Wetter? Da flieg ich drüber. © ALAIN JOCARD/Getty Images

DIE ZEIT: Wie war der Flug?

Mark Vanhoenacker: Lief reibungslos. Früher bin ich die Strecke London–Berlin alle paar Wochen selbst geflogen. Diesmal konnte ich in der Kabine sitzen und mich entspannen. Ich habe während des ganzen Anflugs aus dem Fenster gestarrt.

ZEIT: Ich dachte, Profis buchen Gangplätze, wegen der Bewegungsfreiheit.

Vanhoenacker: Ich nicht, ich will rausschauen. Der Ausblick und die Streckenanzeige, mehr Unterhaltung brauche ich nicht.

ZEIT: Das klingt, als wären Piloten die genügsamsten Passagiere.

Vanhoenacker: Ich denke manchmal, als Passagier hat man mehr von der Reise. Klar, wir im Cockpit haben das größere Fenster, aber wir sind eben auch im Dienst. Funken, achten auf das Wetter, auf den Treibstoff, reden mit den Flugbegleitern ... Wenn ich nur noch einen Flug im Leben frei hätte: Ich würde die Kabine wählen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

ZEIT: Und wohin?

Vanhoenacker: Vielleicht nach Kapstadt, meine Lieblingsroute. Von London aus fliegt man geradewegs nach Süden, überquert eine spektakuläre Landschaft nach der anderen: Sahara, Sahel, Dschungel, dann über den Äquator und vielleicht Namibia. Das sieht umwerfend aus mit all dem roten Sand – wie auf dem Mars. Dann geht über der Skelettküste die Sonne auf, du isst dein Rührei, siehst den Tafelberg, landest, und vor dir liegt der Tag.

ZEIT: An diese Strecke denke ich auch gerne zurück: guter Rotwein, gut geschlafen, als Bordfilm lief Spiderman 3. Bin ich ein Banause?

Vanhoenacker: Die Luftfahrt ist ein Opfer ihres Erfolgs geworden. Wenn man ständig fliegt, verliert man leicht das Gefühl für den Zauber, der darin liegt. Allein die Vogelperspektive, die wir dabei erleben dürfen. Und natürlich öffnet das Fliegen den Horizont – so weit, wie es sich noch vor zwei Generationen kaum ein Mensch vorstellen konnte. Übermorgen fliege ich von Heathrow nach Singapur. Man muss sich die Dimension einer solchen Reise klarmachen: Singapur, gegründet als Außenposten eines Weltreichs, dessen Zentrum London war. Damals reisten die Geschäftsleute über Wochen von hier nach dort. Heute tun sie das Gleiche in 13 Stunden. Es hat etwas Meditatives: Man entspannt sich, liest vielleicht einen Reiseführer, schließt die Augen – und dann ist man auch schon da. Zwei der bedeutendsten Städte der Welt, verbunden durch unser Flugzeug!

ZEIT: Eben erschien im Hanser Verlag die deutsche Ausgabe Ihres Buchs Himmelhoch – eine Hymne auf die Fliegerei. Warum haben Sie es geschrieben?

Vanhoenacker: Als ich ein Junge war, konnte man einfach so während des Flugs ins Cockpit spazieren. Damals erzählten mir die Piloten von sich und ihrer Arbeit. Das ist heute nicht mehr möglich und wird es wohl nie mehr sein. In dem Buch steht, was Sie zu hören bekämen, dürfte ich Sie noch reinlassen.

ZEIT: Ihr Buch holt den Jungstraum vom Fliegen zurück. Da dachte man schon, alles nur Technik, und lernt jetzt: Es ist doch romantisch.

Vanhoenacker: Zutiefst romantisch. Zum einen ist das Flugzeug ja ein Zwischenraum, ein Tunnel, voll mit Erinnerungen an den Ausgangspunkt und Erwartungen an das Ziel. Zum anderen erfüllt sich für uns, die wir darin sind, eine Sehnsucht, die älter ist als wir. Leute fragen mich oft, ob ich schon immer fliegen wollte. Anfangs erstaunte mich das. Einen Fernfahrer fragt man ja auch nicht, seit wann er schon fahren will. Mittlerweile denke ich, diese Frage richtet sich gar nicht an mich, sondern an uns, die Menschheit.