Fünf Tage braucht Andreas Freitag für ein einziges, nun ja, Foto von einem Auto. Er setzt es zusammen, aus mehreren Hundert Bildern, nimmt sich jeweils, was er braucht, ändert Farben, Licht, Kontraste, fügt Teile ein, nimmt Teile heraus, tauscht aus, je nachdem. Am Ende ist der Begriff "Foto" eigentlich nicht mehr ganz richtig, auch wenn Freitags Foto aussieht wie ein Foto. Man könnte vielmehr sagen, es ist ein Kunstwerk, in der ein gewisser Kern Realität steckt.

Das, was Andreas Freitag macht, nennt man Postproduktion. Die Postproduktion ist in der Autowerbung der Prozess, der aus vielen Fotos von einem Auto ein Bild macht, das man als Werbung verkaufen kann. Denn kein Fotograf der Welt ist in der Lage, ein Auto auf Anhieb so darzustellen, wie die Autohersteller ihr Auto dargestellt sehen wollen. Jedenfalls nicht ohne Nachbearbeitung. Und weil die Autoindustrie ein gigantischer Markt und die Autowerbung ein gigantischer Teil davon ist, ist auch die Postproduktion ein gigantischer Markt. Ein Markt, den außerhalb der Branche fast niemand wahrnimmt, ohne den die Werbebilder der Modelle von VW, BMW, Porsche und allen anderen Herstellern aber nicht so aussähen, wie sie aussehen. Nicht mal annähernd.

An einem nieseligen Tag sitzt Freitag vor zwei Monitoren in den Räumen seines Studios "Sublime Postproduction" in Berlin-Mitte. Die Fenster sind verdunkelt, nur ein schmaler Schlitz gewährt ihm die Chance, auf die Gedenkstätte Berliner Mauer zu blicken. Die nächsten drei Stunden wird er im Schnelldurchlauf zeigen, was sie hier so machen, bevor das Foto eines Autos ein Bild für die Werbung ist. Er öffnet in Photoshop eine fertige VW-Werbung für einen Polo. Der Wagen steht auf einem Hubschrauberlandeplatz vor einer Skyline, die Sonne dämmert. "Man muss sich das Bild vorstellen wie viele übereinanderliegende Ebenen, jede davon ein einzelnes Teil des Autos oder des Hintergrunds", sagt Freitag. Klick für Klick nimmt er alle Ebenen heraus, bis das Urbild zu sehen ist: der Hintergrund, vor dem nachher das Auto stehen wird. Das Bild zeigt die Skyline von Benidorm, einem gigantischen Ferienort in Spanien, in den Sommer für Sommer Horden von Touristen einfallen und dort in einer Art Mini-Deutschland oder Mini-England leben – je nach Strandabschnitt. "Das ist eigentlich Platte, wenn man ehrlich ist", sagt Freitag, aber kein Problem, daraus könne man eine schicke Skyline zaubern.

Noch sieht das Bild lieblos zusammengeflickt aus. "Von der Werbeagentur bekommen wir einfach einen ganz groben Eindruck geschickt, damit wir wissen: Wie breit soll die Skyline sein, von wo soll das Licht kommen, wo stehen Gegenstände herum, solche Dinge", sagt Freitag. Dass daraus ein Kunstwerk wird, ist dann sein Job – oder der seiner Mitarbeiter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Im Jahr 2009 gegründet, arbeiten inzwischen neun Leute für das Unternehmen. Das ist solides Mittelfeld in einer riesigen und umkämpften Branche: 2014 gab die Automobilindustrie laut dem Fachblatt Automobilwoche hierzulande 2,43 Milliarden Euro für Werbung aus – Tendenz seit Jahren stark steigend. Die genauen Zahlen geben die Autohersteller nicht heraus, aber Freitag schätzt, dass davon ganz grob ein Drittel auf die Postproduktion entfällt, inklusive Videoproduktionen. Klingt nach einer Goldgrube. Aber das Geschäft hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. "Früher hat der Kunde beim Fotografen ein fertiges Bild bestellt", erzählt Freitag. Der Fotograf habe also auch entschieden, wie sein Bild am Ende aussehen soll, in Zusammenarbeit mit der Postproduktion. Es mache einen großen Unterschied, mit welchem Fotografen man arbeitet, genauso wie es für den Fotografen einen großen Unterschied mache, wer für die Nachbearbeitung seines Bildes verantwortlich ist. Weil am Ende ein Bild eben auf die eine oder auf die andere Art aussehen kann. "Wie überall schauen aber auch bei uns die Autofirmen heute viel mehr aufs Geld als früher", sagt Freitag. Die Postproduktion wird jetzt in der Regel ausgeschrieben – wer am billigsten anbietet, bekommt den Auftrag. Porsche habe sogar eine Art Katalog, berichtet Freitag. "Wie viel kostet es, die Felge aufzuhellen? Wie viel, den Kotflügel zu verändern? Wie viel die Frontscheinwerfer?" Auf Grundlage dieser Liste muss Freitag dann seine Angebote berechnen. "Als könnte man einen kreativen Prozess katalogisieren." Die Controller in den Unternehmen interessiert Kreativität aber nun mal weniger als ein möglichst günstiges Endprodukt. Das ist auch in der Autoindustrie so. Alle, sagt Freitag, wollen am Ende einfach ein gutes Bild haben: Fotograf, Postproduzent, Werbeagentur. "Aber dann kommen die Wirtschaftler und sagen: Nee, zu teuer. Macht es billiger."