Bisher verstehen wir Integration als Einbahnstraße. Einwanderer müssen sich integrieren. Das klingt plausibel, verbaut uns aber die Möglichkeit, uns selbst Chancen zu eröffnen. Als kanadischer Staatsbürger, der seit 1985 in Deutschland lebt und maßgeblich an der Gründung zweier bilingualer Schulen in freier Trägerschaft beteiligt war, sehe ich diese Chancen vor allem in einem neuen Modell der Schulbildung.

In Deutschland werden etwa 700.000 Kinder pro Jahr geboren, bei etwa 30 Prozent von ihnen hat mindestens ein Elternteil einen Migrationshintergrund. Hinzu kommen derzeit vielleicht 50.000 Flüchtlingskinder pro Jahrgangsstufe zwischen 6 und 16 Jahren. Das sind zu viele, um sie nach gängigem Muster integrieren zu können.

Ich bin sicher, dass das gleichzeitige Erlernen zweier Sprachen ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Beginnt das Modell bereits im Kindergarten, wird die zweite Sprache geradezu spielend erlernt. Startet man in der Grundschule oder etwa ab der 5. Klasse, ist zusätzlicher Sprachunterricht nötig. Deutsch- und Fremdsprachenunterricht existieren dann parallel. Je jünger die Kinder, umso schneller und gründlicher ist ihr Fortschritt beim Aufsaugen der Partnersprache, die dann wie eine zweite Muttersprache beherrscht wird.

Ein Szenario wäre, Englisch als gemeinsame Schulsprache zu wählen. Weder deutsche Kinder noch Flüchtlingskinder sind im Englischen zu Hause, sodass beide Gruppen auf Augenhöhe beginnen. Nach diesem Modell werden Klassen gegründet, die bis zur Hälfte aus Flüchtlingskindern bestehen. Klassensprache in allen Fächern ist Englisch. In Kanada hat man mit den French Immersion Schools, in denen Französisch in vielen Fächern die Unterrichtssprache ist, sehr gute Erfahrungen gemacht. Hierzulande sollte hinzukommen, dass die Flüchtlingskinder aus dem Nahen Osten Deutsch und die deutschen Kinder Arabisch lernen. Die Anwesenheit von Muttersprachlern der jeweiligen Sprache in jeder Klasse würde das erheblich erleichtern. Deutsch und Arabisch sind für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend, bis zum gemeinsamen Abitur.

Noch anspruchsvoller wäre es, statt Englisch als Lingua franca Deutsch und Arabisch gleichberechtigt als Unterrichtssprachen zu verwenden. Zunächst erhalten die arabischen Schülerinnen und Schüler intensiv Deutschunterricht, die deutschen intensiven Unterricht im Arabischen. Sobald die jeweiligen Gruppen Fachunterricht in ihrer neuen Sprache absolvieren können, werden sie zusammengelegt. Ziel ist ein deutscher Schulabschluss, bei dem einige Fächer auf Deutsch, andere auf Arabisch geprüft werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Neben Deutsch als Kernkompetenz würde so ein Zugang zur arabischen Welt möglich oder – falls die zweite Sprache eine andere ist – zu Regionen, in denen Französisch, Türkisch, Spanisch oder Russisch gesprochen wird. Wir würden damit anerkennen, ein Einwanderungsland und eine mehrsprachige Gesellschaft zu sein.

Hätte das Vorteile für uns? Ja, und was für welche! Wir meistern auf diese Weise nicht nur die schulische Integration von Flüchtlingen und Einwanderern. Allein für den Nahen Osten, der in den nächsten Jahrzehnten einen tief greifenden Wandlungsprozess durchmachen wird, empfehlen wir uns und unsere Kinder als wirtschaftliche, kulturelle und politische Partner, die diesen Transformationsprozess begleiten können.

In unserer Reihe "Zwischenfrage" beantworten Experten aus Politik und Wissenschaft Fragen zu Schule und Hochschule.