Friedliche Bilder wie dieses aus Basra kommen aus dem Irak nur noch selten. © dpa

Der Beamte hält eine mit Tesafilm beklebte Webcam auf mich, klickt und gibt mir meinen Reisepass zurück. Das ist so trostlos, dass meine mitgereiste Angst kurz einem gönnerhaften Mitleid weicht. Ich habe mich ohnehin nicht im Griff, ein Nachtflug liegt hinter mir. Alkohol als Einschlafhilfe war zwischen Istanbul und Basra bereits haram, verboten.

Ab Istanbul saßen fast nur noch Männer im Flugzeug, darunter eine Gruppe Briten, muskulös, in T-Shirts, Tätowierungen bis zum Hals, als flögen sie in den Surfurlaub. Sie gehören zum hoch bezahlten privaten Sicherheitspersonal in Basra. Die südirakische Hafenstadt gilt zwar als relativ stabil, aber die Kriminalität hat wieder zugenommen, auch Entführungen, nachdem Sicherheitskräfte abgezogen wurden, um im Norden gegen den IS zu kämpfen. Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für den gesamten Irak verhängt.

Ich hatte nicht genug Zeit, mich in meine Ängste hineinzusteigern. Sonst hätte ich vielleicht, wie die deutsche Autorin vor mir, ebenfalls abgesagt. Ich bin also der kurzfristig einspringende deutsche Gast auf einer Konferenz irakischer Schriftstellerinnen in Basra, die von einer Berliner Organisation und von Birgit Svensson durchgeführt wird. Der einzigen deutschsprachigen Journalistin, die noch im Irak lebt.

Blauer Himmel, Wintersonne. Meine ersten Schritte setze ich zögerlich, wie auf Eis, von dem man nicht weiß, ob es trägt. Wir steigen in einen Landrover, der uns aus der Sicherheitszone des Flughafens fährt und auf einem schlammüberzogenen Parkplatz absetzt, hier sollen wir in ein Taxi umsteigen. Man sollte meinen, das sei eine routinierte, standardisierte Prozedur, aber es herrscht nervöse Unruhe, Preise werden verhandelt, der Umgangston ist schroff. Eine erste SMS trifft ein: Willkommen im Irak, der Wiege der Menschheit.

Dann mehrere Kilometer durch hellbraune Leere, auf die ein fast unerträglich festliches Sonnenlicht herabflutet. Ich sehe Bilder, die ich zu kennen meine, ergänze die schutzlose Wüstenleere zu dem, wofür der Irak in meinem westlichen Bewusstsein steht: Krieg und Terror, IS und, nun ja, ein paar Bilder aus Homeland-Episoden. Aber Menschen, ihr Alltag, ihre Wirklichkeit, da ist eine große Leerstelle.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Am ersten Checkpoint werden wir gestoppt. Schirin, eine aus Erbil angereiste Kurdin, wird lange befragt, man bezweifelt ihr Aufenthaltsrecht. Ich selbst auf der Rückbank mache mich ganz klein. Willkür herrscht hier, die Machthaber sind Kriminelle und gewalttätige schiitische Milizen, das weiß ich aus vorbereitender Lektüre. In das Machtvakuum, das die Saddam-Diktatur hinterließ, strömten zahlreiche miteinander rivalisierende Stämme und Banden. Geld macht man hier mit Korruption, mit Raub und Entführungen. Ausländer kommen überhaupt nur, um für Firmen, meist im Ölsektor, zu arbeiten, und leben dann außerhalb der Stadt in abgesicherten Camps.

Wir dürfen weiter. Die ersten Häuser tauchen auf. Eher Slums. Niedrige Gebäude aus unterschiedlichen Ziegeln, wahrscheinlich Ausbesserungen von Kriegsschäden. Müll liegt auf den Wegen, Müll liegt in den Kanälen. Die Luft regiert ein Wirrwarr aus Stromkabeln. Die schwarzen Trauerfahnen der Schiiten flattern im Wind, optisch schrecklich ähnlich denen des IS, des Feindes.

Es sind fast nur Männer unterwegs. Die wenigen Frauen von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt. Im Stadtzentrum sieht man nirgends Cafés oder etwas, das mit Leben und Vergnügen zu tun hat. Vor den besseren Wohnhäusern sitzen bewaffnete Wachen. Es wirkt, als sei der letzte Krieg gerade erst vorbei.

"Willst du die Wunde nicht verbinden? Oder fürchtest du, dich an ihr anzustecken? Komm, lass uns beten, Krieg um Krieg, lass uns den Toten gratulieren zu ihrem Frieden."

Verse von Amal Ibrahim, einer der Autorinnen, die an der Konferenz teilnehmen wird. Sie stehen in der Anthologie Mit den Augen von Inana (Verlag Hans Schiler 2015), die Birgit Svensson herausgegeben hat, um den irakischen Autorinnen in einer männerdominierten Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Ich treffe Birgit Svensson in der Lobby unseres bescheidenen Mittelklassehotels, des Kasr al-Sultan (das mangels Konkurrenz dennoch 100 Dollar die Nacht kostet). Sie wirkt resolut und furchtlos und erzählt strahlend von ihrem Besuch an der IS-Front in der vergangenen Woche. Ich muss Schlaf nachholen. Ich beziehe also mein Zimmer, es ist frisch renoviert und wirkt in seinen knalligen Himbeertönen rätselhaft übermütig. Im Halbschlaf gehe ich noch mal pflichtbewusst die Gefahren durch, denen ich mich hier ausgesetzt habe. Aus unserem Hotel wurden bereits ein britischer Journalist und ein irakischer Fotograf entführt, angeblich half der Hotelmanager mit (wurde er inzwischen ausgetauscht?). Der Iraker kam sofort, der Brite gegen Lösegeld nach zwei Monaten frei. Bin ich eine gute Geisel? Mit dieser fast schon flapsigen Frage, wie ein Mut machendes Pfeifen in der Dunkelheit, schlafe ich ein.

Basra liegt am Schatt al-Arab, dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris. Der knapp 200 Kilometer lange Fluss grenzt an den Iran und mündet im Persischen Golf. Eine wichtige Verkehrsader. Basra war im Iran-Irak-Krieg die Kriegsfront, im Zweiten Golfkrieg unter Beschuss, und bei der Besetzung des Iraks war Basra die Stadt, die als erste fiel.