Graciano Rocchigiani steht breitbeinig draußen vor der elektrischen Glastür der Konditorei in Berlin-Wilmersdorf und raucht, ein bulliger Mann, 52, schwarzer Kapuzenpullover, Trainingshose, Basecap. Ein Typ, als wäre er mit Sand ausgestopft. Es ist mal wieder ein Tag der Entscheidung. Heute wird sich zeigen, ob die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme funktioniert. Ob es klappt, was er und seine Kumpel ausgeheckt haben, um ihn vor einem Dasein zu Hartz-IV-Bedingungen zu bewahren. Oder noch besser: um sie alle reich zu machen.

Vom Ausgang dieses verregneten Januartages hängt ab, ob die Fernsehsender anbeißen. Ob die Idee vielleicht sogar bis nach Amerika reicht. Es ist morgens kurz nach neun, Rocchigiani hat sich drinnen an einem schmalen Tisch der Konditorei mit Rührei und Schinken für die Ereignisse gewappnet, hat einige melancholisch-romantische Gedanken an seine Freundin nach Sizilien geschickt, keine der blondierten älteren Damen an den Nachbartischen hat ihn erkannt, die Dinge sind zu diesem Zeitpunkt des Tages noch nicht wirklich in Bewegung geraten.

Der ehemalige Boxweltmeister Graciano Rocchigiani guckt in den Regen jetzt, zerknautschter Blick, Kippe in der Faust. Er lauert. "Dit muss einfach ’ne Bombe werden heute", knurrt Rocchigiani.

Es geht also mal wieder um alles. Wie so oft in einem Boxerleben. Und auch wenn später in der Halle in Stadtbezirk Neukölln das Publikum kreischt, sich die Stimme des Ansagers überschlägt, sogar die Mädchen aus dem Striptease-Club klatschen und überhaupt alles aufgeht in einem rauschenden Bravo: Die Ahnung, dass das Ganze schiefgehen könnte, hängt immer in der Luft.

Graciano Rocchigiani, Weltmeister im Supermittel- und Halbschwergewicht, Sohn eines Eisenbiegers aus Sardinien und einer Berliner Hausfrau, hat schon öfter bewiesen, dass die Dinge nicht immer glatt laufen müssen. Die Millionen aus seiner Boxer-Karriere sind weg, durchgebracht mit Nutten, Alkohol und Drogen. "Ick war ein schlimmer Finger. Langweilig war dit nie."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Rocky fuhr in schnellen Autos dem Rausch entgegen, nahm unterwegs sich bietende Disco-Schlägereien bereitwillig mit, pöbelte gegen den Rest der Welt und wurde schließlich nachhaltig ausgebremst von Steuernachzahlungen, Polizisten mit Handschellen, Gerichtsterminen, Knastaufenthalten, Hartz-IV-Anträgen und der Scheidung von seiner Frau Christine.

"Heute, dit wird schon wat andres", krächzt Rocchigiani, seine Stimme klingt wie ein kaputter Laubbläser. Er ist einigermaßen ramponiert aus all dem Auf und Ab hervorgegangen. Aber es ist auch die Rolle, die er gewohnt ist zu spielen: der Außenseiter von der Straße, der aufsteht, boxt und strampelt gegen alle Gegner — im Ring und im Leben. So hat er sich immer gesehen. Dass er dabei den Kürzeren zieht, passt in sein Weltbild: "Mich haben sie ständig beschissen." Als er 1996 gegen Dariusz Michalszewski gewann, wurde er nachträglich disqualifiziert. Als er gegen den Boxverband WBC klagte und von einem amerikanischen Gericht recht bekam, ging der WBC pleite, ohne dass Rocchigiani die 31 Millionen Dollar Schadensersatz bekam. Rocchigiani reagierte auf diese Ungerechtigkeiten mit Flüchen und Abstürzen. Sein Publikum liebt ihn dafür. Oder wie ein Boxmanager einmal erklärte: "80 Prozent der Leute sind schon mal besoffen Auto gefahren."

Wenn Rocchigiani abends in der Halle in Berlin-Neukölln schwitzend in den grell beleuchteten Boxring klettert und heiser ins Mikrofon schnauft: "Danke fürs Herkommen!", dann ist das nicht sein erster Comeback-Versuch. Seit dem Ende seiner Boxkarriere 2003 ist er immer wieder zurückgekommen. Als Boxer. Als Trainer. Als Fitnessstudiobetreiber. Als Kneipier. Als Modedesigner. Einmal sprach er davon, eine Boxschule für Kinder eröffnen zu wollen. Dann versuchte er sich an einem Enthüllungswerk über den Boxsport ("Teilweise geht es zu wie bei der Mafia.") Seine Erlebnisse im Gefängnis hat er an die Bild-Zeitung verkauft.

Wie ein Gebrauchtwagenhändler schlachtet Rocchigiani aus, was ihm von zwanzig Jahren Profiboxen bleibt. Noch Anfang vergangenen Jahres schien das nicht mehr viel zu sein. Er saß in einem Gewerbegebiet in der hessischen Provinz und arbeitete als Trainer für 35 Euro die Stunde in einem Fitnessstudio. Zur Existenzsicherung hatte keiner seiner Pläne getaugt. Nicht mal die Sache mit dem Whistleblowing hatte wirklich funktioniert. Rocchigiani war pleite. Er hatte jetzt nur noch seinen Namen. Und eine schwangere Freundin auf Sizilien.

Aber der nächste Plan war ihm da schon in den Kopf geflogen.