Der Pianist James Rhodes © Tim P. Whitby/Getty Images

Der Autor möchte gern bei den großen Bösen der Literatur mitspielen, er nimmt die ganz fiesen Wörter in den Mund, und zwar dauernd, und wer nicht bei drei auf dem Baum ist, wird vom Autor mindestens als "Wichser" und "Oberarschloch" tituliert. Für die deutsche Übersetzung hat der Verlag das noch einmal brachial nachjustiert, wodurch Charles Valentin Alkan, der legendäre Komponist unspielbarer romantischer Klaviermusik, vom Autor genussvoll als "verdammte Fotze" tituliert wird.

James Rhodes, 1975 in London geboren, meint das nicht so. Er will nur spielen, nur schreiben, er holt seine verlorene Pubertät nach und rennt im Kostüm des literarischen bad boy durch die Welt. Doch ist die Jugend- und Fäkalsprache weniger Ausdruck der Unreife, sondern des Schmerzes und der Wut. Sein Zorn ist authentisch und über jeden Zweifel erhaben. Als Kind an der Schule wurde Rhodes, der von Platten und Filmen längst international bekannte englische Konzertpianist und Fernsehmoderator, von seinem Sportlehrer über Jahre missbraucht, niemand hat es gemerkt oder wahrhaben wollen, der Junge selbst schwieg aus Scham. Wütend ist Rhodes auch auf sich selbst, weil er so lange zwanghaft die Hölle dem Himmel vorzog, sich ritzte, mit Drogen und Tabletten volldröhnte, sich übergab, Selbstmordanleitungen studierte, aus geschlossenen Anstalten floh, Beziehungen zerstörte – er konnte einfach nicht anders. Sein Leben war eine Lok, die führerlos auf den Abgrund zusteuerte, und in Rhodes’ Hirn schien das Bremsversagen programmiert.

Aber er hatte Glück, denn es gab eine geheime Instanz, die im Stellwerk seines Lebens die Weichen umlenkte. Und zwar war es der Kontakt zur klassischen Musik mit den fernen Giganten Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann, Brahms, Chopin, Bruckner. Sie spenden ihm nicht nur den allergrößten Trost, sondern sind Brüder im Geiste. Bei ihnen fühlt Rhodes sich wohl, er ist dann nicht allein, er kann seine Dämonen mit ihnen teilen. Außerdem zwingen ihn die Klassiker zur Disziplin. Vor Mozart und Chopin ist er ein Niemand, wenn er sich nicht übend ins Zeug wirft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Rhodes ist dem Tod von der Schippe gesprungen, und mit seiner Autobiografie möchte er seine zuversichtliche Prognose für ein glücklicheres Leben voller Lust herausposaunen und jedem von seinen einzigartigen Nothelfern berichten. Der Klang der Wut hat als Titel des Buchs somit mehrere Dimensionen. Er dokumentiert die Wirkmacht jener Schändungen, die Rhodes im Internat erlitt und an deren Folgen er wie "ein Bündel aus Ticks und Bettnässen" vielleicht lebenslang leiden wird. Er benennt die heilende Kraft der Musik, die ihn und seine Schreie besänftigte, aufrichtete, animierte, forderte – mit seinen eigenen Worten: "die mich am Leben hielt". Das Buch mündet auch in ein Manifest für eine Demokratisierung der klassischen Musikwelt, gegen Schubladendenken und elitäre Gesinnung.

Und nicht zuletzt steht der Titel für die vielen Komponisten, denen Musik die einzige Möglichkeit bot, ihr Ich und ihr Genie zu beglaubigen. Rhodes möchte, dass alle Welt kapiert, dass die Klassiker die Popstars von damals waren; dass sie psychische Defekte aufwiesen, randalierten, Groupies hatten, sich berauschten, betäubten und fast immer zahlungs- und beziehungsunfähig waren. Bei einigen stimmt das tatsächlich, sie folgten der Liebe als Phantom, das sie kaum je erreichten, und wurden zu emotionalen Eremiten, die einzig für ihre Partituren und Konzerte lebten. Solche Lebensläufe hätten heute das Zeug, den Megastars aus Rock und Pop den unentbehrlichen traurigen Glanz zu verleihen.


Rhodes hat einkalkuliert, dass sein Buch den Lesern auf die Nerven geht. Schon bald hält man seinen Jargon für Masche und hofft, dass manche Seite ohne "Scheiße" auskommt, aber diese Freude macht Rhodes uns nicht. Will er auch nicht. Er will, dass wir das Elementare spüren, das mit seinem Borderline-Leben passiert ist; den Alltag eines Vergewaltigungsopfers nennt er "Krieg", und in diesen Gefechten ist er selbst das "Oberarschloch", da tobt ein Selbsthass, der in den besten Passagen eine aberwitzige Mischung aus Inszenierung und Ohnmacht darstellt. Rhodes weiß, dass er seine Leser zu verlieren droht, aber er kann nicht anders. Seine Sprache dient der Hygiene, er will nicht gut erzogen, sondern als ein labiles Bündel Hilflosigkeit dastehen, dem die großen Meister die Hand auf die zitternde Schulter legen, ein paar Noten hinstellen und soufflieren: Spiel das, dann wird alles gut.

Glenn Gould hockt im Hintergrund

Nun, aus seiner Schulzeit ging Rhodes als ein mittelmäßiger Klavierspieler hervor, der bloß mäßig komplexe Literatur wie Richard Claydermans Ballade pour Adeline auf die Reihe bekam. Nach seinen diversen Klinikaufenthalten brachte er aber – auch dank großartiger Lehrer – ein System in sein Üben und Spielen und investierte ein Vielfaches an Übezeit. Er war jetzt Ende 20, fand einen hingebungsvollen Manager, ein paar gewogene Sponsoren und viele Freunde, die ihn förderten. Und als er sein erstes Klavieralbum herausbrachte, wurde es vom Marketing beworben wie das Werk eines gefallenen Engels, der mit Musik wieder zum Himmel flog. Hört man sich aktuell Rhodes’ Aufnahmen auf CD und im Internet an, darf man zweifelsfrei konstatieren: Er ist ein meisterhafter Pianist. Hört man ihm etwa bei Chopin-Etüden zu, vernimmt man Tiefgang, Brillanz und die Kunst, auch in den Mittelstimmen nach Sensationen zu forschen. Sein Bach ist gläsern, unverkennbar hockt Glenn Gould als Idol im Hintergrund.


Als sozial verträglicher Mensch taugt Rhodes heutzutage vermutlich besser als früher, aber verheiratet möchten wohl nur die wenigsten mit ihm sein. Seine erste Ehe hat er in den Sand gesetzt, sein kleiner Sohn Jack ist ihm allerdings ein Navigationssystem, das ihm die Richtung weist. Jetzt ist Rhodes ein zweites Mal verheiratet, produziert regelmäßig Fernsehsendungen und Dokumentationen, auch für die BBC, nimmt neue Platten auf und reist um die Welt. In seinen Konzerten spricht er zum Publikum, das konnte er, der unentwegt Flüchtende, stets am besten; vor allem scheint es ihm für sich und seine Klassik, die er so liebt, überlebenswichtig. Alle sollen begreifen, wie ein Rachmaninow (dessen Namen er sich auf den Unterarm tätowieren lassen hat) einen Hörer mit gefahrlosen Drogen abschießt, vollkokst und schweben lässt.

Dieses Unbedingte, Fanatische ist die Stärke des Buchs. Rhodes will sich nicht sympathischer machen, als er es sowieso nicht ist, er verkauft eine ehrliche Haut. Er redet sich um Kopf und Kragen, seine Argumentationen verschickt er wie Brandbriefe. Differenzierungen und Nuancen sind nicht seine stärkste Seite. Das führt auch schon mal direkt in den Blödsinn. Interpreten sind für Rhodes "sozial inkompetent und extrem schüchtern, mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl von Sexualfetischen". Die Quellen, bitte! Und wir Kritiker sind "einsame, verbitterte, gescheiterte Musiker, desinformiert und bösartig". Weitere Schimpfwörter, die Rhodes für Journalisten anführt, schenken wir uns aus Gründen des Innungsschutzes; auf der anderen Seite prahlt Rhodes damit, wie gut seine Platten rezensiert wurden.

Sei es, wie es sei: Als selbst ernannter Wunderheiler des Klassikbetriebs ist dieser stürmische Rhodes eine Offenbarung. Er kennt kein Tabu. Er schneidet tief ins Fleisch. Das Buch blutet, also lebt es. Nun, lieber James, wir sind bei Ihnen und wünschen Ihnen viele Leser, viele Zuhörer – und eine gute zweite Ehe. Und bitte keine Rasierklingen mehr im Kulturbeutel!

James Rhodes: Der Klang der Wut. Wie die Musik mich am Leben hielt; a. d. Engl. v. Giovanni und Ditte Bandini; Nagel & Kimche, Berlin 2015; 315 S., 22,90 €