Spätabends in der Küche, mein Mann und ich, die Freunde sind gerade gegangen.

Er: War schön, oder?

Ich: Mmh. Sag mal, hast du das vorhin ernst gemeint?

Er: Was denn?

Ich: Na, dass wir uns das mit den Kindern alles 50 : 50 teilen.

Er: Na klar. Machen wir doch, oder? Gerade waschen wir hier gemeinsam ab!

Ich: Und was machst du danach?

Er: Vielleicht ein bisschen im New Yorker lesen, da ist diese spannende Reportage ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Ich: Genau. Und ich brenne in der Zeit eine CD mit afrikanischer Musik, weil Sasa gerade Afrika-Thema im Kindergarten hat und etwas mitbringen soll. Aber wir teilen alles 50 : 50. Schon klar.

Er: Hat sie mir gar nicht gesagt.

Ich: Was?

Er: Das mit Afrika.

Ich: Eben! Weil sie weiß, dass ich mich um so was kümmere.

Er: Ich habe da doch noch diesen Massai-Krieger ...

Ich: Diese riesige Holzfigur? Und was sollen die Kinder damit machen? In der Mitte aufstellen und drum herumtanzen?

Er: Siehst du, wenn ich dann mal einen Vorschlag mache, ist es dir auch nicht recht.

Ich: Bin ich jetzt etwa schuld?

Er: Nee, aber du bist vielleicht etwas zu perfektionistisch!

Ich: Zu perfektionistisch? Ist es perfektionistisch, darauf zu achten, dass die Mädchen warme Füße haben?

Er: Was hat das denn jetzt damit zu tun?

Ich: Eine Menge! Es ist nämlich so kalt geworden, dass sie neue Schuhe brauchen. Aber das merkst du gar nicht.

Er: Du musst es mir nur sagen, und ich gehe sofort los und besorge welche, gleich morgen.

Ich: Genau das ist es ja! Ich will’s dir nicht erst sagen müssen!

Er: Okay, ist ja gut. Ich hab eine Idee. Ich gehe in den Keller und schaue nach, ob Nele die alten Schuhe von Sasa passen könnten. Gleich jetzt gehe ich gucken. Und du liest in der Zeit den New Yorker, okay?

Die Wohnungstür geht zu. Und wieder auf.

Er: Äh, sagst du mir noch schnell, welche Schuhgröße Nele gerade hat?

Auf der Straße, mein Mann geht vor, die eine Tochter auf den Schultern, die andere an der Hand, sie lachen und singen, mein Vater und ich mit der Babytochter hinterher.

Ich: Du bist so still.

Mein Vater: Jaja.

Ich: Laufen wir zu schnell? Sollen wir langsamer?

Mein Vater: Also wirklich, ich bin doch kein Invalide! Ich war gerade in den Bergen. Da habe ich genauso viel geschafft wie Klaus. Dabei ist der vier Jahre jünger!

Ich: Ja, ja, ich weiß doch.

Mein Vater: Es ist nur, wenn ich die drei da vorne so sehe, dann denke ich immer ... Ich habe so viel verpasst.

Ich: Verpasst?

Mein Vater: Ich meine damals. Als du klein warst. Aber da war die Arbeit ...

Ich: Mmh.

Mein Vater: Die ganzen Tagungen und Vorträge und Reisen ...

Ich: Mmh.

Mein Vater: War eben alles so spannend, diese Möglichkeiten.

Stille.

Mein Vater: Na ja, ganz so viel hätte es wahrscheinlich nicht sein müssen.

Wir schweigen.

Mein Vater: Ich hab übrigens Kasperle-Figuren dabei. Vielleicht ist nachher noch Zeit? Dann spiele ich den Mädchen was vor.

Ich: Ja, mach das, mach das unbedingt.

Nächstes Mal: "Mit 73" von Wilhelm Genazino