Der Autor möchte gern bei den großen Bösen der Literatur mitspielen, er nimmt die ganz fiesen Wörter in den Mund, und zwar dauernd, und wer nicht bei drei auf dem Baum ist, wird vom Autor mindestens als "Wichser" und "Oberarschloch" tituliert. Für die deutsche Übersetzung hat der Verlag das noch einmal brachial nachjustiert, wodurch Charles Valentin Alkan, der legendäre Komponist unspielbarer romantischer Klaviermusik, vom Autor genussvoll als "verdammte Fotze" tituliert wird.

James Rhodes, 1975 in London geboren, meint das nicht so. Er will nur spielen, nur schreiben, er holt seine verlorene Pubertät nach und rennt im Kostüm des literarischen bad boy durch die Welt. Doch ist die Jugend- und Fäkalsprache weniger Ausdruck der Unreife, sondern des Schmerzes und der Wut. Sein Zorn ist authentisch und über jeden Zweifel erhaben. Als Kind an der Schule wurde Rhodes, der von Platten und Filmen längst international bekannte englische Konzertpianist und Fernsehmoderator, von seinem Sportlehrer über Jahre missbraucht, niemand hat es gemerkt oder wahrhaben wollen, der Junge selbst schwieg aus Scham. Wütend ist Rhodes auch auf sich selbst, weil er so lange zwanghaft die Hölle dem Himmel vorzog, sich ritzte, mit Drogen und Tabletten volldröhnte, sich übergab, Selbstmordanleitungen studierte, aus geschlossenen Anstalten floh, Beziehungen zerstörte – er konnte einfach nicht anders. Sein Leben war eine Lok, die führerlos auf den Abgrund zusteuerte, und in Rhodes’ Hirn schien das Bremsversagen programmiert.

Aber er hatte Glück, denn es gab eine geheime Instanz, die im Stellwerk seines Lebens die Weichen umlenkte. Und zwar war es der Kontakt zur klassischen Musik mit den fernen Giganten Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann, Brahms, Chopin, Bruckner. Sie spenden ihm nicht nur den allergrößten Trost, sondern sind Brüder im Geiste. Bei ihnen fühlt Rhodes sich wohl, er ist dann nicht allein, er kann seine Dämonen mit ihnen teilen. Außerdem zwingen ihn die Klassiker zur Disziplin. Vor Mozart und Chopin ist er ein Niemand, wenn er sich nicht übend ins Zeug wirft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Rhodes ist dem Tod von der Schippe gesprungen, und mit seiner Autobiografie möchte er seine zuversichtliche Prognose für ein glücklicheres Leben voller Lust herausposaunen und jedem von seinen einzigartigen Nothelfern berichten. Der Klang der Wut hat als Titel des Buchs somit mehrere Dimensionen. Er dokumentiert die Wirkmacht jener Schändungen, die Rhodes im Internat erlitt und an deren Folgen er wie "ein Bündel aus Ticks und Bettnässen" vielleicht lebenslang leiden wird. Er benennt die heilende Kraft der Musik, die ihn und seine Schreie besänftigte, aufrichtete, animierte, forderte – mit seinen eigenen Worten: "die mich am Leben hielt". Das Buch mündet auch in ein Manifest für eine Demokratisierung der klassischen Musikwelt, gegen Schubladendenken und elitäre Gesinnung.

Und nicht zuletzt steht der Titel für die vielen Komponisten, denen Musik die einzige Möglichkeit bot, ihr Ich und ihr Genie zu beglaubigen. Rhodes möchte, dass alle Welt kapiert, dass die Klassiker die Popstars von damals waren; dass sie psychische Defekte aufwiesen, randalierten, Groupies hatten, sich berauschten, betäubten und fast immer zahlungs- und beziehungsunfähig waren. Bei einigen stimmt das tatsächlich, sie folgten der Liebe als Phantom, das sie kaum je erreichten, und wurden zu emotionalen Eremiten, die einzig für ihre Partituren und Konzerte lebten. Solche Lebensläufe hätten heute das Zeug, den Megastars aus Rock und Pop den unentbehrlichen traurigen Glanz zu verleihen.


Rhodes hat einkalkuliert, dass sein Buch den Lesern auf die Nerven geht. Schon bald hält man seinen Jargon für Masche und hofft, dass manche Seite ohne "Scheiße" auskommt, aber diese Freude macht Rhodes uns nicht. Will er auch nicht. Er will, dass wir das Elementare spüren, das mit seinem Borderline-Leben passiert ist; den Alltag eines Vergewaltigungsopfers nennt er "Krieg", und in diesen Gefechten ist er selbst das "Oberarschloch", da tobt ein Selbsthass, der in den besten Passagen eine aberwitzige Mischung aus Inszenierung und Ohnmacht darstellt. Rhodes weiß, dass er seine Leser zu verlieren droht, aber er kann nicht anders. Seine Sprache dient der Hygiene, er will nicht gut erzogen, sondern als ein labiles Bündel Hilflosigkeit dastehen, dem die großen Meister die Hand auf die zitternde Schulter legen, ein paar Noten hinstellen und soufflieren: Spiel das, dann wird alles gut.