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Nun ist die Debatte mörderisch geworden. Seit Frauke Petry und Beatrix von Storch von der AfD den rhetorischen Schießbefehl auf Flüchtlinge gegeben haben, ist die Diskussion über Zuwanderung in Deutschland endgültig entsichert. Dass dies nahezu im selben Moment geschehen ist, als zum ersten Mal eine scharfe Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft geworfen wurde, mag ein Zufall sein. Aber es passt zusammen. Tote werden jetzt in Kauf genommen, vielleicht sogar einkalkuliert, zur weiteren Aufhetzung der Gesellschaft.

Umso wichtiger ist es nun, zwischen der Politik der Bundesregierung und den strategischen Gewaltfantasien der Rechtsextremen einen Raum des Nachdenkens offenzuhalten, Optionen zu erwägen, Begrenzungsstrategien zu diskutieren. Begrenzungsstrategien, die über das bloße Drängen auf eine europäische Lösung hinausgehen, die sich auch nicht in der ewigen Wiederholung von Worthülsen wie "Obergrenze" erschöpfen, aber die Fundamentalnorm unangetastet lassen, dass niemand in Europa auf unbewaffnete Menschen schießen wird, die in der Hoffnung auf Hilfe zu uns kommen.

Ein solches Nachdenken ist nicht nur aus praktischen Gründen zwingend, sondern auch zur politischen Hygiene: Nichts nämlich treibt die Menschen schneller fort von den Parteien der Mitte, fort von der Demokratie, als die Behauptung, nur eine einzige Politik sei machbar.

Wie könnte also eine Begrenzungsstrategie aussehen, die den Schießbefehl nicht einmal als Möglichkeit denkt – und gleichwohl Erfolg verspricht? Wagen wir ein Gedankenexperiment. Dass es notwendig vorläufig bleiben muss, unvollständig in den Details, ist dabei kein Gegenargument.

Grenzen zu sichern, sogar Grenzen zu schließen ist nicht per se amoralisch. Es ist vielmehr der Normalfall, praktisch alle Staaten der Erde tun es, und durchaus mit Erfolg. Es gebe "keine Region auf der Welt, die solche Schwierigkeiten hat, ihre Grenzen zu schützen, wie Europa", sagte der renommierte US-Migrationsforscher Demetrios Papademetriou vor Kurzem der ZEIT: "Wenn ich mit Beamten oder Politikern in Brüssel spreche, bin ich jedes Mal schockiert, dass sie überzeugt sind, sie könnten nichts tun, um die Wanderungsbewegungen von Menschen zu beeinflussen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Mehr noch, eine Begrenzungsstrategie könne moralisch und politisch sogar "geboten sein, um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten", hat Bundespräsident Joachim Gauck unlängst erklärt. Und "sie kann auch geboten sein, um die Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft für eine menschenfreundliche Aufnahme der Flüchtlinge zu sichern".

Zäune, das ist derzeit der Haupteinwand, wie ihn etwa der Jurist Mehmet Daimagüler zuletzt noch einmal bei Anne Will formulierte, Zäune führten unweigerlich dazu, dass es "irgendwo auf einen Schießbefehl hinausläuft". Das ist, vorsichtig formuliert, eine kühne Prophezeiung. Selbst an dem martialisch gesicherten Zaun zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten wird nicht scharf geschossen, ebenso wenig an den Sperranlagen rings um die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko.