Michael Otto © dpa

DIE ZEIT: Herr Otto, Sie gelten als Ökopionier unter Deutschlands Unternehmern, seit Jahrzehnten setzen Sie sich für die Umwelt ein. Was verbindet Sie so eng mit der Natur?

Michael Otto: Intakte Natur ist für mich pures Glück: ein Raum der Erholung, wo man auftanken kann. Vor einigen Jahren bin ich durch Kasachstan geritten. Wir haben 3.000 Meter hohe Pässe überquert, in der Wildnis unser Zelt aufgeschlagen, Feuer gemacht, nachts die Wölfe gehört. Da merkt man: Auch ich bin nur ein kleines Licht in dieser riesigen Welt. Ein anderes Mal war ich in der Mongolei, unterwegs mit Nomaden. Die ziehen Wildzwiebeln aus der Erde und pflanzen die Samen gleich wieder ein, damit wieder Zwiebeln nachwachsen. Das ist Nachhaltigkeit. Von den Naturvölkern können wir lernen.

ZEIT: Und Sie jetten dabei um die Welt. Haben Sie als erklärter Naturschützer keine Gewissensbisse?

Otto: Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich geschäftlich und privat viel fliege. Andererseits tue ich auch einiges für die Umwelt – und versuche, mein Leben so nachhaltig wie möglich auszurichten. Zum Beispiel setzen wir in unserem Haushalt energieeffiziente Produkte ein und konsumieren viele regionale und saisonale Lebensmittel. Besonders wichtig ist mir, durch mein persönliches Engagement wichtige umweltpolitische Vorhaben voranzubringen. Ich möchte die Sensibilität der Menschen wecken, Ideen anstoßen, etwas ins Rollen bringen. Außerdem habe ich im Konzern einiges verändert, das eine Menge CO₂ einspart. Dazu sind auch Reisen notwendig, aber sie werden um ein Vielfaches kompensiert.

ZEIT: Sie haben schon in den 1970er Jahren Verpackungen aus Recyclingmaterialien eingeführt, als sich in Deutschland kaum jemand für Umweltschutz interessierte. Wieso?

Otto: 1972 ist mir Grenzen des Wachstums in die Hände gefallen, der erste Bericht an den Club of Rome. Das hat mich aufgerüttelt. Wir lebten damals überhaupt nicht in dem Bewusstsein, dass unsere Ressourcen endlich sind und sich die Umwelt nur begrenzt regenerieren kann.

ZEIT: Und dann?

Otto: Wurde mir klar, dass ich bei mir selbst anfangen muss. Wir haben bei Otto zuerst die Kartonagen auf Recyclingmaterialien umgerüstet. 1986 habe ich Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu einem weiteren Unternehmensziel erklärt; später Kataloge auf chlorfreiem Papier gedruckt und alle Pelze aus dem Sortiment entfernt. Das war nicht immer einfach.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

ZEIT: Damals war Umweltbewusstsein noch nicht so verbreitet. Haben Ihre Mitarbeiter Sie belächelt?

Otto: Einige haben das gut gefunden, aber die Mehrheit war anfangs irritiert. Sie dachten sich: "Wir sollen Umsatz und Gewinn bringen, und jetzt kommt der Otto auch noch mit der Umwelt?" Aber mit der Zeit ist Nachhaltigkeit Teil unserer DNA geworden. Heute identifizieren sich die meisten Mitarbeiter mit unserem Streben nach sauberer Umwelt und bringen Verbesserungsvorschläge ein.

ZEIT: Was hat den Umschwung gebracht?

Otto: Die Menschen haben erkannt, dass sich Nachhaltigkeit auf Dauer lohnt, oft auch monetär. Als wir etwa im Konzern anfingen, im Einkauf den Anteil der Luftfracht zu verringern und vermehrt auf Seeschiff und Bahn zu setzen, war das nicht nur gut für die Umwelt – es hat auch Kosten gespart. Und nachdem die Produktionskette für Textilien umweltfreundlicher gestaltet wurde, hat sich der finanzielle Aufwand durch steigende Losgrößen schnell wieder ausgeglichen. So ist es oft mit Umweltschutzmaßnahmen: Am Anfang ist es teurer. Aber nach einiger Zeit machen sich die Investitionen bezahlt, und man hat Ressourcen geschont.