Neun Tage ohne Internet – eine Riesenherausforderung für Johannes Völkner. Es ist warm an diesem Nachmittag auf Gran Canaria, der 33-Jährige schwitzt in seinem schwarzen T‑Shirt. Auf dem Rücken trägt er einen großen Rucksack, seinen Reisepass hält er in der Hand. Völkner ist seinem Ziel jetzt nah. Die Sovereign, ein Koloss von einem Schiff: 268 Meter lang, gut 74.000 Tonnen schwer.

Der Name passt: Völkner will sich von niemandem regieren lassen – nicht von Arbeitszeiten und nicht von gesellschaftlichen Erwartungen. Er entscheidet, was er macht und wohin er geht. Das Schiff soll ihn nach Brasilien bringen. Neun Tage dauert die Überfahrt, die Völkner für mehr als 100 Gleichgesinnte organisiert hat.

Die Reisenden gehören zu einer wachsenden Gruppe von Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt verschieben wie andere ihre Zimmerpflanzen. Sie bezeichnen sich als multilokal und ortsunabhängig, sie nennen sich: Digitalnomaden. Feste Arbeitsplätze und -zeiten gehören für sie der Vergangenheit an. Nur ihr Arbeitslaptop ist immer dabei. Wo es ihnen gefällt, da bleiben sie – Netzzugang vorausgesetzt. Sie reisen umher wie Bürger eines Weltstaates; auf der Suche nach Abenteuern lassen sie ihre Heimat zurück. Das Leben ist zu kurz, um es im Büro zu verbringen.

Möglich ist es. Auf WebWorkTravel.com gibt Völkner Tipps, wie man unterwegs Geld verdient. Allein auf Amazon finden sich zum englischen Stichwort "digital nomad" mehr als 10.000 Ergebnisse.

Zur Bibel der Bewegung ist das Buch The Four Hour Week ("Die 4-Stunden-Woche") von Timothy Ferriss geworden, in mehr als 35 Sprachen übersetzt, hunderttausendfach verkauft. Der Autor beschreibt darin, wie jeder Mensch zum Millionär wird, ohne Millionen zu besitzen. Er nennt solche Menschen "the new rich", die neuen Reichen. Reichtum misst er in Erlebnissen. Der Schlüssel zum Glück liege darin, weniger, aber produktiver zu arbeiten – und: Arbeit zu verrichten, die sich nicht danach anfühlt.

Völkner macht das, seit er 20 Jahre alt ist. Damals ging der Westfale für sein Studium nach Kapstadt. Er verliebte sich in eine Frau, blieb – und suchte Arbeit. Mit 25 betreute er die Website eines Schweizer Unternehmens via Internet. Als seine Beziehung zerbrach, zog Völkner los. Seitdem bleibt er nirgendwo länger als ein paar Monate. Wenn er weiterzieht, packt er seine Arbeit einfach in den Rucksack.

Fast jeder zweite Arbeitnehmer wünscht sich mehr Selbstbestimmung

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Für viele klingt das utopisch: Laut Arbeitsministerium arbeiten gerade mal 20 Prozent der Beschäftigten ab und zu von zu Hause aus. Von den Übrigen wünscht sich allerdings fast jeder Zweite mehr Flexibilität im Job. Für 20- bis 35-Jährige ist Selbstbestimmung gar das höchste Ziel eines erfolgreichen Lebens, wie eine Studie des Zukunftsinstituts in Frankfurt zeigte. Gleich danach kommt: "das Leben genießen". Erst an zehnter Stelle folgt die Karriere.

Völkner will nur genug zum Reisen verdienen. Dafür verkauft er Therapiematerialien für Psychologen. Übers Internet, versteht sich. Die Arbeit kostet ihn nur wenige Stunden im Monat und belohnt ihn mit viel Freizeit – die verbringt er am liebsten mit Kitesurfen, Freunden und seiner neuen Leidenschaft: Digitalnomaden vernetzen. Die Kreuzfahrt war ein Schnäppchen, das er im Internet gefunden hatte und online mit anderen Digitalnomaden teilte. Wer dabei sein wollte, buchte sich die Fahrt selbst. Völkner hält die Gemeinschaft nun über seine Facebook-Gruppe zusammen. Sie wächst rasant und zählt mittlerweile fast 11.000 Mitglieder, der Westfale nennt sie das "weltweit größte Netzwerk für Digitalnomaden".

Viele von ihnen leben wie Völkner: Sie sind selbstständig, manche arbeiten als IT-Experten für große Unternehmen, andere als Grafikdesigner für eine Vielzahl kleiner Kunden. So erwirtschaften sie das Geld, das sie fürs Reisen brauchen – oft ist das weniger, als man in Deutschland zum Leben benötigen würde. Denn Digitalnomaden suchen am liebsten Orte auf, an denen die Lebenskosten niedrig sind. Länder in Asien oder in Südamerika. Und doch ist das Geld oft knapp.