Wir essen vielleicht keine Ratten, in Vietnam kann man sie dafür am Straßenrand kaufen, wie hier im Dorf Xuan Cau. © Hoang Dinh Nam/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Viele denken heute intensiv über ihre Ernährung nach: Darf ich Doppelrahm nehmen, ist das auch wirklich bio? Kennen Sie das selbst auch?

Eva Barlösius: Nein. Ich mache mir gar keine Gedanken und esse eigentlich alles. Die Ernährungsforschung kann ja heute gar nichts grundsätzlich anderes sagen als das, was man in der Antike schon wusste: Man soll abwechslungsreich und mäßig essen. Wesentlich mehr ist nicht gesichert.

ZEIT: Machen die Menschen sich zu viele Sorgen?

Barlösius: Interessant ist doch, dass das Essen überhaupt so ein Thema der Sorge ist. Hier in Mitteleuropa gibt es immer ausreichend zu essen, Nahrungsmittel werden streng kontrolliert. Probleme mit Lebensmitteln sind so minimal, dass die zentrale Frage für mich lautet: Warum verhandelt unsere Gesellschaft so vieles am Essen?

ZEIT: Was verhandelt sie denn daran?

Barlösius: Man verständigt sich über das gesunde, das moralische, das gute Leben; darüber, wie man mit der Umwelt, dem Klima und den Kindern umgehen sollte. Gerade Fragen der Erziehung werden oft am Essen verhandelt: Kochen die Eltern selbst? Erlauben sie dem Kind Bonbons? Sitzen alle gemeinsam am Tisch?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

ZEIT: Gibt es also gute und schlechte Ernährungsstile?

Barlösius: Zumindest wird das so wahrgenommen, Ernährung ist immer mit einer Wertung verbunden. Wenn ich zum Beispiel sage: Obst und Gemüse enthalten viele Vitamine, dann ist das eine Tatsache. Wir verstehen den Satz aber nicht als bloße Tatsache, sondern als Aufforderung – du sollst viel Obst essen, weil Vitamine gut sind. Normalerweise enthalten Aussagen aus der Biologie nicht automatisch eine Verhaltensaufforderung, aber beim Thema Ernährung ist das ganz anders.

ZEIT: Warum ist das Essen so stark mit Bedeutung aufgeladen?

Barlösius: Weil es in der Geschichte des Menschen lange Zeit existenziell war. Ursprünglich waren alle gesellschaftlichen und kulturellen Themen mit dem Essen verbunden. Über das Essen hat man immer schon die eigene Identität bestimmt und sich von anderen abgegrenzt. Man formuliert darüber immer ein Geschlechterverhältnis und soziale Ungleichheiten, auch heute noch.

ZEIT: Wie zum Beispiel?

Barlösius: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Restaurant. Hinter Ihnen bestellt jemand Sülze mit Bratkartoffeln, dazu ein Weißbier und dann noch den Salat mit Putenstreifen und einen Weißwein. Mehr nicht. Und 90 Prozent der Menschen, die das hören, sagen: Da sitzen ein Mann und eine Frau. Obwohl sie es nicht wissen. Das heißt, in die Lebensmittel hat sich quasi das Geschlecht eingeschrieben. Wie jemand sozial gestellt ist, ob wir jemanden für moralisch verantwortlich halten oder nicht, all das meinen wir allein an den Lebensmitteln zu erkennen, die er isst.

ZEIT: Wenn Speisen eine Bedeutung haben, wofür steht dann Eintopf?

Barlösius: Historisch ist er verbunden mit einem grundlegenden Nahrungsmittel in Zeiten der Not und des Krieges. Eine nachwachsende Generation kennt diese Kontexte nicht mehr und interpretiert das Gericht neu, in Bio-Lokalen oder Suppenküchen. Ein solcher Wandel ist erst möglich, wenn die dominante Schicht, die dort hingeht, das Gericht nicht unter dem Aspekt der Knappheit kennengelernt hat. Sonst würde das keiner kaufen.

ZEIT: Womit ist Sushi verbunden?

Barlösius: Sushi ist Fast Food für Leute, die sich ungern dazu bekennen, dass sie Fast Food essen.

ZEIT: Sojamilch?

Barlösius: Wer sie trinkt, zeigt, dass er eine Auswahl getroffen hat. Das Gängige, die normale Kuhmilch, akzeptiert er für sich nicht mehr. Das wird ökologisch oder mit Unverträglichkeiten begründet. Man greift nicht einfach ins Regal, sondern trifft eine bewusste Auswahl – und unterscheidet sich von anderen.

ZEIT: Der Mensch ist von Natur aus ein Allesfresser. Wann hat er begonnen, sein Essen auszuwählen?

Barlösius: Schon ganz am Anfang. Der Mensch ist dadurch definiert, dass ihm seine Ernährungsweise nicht vorgegeben ist, sondern dass er sie selbst zu gestalten hat. Wir könnten auch Ratten und Katzen essen, lehnen aber in unserer Kultur viele Tiere als Nahrung ab, auch Insekten stehen nicht auf unserem Speiseplan. Der Mensch bereitet seine Lebensmittel zu, und er nimmt das Essen in einer sozialen Situation zu sich, indem er mit anderen zusammensitzt. Das schafft ein Gefühl von Zusammengehörigkeit – man kann jemanden mit an den gemeinsamen Tisch lassen und so in die Gemeinschaft integrieren oder ihn ausschließen. Zugleich verdeutlicht die gemeinsame Mahlzeit Differenzen, allein dadurch, wer als Erster etwas nehmen darf und wer welche Stücke vom Braten bekommt. Ein besonders zartes Teil vom Rind nannte man lange Pastoren- oder Bürgermeisterstück.