Manchmal scheint auch bei ihr die Skepsis zu obsiegen: Kanzlerin Angela Merkel ©  Roland Weihrauch/dpa

Den Deutschen geht es gut, obwohl es ihnen schlecht geht. So viele Deutsche wie heute standen lange nicht mehr in Lohn und Brot. Die Inflation ist niedrig, die Löhne sind hoch, die Wirtschaft brummt, und an der Tanksäule dürfte es bald den Liter Diesel geschenkt geben. Doch das ist egal. Gegen die gefühlte Lage, gegen den Konjunktiv des Untergangs hat die reale Lage keine Chance. Mit Deutschland, denken viele Deutsche, geht es bergab: Mit dem muslimischen Mann kommt der deutsche Identitätsverlust übers Mittelmeer. Viele Deutsche schauen sich um, sehen überall Verfall. Die Medien? Lügner. Die Politiker? Pack. Und im Zentrum der Trübnis: die Kanzlerin. Jahrelang gab die ihrem Volk das Gefühl, in der bestmöglichen Republik zu leben. Doch jetzt schauen viele Deutsche auf ihren Wir-schaffen-das-Optimismus zähnefletschend herab. Optimismus, sagen sie, ist der Gefühlslage nicht angemessen. Es brauche mehr, damit ein verzagtes Volk Zuversicht schöpfe. Und das Bemerkenswerte ist: Sie haben recht.

"Der Optimismus", schreibt der tschechische Religionsphilosoph Tomas Halik, "ist die kühne Annahme oder die gewagte Unterstellung, dass ›alles gut gehen wird‹." Er ignoriere, so Halik, alle Gefahren und Hindernisse und befalle Naive und Leichtgläubige. Der Pessimismus dagegen sei die Krankheit der Aufgeklärten. Er komme über sie wie ein Kater nach durchzechter Nacht. Nun ist Merkel bekanntlich weder dumm noch eine Pessimistin mit verzögertem Hangover. Ihr "Wir schaffen das"-Satz hatte zum Ziel, den Deutschen die nötige Hoffnung zu schenken, ohne die sich die gefühlte Lage nun mal nicht aushalten lässt. Das ging schief, weil Merkel zu spät erkannte, dass zwischen Optimismus und Hoffnung Bedeutungswelten liegen. Oder mit Halik gesprochen: "Die Hoffnung ist eine Kraft, die auch eine Situation auszuhalten vermag", in der sich die Annahme, das alles schon irgendwie gut wird, "als Illusion erweist". Nicht umsonst etwa hat Benedikt XVI. im Jahr 2007 mit "Spe salvi" der Hoffnung eine ganze Enzyklika gewidmet. Der Krise des Christentums, so der deutsche Papst, liege eine Krise der christlichen Hoffnung zugrunde. Wenn Merkel also den Deutschen etwas unbeholfen die Hoffnung einreden möchte, verlässt sie das Feld der politischen und begibt sich auf das der religiösen Heilserwartung.

Sucht der Optimismus sein Heil im Erreichen eines konkreten Ziels im Hier und Jetzt, hat die Hoffnung ihren Fluchtpunkt in der Unerreichbarkeit. Für den Christen ist der Fluchtpunkt die Parusie, die Wiederkehr Christi am Ende aller Zeiten. Für Karl Marx war es der Kommunismus, der aus dem Stahlbad des Klassenkampfes aufersteht. Merkels "Wir schaffen das" ist als Zielvorgabe gedacht, die sich niemals ganz erreichen lässt, aber ungeachtet dessen wahr ist. Denn was kann in der real existierenden Flüchtlingskrise schon geschafft werden im Hier und Jetzt? Wer Integration will und anders als die AfD die Isolation oder Liquidation des Fremden ablehnt, muss damit leben, dass es Konflikte gibt zwischen "uns" und "denen", Christentum und Islam, deutscher Leit- und nordafrikanischer Subkultur. Kurz: Wir schaffen es wohl nie, aber die Richtung stimmt.

Angela Merkel glaubt das. Deshalb will sie sich ihren Satz nicht nehmen lassen. Die Pessimisten runzeln die Stirn: Was stimmt nicht mit der Frau? Will sie bekehren oder regieren? Ausgerechnet Merkel. Bis zur Flüchtlingskrise ließ sie sich die Pastorentochter bloß nicht anmerken. Denn Deutschland mag keine Pastorentöchter, die wie ihre Väter von der Hoffnung reden. Schließlich, so heißt es, ist die Politik die Kunst des Durchsetzbaren und damit diesseitig. Dabei ist genau diese Minimierung des Politischen auf Prognosen und Programme, Macht und Machbares das Problem. Die Koppelung der Realpolitik an so etwas Irreales wie das Prinzip Hoffnung kann nur eine Gesellschaft irritieren, die verlernt hat zu glauben und deshalb ziellos zwischen Optimismus und Pessimismus hin und her schwankt.

Auf einem derart schwankenden Grund akzeptieren und verstehen die Deutschen die religiöse Dimension der Hoffnung nicht mehr. Und was für die Hoffnung gilt, das gilt auch für andere Begriffe, die nur noch als säkulare Hülle ihrer selbst existieren – die Toleranz etwa. Chesterton definierte diese so: Toleranz "ist eine Tugend von Menschen, die bedingungslos glauben, dass jedem Individuum als einem Geschöpf Gottes Rechte zukommen, egal welchen Weg zum Heil er gewählt hat". Die gute Nachricht: Toleranz kann man lernen, wenn man akzeptiert, dass es Dinge gibt, die sich dem Prinzip der Machbarkeit entziehen und wahr sind aus sich heraus. Wer das akzeptiert, hofft, egal, was kommt. Wer dazu nicht bereit ist, versucht, wie Benedikt XVI. schreibt, eigenes Leid zu vermeiden, indem er sich allem entzieht, was Leid bedeuten könnte. So trieben die Menschen "in ein leeres Leben hinein, in dem es vielleicht kaum Schmerz, umso mehr aber das dumpfe Gefühl der Sinnlosigkeit und der Verlorenheit gibt".

Die Sturheit der Kanzlerin, an das Unmögliche zu glauben, spiegelt den Trost, den die Hoffnung bei aller Unerfüllbarkeit bieten kann. Denn die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sondern nie.