Man kann die Menschheitsgeschichte, grob gesagt, in drei Phasen unterteilen: Am Anfang waren alle arm, dann wurden einige reich – und jetzt kommen die Armen zu den Reichen. Die Flüchtlingskrise ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme. Sie markiert das Ende einer Epoche.

Es war das Merkmal dieser Epoche, dass die Dinge für den Westen in eine sehr angenehme Richtung liefen. Wir verkauften Autos und Maschinen nach China, holten Rohstoffe aus Afrika, verschrotteten unsere Schiffe an den Küsten Indiens und verklappten unseren Müll auf den Weltmeeren. Ein Teil der Welt, unser Teil, erlangte dadurch bis dato unvorstellbaren Wohlstand. Das nannten wir dann Globalisierung.

Nun aber dreht sich die Globalisierung gewissermaßen um: Auf einmal kommt der andere, ärmere Teil der Welt zu uns. Weil es bei uns friedlich ist und kein Krieg herrscht. Mit jedem Flüchtlingstreck, jedem Flüchtlingsboot werden die Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich, zwischen "denen" und "uns" sichtbarer. Und mit jedem Treck und jedem Boot fühlen sich jene bestätigt, die die Grenzen abschotten wollen, damit alles so bleibt, wie es war.

Die Aggression gegenüber denjenigen, die an unserem Wohlstand teilhaben wollen, ist die Verbindungslinie zwischen Donald Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich, Nigel Farage in Großbritannien und Frauke Petry in Deutschland. Diese Aggression eint die Kritiker der etablierten Parteien auf beiden Seiten des Atlantiks.

Womöglich verbirgt sich hinter dem Aggressiven die Angst vor einer großen Frage, die mit Macht nach einer Antwort verlangt. Der Frage nämlich, warum wir so reich und die anderen so arm sind. Und ob die anderen überhaupt jemals so reich werden können, wie wir es sind. Wir haben uns angewöhnt, über die Welt in den Kategorien von Geben und Nehmen nachzudenken. Die Flüchtlingskrise zeigt: Wir müssen uns mit dem Teilen beschäftigen.

1 Nehmen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Jedes Jahr im Sommer errechnen Umweltexperten den sogenannten Earth Overshoot Day: Das ist der Tag des Jahres, an dem alles verbraucht ist, was die Natur binnen zwölf Monaten erneuern kann – dazu gehört Trinkwasser, Brennmaterial oder Bauholz, aber auch Getreide oder bestimmte Fischarten. Im Jahr 1970 war das am 23. Dezember. Seitdem ist dieser Tag immer weiter nach vorne gerückt: Im vergangenen Jahr bereits auf den 13. August.

Ökonomisch betrachtet ist der Earth Overshoot Day jener Tag, ab dem die Menschheit auf Kredit lebt. Die Schulden zeigen sich in Form von Klimawandel, Artensterben oder Wassermangel.

Einen solchen Tag dürfte es eigentlich gar nicht geben. Der Kapitalismus beruht ja auf der Annahme, dass dem Streben nach Wohlstand keine Grenzen gesetzt seien. Jeder könne sich nehmen, was er wolle, weil der Kuchen immer größer werde. Genauer gesagt: Je mehr sich jeder nimmt, desto größer wird der Kuchen. Ökonomen haben sich den wirtschaftlichen Fortschritt als eine Art Virus vorgestellt: Wenn wohlhabende Länder mit ärmeren Ländern Handel treiben oder anderweitig ins Geschäft kommen, stecken sie diese Länder mit ihrem Reichtum an. Weil beim Austausch von Waren und Dienstleistungen beispielsweise Technologien weitergegeben werden oder sich jeder in der Produktion auf das spezialisiert, was er am besten kann.

Was aber, wenn die Menge an möglichen Geschäften begrenzt ist? Weil in den Weltmeeren heute schon mehr Plastik als Plankton schwimmt? Weil jeden Tag ein Stück Regenwald von der Größe eines Fußballfeldes gerodet wird? Weil die Polkappen, wenn nichts geschieht, womöglich in einigen Jahrzehnten komplett abgeschmolzen sein könnten?

Wir haben gegeben, nicht geteilt

20 Prozent der Menschheit verbrauchen 80 Prozent der weltweiten Rohstoffe und verursachen 70 Prozent der globalen Emissionen – das ist die Bilanz der wirtschaftlichen Dominanz des Westens, deren Fundament mit der industriellen Revolution gelegt wurde. Und darauf folgt im Umkehrschluss: Wir verbauen den anderen den Weg zum Wohlstand, denn wir haben uns bereits einen so großen Anteil am Reichtum des Planeten genommen, dass den Menschen in den ärmeren Gegenden kaum etwas bleibt. Die Erde würde es schlicht nicht verkraften, wenn auch in Nigeria oder in Pakistan vor jeder Haustür ein Auto stünde.

Wir sagen gerne, dass unsere Werte universell seien. Aber unsere Art zu leben und zu wirtschaften ist es nicht. Womöglich sind wir deshalb an einem Punkt angekommen, an dem wir auf etwas verzichten müssen, weil jetzt auch andere sich etwas nehmen wollen.

2 Geben

Sicher: Das Schicksal des armen Teils der Welt ist uns nicht völlig egal. Fünf Milliarden Euro spenden allein die Deutschen jedes Jahr: Für die Welthungerhilfe, das Rote Kreuz oder Brot für die Welt. Aber auf einmal genügt das nicht mehr, auf einmal stehen die Armen dieser Welt an unseren Grenzen und fordern ihren Anteil am Wohlstand ein. Bislang waren wir nicht bereit, auf diese Forderung einzugehen. In Wahrheit haben wir ihnen häufig nur überlassen, was wir selbst nicht mehr brauchten. Unsere abgelegte Kleidung zum Beispiel.

Wir haben gegeben, nicht geteilt – und das tun wir weiterhin.

An diesem Donnerstag findet in London eine Geberkonferenz statt, die ein millionenschweres Aufbauprogramm in den syrischen Anrainerstaaten finanzieren soll. Das ist zunächst einmal keine schlechte Idee, die Menschen dort benötigen dringend Geld. Aber es bedeutet noch lange nicht, dass sich auf diese Weise die grundsätzlichen Probleme lösen lassen.

Uganda beispielsweise erhält seit einem halben Jahrhundert Geld aus Deutschland, zinsverbilligte Kredite für ein Wasserkraftwerk, Hilfe bei der Reform der Ministerien, Stipendien für ein Studium in Deutschland. Trotzdem ist Uganda eines der ärmsten Länder der Welt. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn Hilfe hilft eben nicht nur, sie macht auch abhängig. Untersuchungen des Wirtschaftsnobelpreisträgers Angus Deaton haben gezeigt: Wer auf den Scheck aus Berlin oder Brüssel zählen kann, der ist oft nicht sonderlich motiviert, selbst eine ordentliche Steuerverwaltung aufzubauen oder das Unternehmertum zu fördern.

Tatsache ist: Das meiste Hilfsgeld fließt in hochgradig korrupte Länder wie Afghanistan. Es gibt also eine Mitverantwortung der armen Länder für die eigene Armut, und deshalb gibt es auch eine Grenze des Gebens.

3 Teilen

Teilen wir nicht längst? Wir stellen anderen unsere Wohnungen zur Verfügung, wir nutzen Autos gemeinsam, wir streamen Musiktitel, statt sie zu kaufen. Die Sharing-Economy gilt als postkapitalistische Wirtschaftsform, mit der die dringendsten Probleme der Menschheit gelöst würden. Bloß teilen wir in Wahrheit ja gar nicht. Wir tauschen nur: Auto gegen Geld. Wohnung gegen Geld. Wohnung gegen Wohnung. Wer nichts hat, bekommt auch weiterhin nichts.

Wahres Teilen würde zum Beispiel bedeuten, auch anderen die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben. Es wäre schon viel gewonnen, wenn etwa die Bauern in Afrika überhaupt eine Chance hätten, mit den Bauern in Europa in einen ehrlichen Wettbewerb zu treten – wir also unsere Märkte nicht abschotten würden. Wenn wir den Schutz des Klimas ernst nehmen. Oder wenn wir eben – natürlich nicht unbegrenzt – Menschen aus anderen Ländern aufnehmen.

Armut und Reichtum bei uns

Allerdings müssten wir dann auch über Armut und Reichtum bei uns reden. Denn es ist ja so: Deutschland mag ein reiches Land sein, aber nicht alle in Deutschland sind reich. Das gilt auch für die USA, für Frankreich oder für Großbritannien. Und wie soll man Menschen zum Teilen bewegen, die selbst nichts haben?

Mehr als vier Millionen Deutsche beziehen Hartz IV, und nach einer Schätzung der Bertelsmann-Stiftung verfügt jede zehnte auf die Grundsicherung angewiesene Familie nicht einmal über ausreichende Winterkleidung. Die oberen zehn Prozent der Haushalte verfügen über 51,9 Prozent des Nettovermögens und die unteren 50 Prozent über ein Prozent. In den USA entfallen auf die Mittelschicht nur noch 43 Prozent des Nationaleinkommens – 1970 waren es noch 62 Prozent.

Wenn es heißt, dass Deutschland so sehr von der Globalisierung profitiert habe, dann ist das nicht ganz richtig. Einige haben profitiert: die Banker in Frankfurt, die Facharbeiter bei Volkswagen oder Mercedes. Aber Millionen von Geringverdienern leiden unter dem wachsenden Konkurrenzdruck auf den Weltmärkten. Gerade erst hat eine amerikanische Studie ergeben, dass die Verlagerung von Betriebsstätten nach China viele amerikanische Arbeiter den vermeintlich sicheren Arbeitsplatz gekostet hat – und ein großer Teil muss sich seither mit Billigjobs durchschlagen.

Wer dagegen gerade so über die Runden kommt, ist wahrscheinlich froh, wenn er sich beim Discounter ein T-Shirt für fünf Euro leisten kann, das unter menschenverachtenden Bedingungen irgendwo in Asien hergestellt wurde. Wer es finanzieren kann, der schickt seine Kinder auf Privatschulen, wer nicht so viel Geld hat, ist darauf angewiesen, dass die staatlichen Schulen trotz der vielen Flüchtlinge noch funktionieren und Wohnraum bezahlbar bleibt. Das ist der blinde Fleck in der aktuellen Flüchtlingsdebatte.

In diesen Wochen trifft die Ungerechtigkeit der Welt auf die Ungerechtigkeit in den westlichen Staaten. Minus mal minus ergibt aber gesellschaftlich gesehen nicht plus. Damit wir mit anderen teilen können, müssten wir also auch untereinander wieder das Teilen lernen.

4 Machen

Der große amerikanische Philosoph John Rawls hatte eine ziemlich geniale Idee, wie die Welt aussehen sollte. Er schlug vor, die Menschheit gedanklich in einen Zustand zu versetzen, in dem niemand wisse, welchen Platz in der Gesellschaft er einmal einnehmen werde: Arbeiter oder Unternehmer, Syrer oder Deutscher. Eine Weltordnung, auf die sich die Menschen hinter einem solchen "Schleier der Unwissenheit" einigen könnten, sei als fair anzusehen.

Es ist ein faszinierendes Gedankenexperiment. Eine Welt, wie Rawls sie sich vorstellte, wäre eine Welt, in der das Teilen verwirklicht wäre. Es gäbe wahrscheinlich ein verbindliches Abkommen zum Schutz des Klimas, es gäbe weniger Rüstungsexporte, und es wäre nicht erlaubt, fremde Länder zu destabilisieren, um an Bodenschätze zu gelangen, wie es in den vergangenen Jahrzehnten in den ehemaligen westlichen Kolonien in Afrika, Asien und Lateinamerika so häufig geschehen ist.

Das Problem ist nur: Mit solchen Theorien gewinnt man keine Wahlen. Und selbst wenn sich die Welt auf solche Regeln verständigen würde: Wer würde sie durchsetzen? Es gibt keine Weltregierung, das macht es so schwer, das Teilen zwischen den Staaten zu organisieren. Es lässt sich deshalb nicht von oben verordnen.

Aber es besteht Grund zur Hoffnung, dass sich etwas ändert – aus der Erkenntnis, dass der Preis der weltweiten Ungleichheit ein Leben hinter Mauern und Stacheldraht wäre. Nicht nur für die Armen, sondern auch für uns. In den USA steht der Demokrat Bernie Sanders für diese Einsicht. Er will nicht weniger als ein neues, gerechteres Wirtschaftssystem – und er sagt auch, dass das nicht ohne Verzicht geht. Sein Überraschungserfolg bei den Vorwahlen in Iowa zeigt, dass es Alternativen gibt.

Wenn wir nicht teilen, dann werden unsere Staaten gated communities der Globalisierung. Und wenn die Geschichte eines lehrt, dann dieses: Mit Gewalt und Abschreckung lässt sich keine Ordnung von Dauer begründen.