AfD-Vorsitzende Frauke Petry im November 2015 in Hamburg © Nigel Treblin/Getty Images

Hat sie das wirklich gesagt? Ja, sie hat es gesagt. In einem Interview mit dem Mannheimer Morgen forderte AfD-Chefin Frauke Petry, was im Zweifel an der Grenze mit Flüchtlingen zu passieren habe, sie sagte, "zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt". Deutsche Grenzer, die auf Flüchtlinge schießen? Das gab es schon mal. Wir versammeln hier deshalb fünf einstige DDR-Grenzsoldaten, die wissen, wie das Grenzregime des SED-Staats funktionierte. Und sich gerade deshalb gegen Petrys Vorschlag wehren.

Lutz Rathenow, 63, diente 1972 und 1973 an der innerdeutschen Grenze

"Ich denke, dass Frauke Petry eine Provokation lancieren wollte, Futter im Empörungskurs für die jederzeit Wutbereiten. Was sie andeutet und fordert, das ist in Deutschland nicht erlaubt, das soll und wird es nicht geben: Keiner darf auf unbewaffnete Menschen schießen. Nicht auf Fußballfans, die sich prügeln, nicht auf ertappte Ladendiebe – und schon gar nicht auf friedfertige Flüchtlinge. Als ich Grenzsoldat war, hatte ich eine Maschinenpistole bei mir zu tragen, die im Zweifel auf Dauerfeuer gestellt werden sollte. ›Verdächtige Objekte‹, wie es hieß, hatte ich zu stellen oder zu vernichten. Natürlich habe ich mir vorgenommen, deutlich daneben zu zielen. Aber vielleicht hätte der Soldat neben mir getroffen? Wir wären beide belobigt worden. Ich wäre mitschuldig gewesen. Damals nahm ich mir vor, nie wieder in eine solche Situation zu kommen. Wer heute über Schusswaffen palavert, der nimmt eines in Kauf: die erhöhte latente Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung zu verstärken."

Rathenow, Lyriker, ist Sachsens Landesbeauftragter für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit

Wulf Gallert, 52, musste 1984 an der Berliner Mauer patrouillieren

"Ich hatte immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich diese Waffe trug, die zu meiner Ausrüstung gehörte, als ich DDR-Grenzsoldat war. Ich hatte mir das nicht ausgesucht, es war meine Wehrpflicht, ich habe mich aber auch nicht gewehrt. In Berlin hatte ich zu patrouillieren, und ich fürchtete mich täglich, einem Flüchtenden zu begegnen. Ihn irgendwie aufhalten zu müssen. Was hätte ich gemacht? Vielleicht nur so getan, als hielte ich ihn auf. Zum Glück kam die Situation nie. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass wir allen Ernstes jemals wieder debattieren, ob auf Flüchtlinge geschossen werden darf. Wir könnten es uns leicht machen, sagen: Frauke Petry wollte provozieren. Aber das war keine Provokation. Es war die logische Schlussfolgerung ihrer eigenen Politik.

Die AfD will einen Aufnahmestopp, eine Obergrenze null. Wenn sie das durchziehen wollte, müsste sie Flüchtlinge zurückweisen. Das geht mit Zäunen. Aber über Zäune können Menschen klettern. Um Flüchtlinge wirklich davon abzuhalten, deutschen Boden zu betreten, muss man sie im Zweifel mit dem Tode bedrohen. Es geht gar nicht anders. Aber das ist unmenschlich. Und wer Flüchtlinge zu potenziellen Feinden erklärt, die im Ernstfall mit der Waffe vertrieben werden müssen, der verändert das ganze Land. Der verändert unsere Gesellschaft."

Gallert ist Spitzenkandidat der Linken für die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Dietmar Schultke, 48, war von 1987 bis 1988 Wehrpflichtiger an der DDR-Grenze

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Wir hatten alle eine Kalaschnikow dabei, zweimal 30 Schuss. Ein Magazin im Gewehr, eins in der Magazintasche. Man muss also zwangsläufig überlegen: Wie wäre es, das einzusetzen? Ich nahm mir etwas vor. Falls ich je auf einen DDR-Flüchtling stoße, ziele ich daneben. Gott sei Dank musste ich es nie tun, im Nachhinein sagt sich das ja leicht. Ich hatte wirklich Angst davor. Anderthalb Jahre musste ich im Harz an der Grenze stehen, unfreiwillig, sah vom Brocken aus den Eisernen Vorhang, sage heute gerade deshalb: Es ist lächerlich, absurd, gefährlich, was die AfD jetzt fordert! Es zeigt mir, dass der Übergang zwischen Demokratie und Diktatur fließend ist. So ein Grenzregime wäre totalitär.

Ich wäre in meiner Zeit an der Grenze gern abgehauen. Aber wir wurden stets zu zweit losgeschickt. Mein Begleiter hätte mich im schlimmsten Fall erschießen müssen. Die Scharfmacher-Offiziere sagten ›Grenzverletzer‹ zu Flüchtlingen, um sie zu Gesetzesbrechern zu erklären. Den Gedanken, jetzt Grenzern zuzumuten, notfalls auf ›Grenzverletzer‹ zu schießen? Aberwitzig. Wer die Mauer kannte, kann nur wünschen, dass es das nie mehr geben wird."

Schultke ist Sozialarbeiter und Autor ("Keiner kommt durch. Die Geschichte der innerdeutschen Grenze") im brandenburgischen Golßen

Richard Hebstreit, 69, leistete 1966 an der Berliner Mauer seinen Wehrdienst


"Ich war wütend, als ich hörte, was Frau Petry verlangt; konnte mich kaum beruhigen. Weiß sie, in welche Situation sie die Polizisten bringen würde?

Ich war einer derer, die einst hätten schießen sollen. Jede Schicht im Leben eines DDR-Grenzsoldaten begann mit der Vergatterung – einem militärischen Ritual. Wir liefen zur Waffenkammer, holten unsere Gewehre und die Munition, dann verlas ein Offizier den Vergatterungsbefehl. Niemand sagte so konkret, dass wir Flüchtende zu erschießen hätten. Es hieß, wir sollten einen Grenzdurchbruch mit allen Mitteln verhindern. Wir waren damals jung und leichtsinnig. Die meisten sagten hinter vorgehaltener Hand: Wir sind nicht blöd, wir schießen keinen um. Aber wer weiß das schon. So ein Gewehr hatte eine ungeheure Streuwirkung, man konnte schlecht zielen. Einer meiner Kameraden hatte einmal wirklich einen Flüchtenden entdeckt, aber er wartete, bis der über die Mauer geklettert war, dann erst schoss er, meterweit daneben. Er ist strafversetzt worden deswegen."

Hebstreit ist heute Rentner und lebt in Berlin

Frank Tempel, 47, war 1989 direkt am Brandenburger Tor eingesetzt

"Als ich davon hörte, was Frauke Petry da von sich gegeben haben soll, dachte ich erst: Kann nur ein Missverständnis sein. Blödsinn. Aber nein, die AfD fordert, dass man an der Grenze wieder schießen soll. Der Wahnsinn, Frau Petry!

1989 war ich Offiziersschüler bei der NVA. Anfang November wurden wir zur Verstärkung nach Berlin gefahren. Am 9., 10. und 11. November war ich am Brandenburger Tor eingeteilt. Dort habe ich den Mauerfall erlebt. Ich habe die Kraft der Demokratie gespürt. Seitdem weiß ich, wie falsch diese Mauer war. Es war für uns damals klar, dass wir nie schießen würden. Ich bin mir sicher, dass heutige Polizeibeamte, in einem freien Land, sich solche Anweisungen erst recht nicht geben lassen würden.

Keine Grenze kann Menschen auf ewig voneinander abschotten. Als wären Menschen auf der Flucht Angreifer! Wir leben nicht im Krieg. Ich bin nach der Wende Polizeibeamter geworden, später für die Linke in den Bundestag eingezogen. Ich kenne viele Bundespolizisten, tausche mich mit ihnen über Facebook aus. Ich kenne niemanden, der bereit wäre, eine Waffe auf Flüchtlinge zu richten."

Tempel ist Bundestagsabgeordneter der Linken. Er lebt im Altenburger Land in Thüringen