An einem Mittag im November sitzt Wulf Gallert, 52, bei einem Berliner Edel-Italiener, um ihn herum die Hauptstadtpresse, neben ihm Gregor Gysi – es gibt Wein und ein Dreigängemenü vom Feinsten. Gallert, Ministerpräsidentenkandidat der Linken in Sachsen-Anhalt, will vom Wahlkampf erzählen. Gysi, die linke Galionsfigur, soll ihn unterstützen.

Aber es läuft nicht gut für Gallert. Gysi interessiert sich für alles. Nur nicht für ihn.

"Falls es Rot-Rot-Grün gibt in Sachsen-Anhalt, gibt es einen Ministerpräsidenten Gallert", sagt Gallert. Gysi starrt in eine Ecke, wortlos.

"Wir haben die wenigsten Patentanmeldungen in Sachsen-Anhalt", sagt Gallert, "erleben ein fatales Hochschulsparen." Gysi greift zum Brot, abwesend mampft er sein Baguette.

"Wir haben eine negative wirtschaftliche Entwicklung", sagt Gallert. Jetzt holt Gysi sein Smartphone hervor und tippt.

"Leute, die mich kennen, wissen, was ich vom Kollegen Haseloff halte", sagt Gallert, er schimpft über Sachsen-Anhalts Regierungschef. Gysi: schürzt die Lippen zu einem lautlosen Pfeifen. Gallert redet und redet, und Gysi guckt aus dem Fenster. Bis, irgendwann, Gallert ausgeredet hat. Einsatz Gysi. "Deutschland ist keine Weltmacht", sagt Gysi, "wenn ich mir eine Rolle für Deutschland wünschen könnte, wäre das die eines Vermittlers." Hernach spricht Gysi von Assad, Putin, Obama, Erdoğan, Syrien, vom IS, dem UNHCR und dem Fakt, dass wir die Digitalisierung des Lebens unterschätzen. Über Sachsen-Anhalt redet er nur kurz. Gallert erwähnt er nicht. Der bleibt für Gysi unsichtbar.

Man muss sagen: Vermutlich ist genau dies das Problem des Wulf Gallert, des linken Fraktionschefs in Sachsen-Anhalt. Dieser Mann will Ministerpräsident werden, aber es fehlt ihm die Aura. Ein Vergleich, dem er sich jetzt immerzu stellen muss, führt einem das erst recht vor Augen: der mit Bodo Ramelow in Thüringen, dem ersten linken Regierungschef.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 5 vom 28.1.2016.

Ramelow und Gysi, das sind diese Politiker, die man auf eine Bananenkiste stellen kann –und nach einer halben Stunde ist der Marktplatz voll. So sagt es Ramelow selbst, wenn er über Gysi spricht, und weiß genau, dass es auch auf ihn zutrifft. Gallert hingegen ist ein Mann, der öffentlich ohne große Wirkung bleibt. Ein netter, kluger Mensch ist er, groß und kräftig, und er trägt einen Schnauzbart, dem man ansieht, dass er ihn schon eine Weile trägt. Die modische Entscheidung einer anderen Zeit.

Es gibt Leute, die sagen, dass Gallert, mit dem treuen Blick, den rosigen Bäckchen, seinem Lächeln, die Freundlichkeit eines friedvollen Bernhardiners ausstrahle – Typ treuer Gefährte. Ein Gysi, mit seinem strammen Selbstbewusstsein, nimmt so einen eben nicht wahr.

Eine Verabredung mit Gallert auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen Halle: Gallert tritt hier gleich zu einer Podiumsdiskussion an. Als der Reporter sich verspätet – verlaufen! –, besorgt sich Gallert die Handynummer, ruft an: Ob er helfen könne? Nett lotst er durch den Innenhof, bis man am Ziel ist.