Mit der Feststellung eines "an sich selbstverständlichen Sachverhalts" beginnt die Autobiografie von Werner Heisenberg: "Wissenschaft wird von Menschen gemacht." Das Buch erschien 1969 unter dem Titel Der Teil und das Ganze. Da sollte man davon ausgehen können, dass Heisenbergs Satz in der Beamtenschaft der deutschsprachigen Wissenschaftshistoriker bekannt sein dürfte. Dies ist nicht der Fall. Was immer diese Chronisten hierzulande über die Geschichte der Wissenschaft zu berichten pflegen: Auf die beteiligten Menschen legen sie keinen Wert.

Ihre angelsächsischen Kollegen tun das Gegenteil. Wer das empört bezweifelt, braucht sich nur zu erkundigen, in welcher Sprache zuletzt bemerkenswerte Biografien von deutschen Wissenschaftlern vorgelegt wurden. 2015 ist in der Harvard University Press die von Frederick B. Churchill verfasste Lebensgeschichte von August Weismann (1834–1914) erschienen. In den USA feiert man den Evolutionstheoretiker als einen der größten Biologen aller Zeiten, während man hierzulande Mühe hat, jemanden zu finden, der den Namen schon einmal gehört hat.

Ende 2015 erschien die von Mott T. Greene geschriebene 700-Seiten-Biografie von Alfred Wegener (1880–1930), dem die Menschheit die Theorie der Kontinentalverschiebung verdankt und den man hierzulande übergeht. Die Oxford University Press hat eine neue Biografie von Max Planck auf den Markt gebracht, die von Brandon R. Brown stammt und die Reihe der englischsprachigen Lebensbeschreibungen des großen Deutschen fortsetzt, dem seine Landsleute nichts Adäquates entgegenzusetzen haben. Und der New Yorker Knopf-Verlag legt eine neue Biografie von Alexander von Humboldt vor, geschrieben von der in Indien geborenen und in England tätigen Andrea Wulf. Sie erinnert daran, dass Humboldt eine "Synthese von Wissenschaft und Ästhetik, von Begriff und Anschauung" anstrebte, deren Ergebnisse er in Form von "Naturgemälden" vorstellte, die sein Wissen begreiflich werden ließen.

Man sollte diese liebevolle Hinwendung zu einem deutschen Gelehrten mit dem Text vergleichen, den Hans Magnus Enzensberger über Humboldt geschrieben hat und in dem der Essayist dem größten Naturforscher vorwirft, ein "Bote der Plünderung" gewesen zu sein, der "die Zerstörung dessen zu melden gekommen war", was er zuvor als Naturgemälde festgehalten hatte.

Auch die habermas- und heideggerhörigen Intellektuellen unserer aktuellen Feuilletons kläffen den Naturforscher an, und sie machen es sich beim Massakrieren leicht mit den Mutigen der Wissenschaft, die sie im Grunde ihres Herzens verachten. Solche Leute, Pioniere allesamt, denken halt nicht, wie Heidegger denkt. Deshalb zählen die Kritiker ihre Lehren und "die wissenschaftlich erforschte Natur", wie Habermas ätzend nachschiebt, nicht zur Bildung. Zwar verstehen beide, Heidegger wie Habermas, einen Deut von Naturwissenschaften. Das hält sie nicht davon ab, den Vertretern dieser Disziplinen den Zugang zum Haus der Bildung, das sie und ihre Vasallen besetzt halten, zu versperren.

Im Gefolge dieser ideologischen Vorgabe lassen Wissenschaftshistoriker hierzulande lieber ihre Finger von Würdigungen in Gestalt von Lebensbeschreibungen. Wer sie sucht, muss nach Amerika blicken. Was in der Kunst selbstverständlich ist – nämlich dass sie Künstlern zu verdanken ist, über deren Leben sich die Werke erschließen –, sollte auch für die Wissenschaft gelten. Forscher schreiten nicht logisch von Ergebnis zu Ergebnis. Sie agieren manchmal aus Verzweiflung (Max Planck), sie zeigen sich angewidert von bestimmten Erklärungen (Erwin Schrödinger), und sie reagieren schockiert auf die Dummheit von Kollegen (Wolfgang Pauli), wobei die Namen in Klammern Nobelpreisträger der Physik nennen. Man könnte auch über Liebesverlangen und Ruhmessucht und das Vergnügen beim Betrügen schreiben – wäre man bereit, sich auf ein Forscherleben einzulassen.

Oder wie ist es mit den Frauen? Dass Goethe sich oft verliebte, weiß jeder. Keiner aber kennt einen Naturwissenschaftler, der gern den Frauen nachjagte. Ich verrate Ihnen nun etwas, was Sie bestimmt nicht wussten: Heisenberg heiratete und zeugte in der Hochzeitsnacht Zwillinge. Und er spielte Tischtennis mit großem Ehrgeiz.

Doch als lebendige Figuren treten die Protagonisten in der Wissenschaft nicht auf (höchstens als Schurken). Dagegen gibt es in den philosophischen Abteilungen haufenweise denkende, vor sich hin heideggernde Personen. Die Welt weltet, das Nichts nichtet, der Heidegger heideggert – aber kein Forscher weit und breit. Es gibt den Goethe-Preis, den Börne-Preis, den Büchner-Preis. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft aber vergibt den Communicator-Preis – den kein Mensch kennt. Achten Sie mal darauf, dass es in den Naturwissenschaften fast immer heißt: Die Gesetze der Mechanik besagen, die Quantenmechanik beweist, die Molekularbiologie erfasst. In Philosophie und Feuilleton werden indessen stets die Namen von Akteuren genannt: Kant hat gesagt, bei Hegel steht und so weiter. Was der Dichter D heute nicht schreibt, das wird kein anderer je schreiben, so sehen es die Gelehrten im Bereich des Schöngeistigen. In der Forschung gilt hingegen das Motto: "Was der Dr. A heute nicht findet, findet der Dr. B morgen." Was für ein Unsinn. Wie die Kunst wird auch die Wissenschaft von kreativen Individuen gemacht. Es lohnt sich, sie zu kennen, den Menschen und seine Wissenschaft. Sie sorgen beide für uns.

Unser Autor geht mit gutem Beispiel voran. Der Wissenschaftshistoriker veröffentlichte Biografien unter anderem von Max Delbrück, Werner Heisenberg, Max Planck, Niels Bohr und Wolfgang Pauli