Wenn ein Reise-Shopping-Sender wie sonnenklar.TV seinen fünfzehnten Geburtstag feiert, wird Prosecco in Moët-Gläsern serviert. Champagner gibt’s an diesem Freitagabend nur in Flaschen, und so eine Flasche kostet 145 Euro, also fast so viel, wie die meisten der Anwesenden für die Reise nach München und ins P1 bezahlt haben.

"Mit tausend Gläsern Sekt starten wir im bekanntesten Promi-Club Deutschlands in das fulminante Jubiläumsevent", so wurde das Wochenende im vergangenen Jahr auf dem Sender beworben; ohne Adjektive, das merkt man schnell, geht es nicht in diesem Business. Im Angebot für 199 Euro: ein Abend im P1, traditionelles Weißwurstfrühstück am nächsten Morgen, eine weitere Party in der Münchner Firmenzentrale, inklusive Galabuffet, zwei Übernachtungen im Hotel. "Ach, übrigens, ich bin auch mit dabei", sagte Harry Wijnvoord, der am Ende des Werbeclips auftauchte. Wer in den Neunzigern ferngesehen hat, kennt Wijnvoord noch. Allen anderen half Wijnvoord auf die Sprünge: "Ich sage nur: Der Preis ist heiß." 510 Zuschauer buchten den Trip.

Sonnenklar.TV ist der letzte Reise-Shopping-Kanal im deutschen Fernsehen. Früher gab es noch Berge&Meer TV, Feriensupermarkt TV, Onlineweg TV, TV Travel Shop. Alle sind weg. Doch sonnenklar.TV schauen im Schnitt täglich 500.000 Menschen. Im vergangenen Jahr setzte der Sender 232 Millionen Euro um.

Freitag, kurz vor halb zehn am Abend, Wijnvoord ist leibhaftig im P1, weißes Hemd, weißer Bart. Seit drei Monaten ist er sogenannter Urlaubsberater bei sonnenklar.TV. Dazu gehört, dass er live im Studio von seinen Reiseerlebnissen erzählt und anschließend am Telefon Fragen beantwortet. Zwei Gerade-so-Volljährige stehen rum, sie kamen 1997 zur Welt, als Wijnvoords Sendung Der Preis ist heiß aus dem RTL-Programm genommen wurde, sie kennen den Mann da vorne nicht, sie kennen sonnenklar.TV nicht, die München-Reise haben ihnen die Eltern geschenkt.

"Jetzt wird gefeiert, steht auf meinem Zettel", sagt Wijnvoord. Gefeiert im P1, dessen Tür irgendwann einmal zu den härtesten Deutschlands zählte, weil alle reinwollten, aber natürlich nicht alle reinkamen. Wo Mick Jagger drinnen Frauen abschleppte und die Scorpions draußen bleiben mussten und wo es darum ging, an der richtigen Stelle zu stehen, dann lernte man Frauen wie Verena Kerth kennen. Jetzt wippen da viele colorierte Kurzhaarschnitte, bewegt sich ein Bauch mit der Aufschrift "Sport for good", steht ein Rücken, auf dem "Realness" prangt. Der sonnenklar.TV-Kunde ist im Durchschnitt 45 Jahre alt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Bevor Michael Jacksons Billie Jean hochgedreht wird, sprechen noch die beiden Geschäftsführer von sonnenklar.TV, die beide Andreas mit Vornamen heißen. Andreas Lambeck sagt: "So cool!" Und "Geil, mit euch zu feiern!" und dass er sich eigentlich gar nicht so mit Reisen auskenne, also nur im Bayerischen Wald und in Italien, ein bisschen. Er kokettiert. Der andere Andreas, Eickelkamp mit Nachnamen, ist von Anfang an dabei, er fing 1999 als Sendeplaner an, da war sonnenklar.TV noch eine Reiseshow, die urlaubsreif hieß und für die vier Angestellte in einem Baucontainer arbeiteten. Eickelkamp sagt: "Wir freuen uns, dass wir den Geschmack der Leute treffen." Und dann läuft wirklich Billie Jean.

Sonnenklar.TV ist Teil der FTI Group, des viertgrößten Reiseveranstalters Deutschlands. Die Produkte, die über den Sender angeboten werden, entwirft der Vertriebspartner Big Xtra, der ebenfalls zu FTI gehört. Tag für Tag präsentieren die Moderatoren zwölf neue Reisen, diese werden maximal 14 Tage lang angeboten, ihre Menge ist begrenzt. Die teuerste Reise ist eine Weltumsegelung auf einem Kreuzfahrtschiff, 124 Tage, Außenkabine, für 24.999 Euro. Die günstigste ist ein Aufenthalt an der Mecklenburgischen Seenplatte, drei Nächte im Hotel (ohne Verpflegung) für einen Euro. Der Durchschnittspreis einer Reise liegt bei 800 Euro, 2001, als sonnenklar.TV auf Sendung ging, waren es noch 320 Mark.