Bennet Omalu veröffentlicht seitenlange Studien zu seinen ersten Fällen, in denen er die Protein-Ablagerungen beschreibt und einen Zusammenhang zwischen multiplen Gehirnerschütterungen und depressiven Störungen herstellt. Weitere Studien seien notwendig, um herauszufinden, wie man die Krankheit CTE verhindern und behandeln könne. Um mehr herauszufinden, braucht Omalu mehr Leichen.

CTE lässt sich bisher nur nach dem Tod feststellen. Man kann es nicht von außen sehen, auf keinem MRT und in keinem Blutbild. Es ist wie bei einer Avocado, bei der man nie sicher weiß, wie sie von innen aussieht und ob sie gut ist – bis man sie aufschneidet.

Die Liga streitet den Zusammenhang zwischen Football und der Krankheit ab. Omalu, verlangt die NFL, solle seine Publikationen widerrufen – seine Ergebnisse seien bloß Spekulation. Die NFL veröffentlicht auch 16 Gegenstudien, die sie selbst in Auftrag gegeben hat. In einer heißt es, Gehirnverletzungen seien in der NFL eine absolute Ausnahme. In einer anderen steht, dass Gehirnerschütterungen kein Problem darstellten, "die Symptome verschwinden in den meisten Fällen in sehr kurzer Zeit".

"Die NFL versuchte, mich als komischen Voodoo-Doktor aus dem Busch darzustellen", wird Bennet Omalu später sagen. Er, der sein Leben der Wissenschaft gewidmet hat. Eine Beleidigung!

Omalu hat einen ganzen Haufen Uni-Abschlüsse, aber es gibt eine Sache, die er bis heute nicht verstehen kann: wieso die NFL nicht dankbar war für seine Ergebnisse. Wieso sie ihre Spieler nicht schützen wollte. Wieso sie nicht mit ihm zusammenarbeiten wollte.

Bennet Omalu, der Nichtamerikaner und Nichtfootballfan, hatte einen Krieg gegen den Football angezettelt. Ohne es zu ahnen, hatte er sich mit einem der mächtigsten Unternehmen der USA angelegt.

Fünf Jahre nachdem Omalu die Leiche von Mike Webster obduziert hat, interviewt der Fernsehsender HBO einen Neurologen, der für die NFL arbeitet.

Der Moderator fragt: "Gibt es irgendwelche Beweise, die wiederholte Kopfverletzungen bei Footballspielern mit Depression in Zusammenhang bringen?"

Der NFL-Neurologe antwortet: "Nein."

Moderator: "Mit Demenz?"

NFL-Neurologe: "Nein."

Moderator: "Mit früh einsetzenden Symptomen von Alzheimer?"

NFL-Neurologe: "Nein."

Moderator: "Gibt es Beweise, dass irgendwelche Langzeitfolgen mit einem solchen Problem zusammenhängen?"

NFL-Neurologe: "Bei NFL-Spielern? Nein."

2009, als längst nicht mehr nur Bennet Omalu zu dem Thema recherchiert, erreicht der Streit die Politik. Es gibt eine Anhörung vor dem Abgeordnetenhaus in Washington. Hirnforscher präsentieren ihre Studien, ehemalige Spieler erzählen von ihren Gesundheitsproblemen.

Der Chef der NFL, Roger Goodell, wird von den Abgeordneten zu den Hirnschäden befragt. Er weicht immer wieder aus. Wie ein Mantra wiederholt er den Satz: "Wir tun alles für unsere Spieler."

Eine Abgeordnete wirft ihm vor: "Sie benehmen sich wie die Tabakindustrie in den Neunzigern, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und Gesundheitsschäden leugnete." Für die NFL ist der Vergleich ein Albtraum, der ihr Image nachhaltig ruiniert.

Immer wieder befeuern die Tode weiterer Footballer die Debatte:

Justin Strzelczyk, neun Jahre NFL-Spieler, stirbt mit 36, als er bei einer Geisterfahrt in einen Tanklaster rast. In seinen letzten Lebensjahren glaubte er, bipolar zu sein. Strzelczyk hatte CTE.

Dave Duerson, zehn Jahre NFL-Spieler, nimmt sich im Alter von 50 Jahren das Leben, indem er sich ins Herz schießt. In einer Abschieds-SMS an seine Familie hat er darum gebeten, dass sein Gehirn untersucht werden soll. Duerson hatte CTE.

Junior Seau, 20 Jahre NFL-Spieler, tötet sich mit 43 Jahren selbst. Auch er schießt sich ins Herz. Er hinterlässt die Zeilen des Songs Who I Ain’t – über einen Mann, der die Person verachtet, zu der er geworden ist. Seau hatte CTE.

Im Jahr 2011 klagt ein ehemaliger Spieler gegen die NFL, weil die Liga den Zusammenhang zwischen Football und Gehirnverletzungen weiterhin leugnet. Etwa 4.500 weitere Spieler schließen sich an. Bevor der Prozess beginnen kann, kommt es zu einer außergerichtlichen Einigung in Höhe von 765 Millionen Dollar. Die NFL legt Wert auf die Feststellung, dass sie sich keiner Schuld bewusst sei. Das Geld sei lediglich eine medizinische Beihilfe für ehemalige Spieler. Mit dem Schadensersatz, der so nicht genannt werden darf, hofft die NFL die Diskussion zu beenden. Aber nie wurde sie so lebhaft geführt wie heute.

Im vergangenen Jahr hat zum ersten Mal ein Profi aufgehört, weil er Sorge hatte, die Kopfverletzungen könnten seine Persönlichkeit verändern. Er wolle nicht das Risiko eingehen, eines Tages nicht mehr für seine Kinder da sein zu können. Chris Borland war nur ein Jahr in der Liga. Seine Saison war hervorragend. In seiner Begründung sagte er, die Gehirnerschütterungen seien Teil des Spiels, man könne sie nicht vermeiden. "Ich selbst habe nie Bescheid gegeben, wenn ich eine Gehirnerschütterung hatte." Als Footballer klage man nicht über Schmerzen. Im Netz hat Chris Borland viel Spott von Fans geerntet. Er sei ein Weichei, eine Lusche, er solle sein Geld zurückzahlen, schrieben sie in Foren und Netzwerken.

Vor Weicheiern wie ihm fürchtet sich die NFL. Sein Entschluss könnte auch andere ins Grübeln bringen, Männer wie Ed Dickson, für die Gewinnen alles bedeutet, wie an diesem Tag in Charlotte.