprechend bestraft werden. Aber es gibt kein Anzeichen dafür, dass es wegen der Flüchtlingskrise mehr Gewalttaten gibt.