In den Ateliers der Künstler stapelt sich die Kunst. © dpa

Den gekonnten Abgang beherrschte Keith Arnatt von Anfang an. Schon sein Durchbruch gelang dem englischen Künstler 1969 bezeichnenderweise mit der Arbeit Self Burial (Television Interference Project), bei der das reguläre Abendprogramm eines Fernsehsenders durch das Einblenden von Fotografien unterbrochen wurde, auf denen der Künstler Stück für Stück im Erdboden versank. Dieses "Selbstbegräbnis" war für Arnatt der Start einer eher durchschnittlich erfolgreichen Konzeptkünstler- und Fotografenkarriere. Und in der letzten Dekade seines Lebens übte er sich dann noch einmal im gezielten Abtauchen – indem er dem Kunstmarkt den Rücken kehrte, keine Einzelausstellungen mehr machte, alle Verbindungen kappte.

Arnatt starb 2002, und dass man sich heute noch an ihn erinnert, hätte er sich wohl nicht träumen lassen. Aber so ist es eben mit den lieben Verwandten – sie haben ihren eigenen Kopf: 2012 wandte sich Arnatts Sohn an Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel von Fine Art Partners. Die Berliner Spezialisten für Kunstfinanzierung und Nachlassbetreuung fanden die Kunst spannend, den Erben sympathisch, und so erarbeitete man eine gemeinsame Strategie. Anschließend kontaktierten Würtenberger und Tümpel die renommierte Galerie Sprüth Magers. Und so wurde 2013 in den Berliner Räumen der Galerie Arnatts hinreißende Notizzettel-Fotoserie Notes from Jo gezeigt, die er relativ unbemerkt in den neunziger Jahren geschaffen hatte.

Wie platziert man einen Künstlernachlass am Markt? Und wie im Museum? Das sind Fragen, die sich Künstler teilweise noch zu Lebzeiten stellen, die mit Sicherheit aber auf ihre Erben zukommen. Im Moment erhält das Nachlassthema einige Dynamik, beschleunigt durch Symposien wie im Januar im Kölner Auktionshaus Van Ham oder im Dezember vergangenen Jahres in der Berliner Akademie der Künste, wo die Gründung eines Bundesverbands "Künstlernachlässe" noch für dieses Frühjahr in Aussicht gestellt wurde. Stiftungen und Vereine aus elf Bundesländern verabredeten sich zur gemeinsamen Lobbyarbeit. Eine Ebene weiter denken Fine Art Partners, die in diesen Tagen die Website ihres neu geschaffenen Institute for Artists’ Estates freischalten, das auf eine weltweite Vernetzung abzielt: "Das Institut will Informationen bereitstellen sowie Nachlassverwaltern, die bereits auf internationaler Ebene erfolgreich arbeiten, eine Plattform zum Austausch bieten", sagt Würtenberger. Engen Kontakt hält sie zum Beispiel zu Mayen Beckmann, die das Erbe ihres Großvaters Max pflegt, oder zu Christy MacLear, der Direktorin der Robert Rauschenberg Foundation. Auch Forschungsstipendien will das Institut vergeben.

In manchen Fällen wollten Erben die Kunst ihrer Verwandten einfach auf dem Müll entsorgen

Ohne überzeugte Unterstützer, so viel ist sicher, gerät jede posthume Künstlerkarriere ins Stocken. Dass Teile des Ateliers der 2009 verstorbenen Hanne Darboven fünf Jahre später im Museum Reina Sofía in Madrid zu sehen waren, war das Verdienst des einflussreichen Sammlers Harald Falckenberg, der sich über Jahre in der Hanne-Darboven-Stiftung für eine ebensolche Ausstellung einsetzte. "Mir war früh klar, dass Darbovens Kunst in die erste Liga der europäischen Museen gehört", sagt Falckenberg. Doch nicht jeder Künstler hat solche Fürsprecher. Werner Schaub, Vorsitzender des Bundesverbandes Bildender Künstler und Künstlerinnen (BBK), kennt Fälle, in denen Erben die Bilder ihrer verstorbenen Verwandten einfach in den Müll geben wollten. Im November erschien deshalb eine BBK-Publikation mit dem Titel Anlass: Nachlass als eine Art Hilfe zur Selbsthilfe: "Wichtig ist, dass Künstler ihr Werk schon zu Lebzeiten ordnen, etwa eine detaillierte Liste ihrer Werke erstellen", empfiehlt Schaub. "Dann kann ein Nachlass später leichter ein Zuhause finden."

Allerdings sind die Depotflächen endlich. Selbst das Archiv Künstlernachlässe in Pulheim bei Köln, das bis 2019 für 7,5 Millionen Euro ein neues Schaumagazin erhalten soll – bezahlt zu je einem Drittel vom Bund, dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Landschaftsverband Rheinland –, bewahrt bis heute lediglich 34 Nachlässe auf. Und die meisten Museen winken gleich ganz ab: "Einmal pro Monat erreicht uns ein Angebot", sagt etwa Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie. "Aber es ist nicht die Aufgabe eines Museums, alles aufzubewahren. Es wäre auch illusorisch, zu glauben, dass noch Platz für größere Konvolute an Leinwänden oder gar Skulpturen vorhanden sei." Bestenfalls besondere Einzelwerke oder Teilnachlässe von Briefen und anderen Schriftstücken, Fotografien oder Papierarbeiten fänden Berücksichtigung. "Eine volle Garage ist noch kein Angebot", warnt Köhler. Ideal seien gut geordnete Hinterlassenschaften von Künstlern, die einen inhaltlichen Bezug zum Haus haben. Als letzten Neuzugang verzeichnete man rund 1.000 Zeichnungen aus dem Nachlass der jüdischen Künstlerin Gertrude Sandmann, die mithilfe von Freunden den Holocaust überlebte und 1981 in Berlin starb. 2017 oder 2018 sollen die Blätter in einer Ausstellung zu sehen sein.

Für den Markt sind die Nachlässe bisher übersehener Künstler eine neue Nachschubquelle

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Auch die Galeristen engagieren sich seit einigen Jahren stärker für die Arbeit mit Nachlässen – weil hier ein lukratives Geschäftsfeld winkt. "Der Markt hat die Nachlässe entdeckt", diagnostiziert Nachlassspezialistin Loretta Würtenberger. "Diese Tendenz ist das Ergebnis des starken Markts für zeitgenössische Kunst in den letzten zehn Jahren. Mittlerweile haben die Galerien in diesem Bereich Nachschubprobleme. Deshalb suchen sie nach neuen Quellen, die sie erschließen können." Zudem signalisiere die Arbeit mit Nachlässen eine Öffnung zum Sekundärmarkt, der für die Großgalerien wichtiger werde. Mit freudigem Ton verkünden es so Galerien, wenn der Nachlass eines bekannten Künstlers fürs eigene Programm gewonnen – oder besser noch: einem Mitbewerber abgeluchst – werden konnte. Als wechselfreudig hat sich die Robert Rauschenberg Foundation erwiesen: 2008, kurz nach dem Tod des Künstlers, ging sie von dessen New Yorker Galerie Pace zum Konkurrenten Gagosian. Mittlerweile hat Gagosian den Rauschenberg-Nachlass schon wieder verloren, zugunsten eines Galerientrios, gebildet aus Luisa Strina (São Paulo), Thaddaeus Ropac (Salzburg/Paris) – und Pace.

Einige Galerien scheinen bei Künstlererben beliebter als andere zu sein: So vertritt David Zwirner in New York und London 13 Nachlässe, darunter die von Alice Neel, On Kawara und den Minimal-Art-Heroen Dan Flavin und Donald Judd. Auf 16 Nachlässe bringt es sogar die Galerie Hauser & Wirth mit ihrem Galerienetzwerk zwischen Zürich, London, Somerset, New York und bald auch Los Angeles. "Viele der Künstlernachlässe, die wir heute vertreten, sind letztlich einfach die logische Fortsetzung der Galeriearbeit, als die Künstler noch gelebt haben", erklärt Galeriebesitzer Iwan Wirth. "So sind in den 25 Jahren seit Gründung von Hauser & Wirth zahlreiche wichtige Künstler leider verstorben, darunter Dieter Roth, Allan Kaprow, Jason Rhoades, Louise Bourgeois oder Mike Kelley."

Wirth registriert heute einerseits ein neues Interesse der Kunstkritik und des Markts an bisher übersehenen wichtigen Künstlerpositionen und Bewegungen und andererseits gestiegene Ansprüche seitens der Künstlererben an die Galerien: "Hohe Professionalität, höhere Standards in rechtlicher, logistischer und konservatorischer Sicht, aber auch Kenntnisse des globalen Kunstmarkts sind wichtige Voraussetzungen für die erfolgreiche Betreuung eines Nachlasses." So forscht Hauser & Wirth zu den verstorbenen Künstlern, bewahrt deren Archive, veröffentlicht Werkverzeichnisse und beschäftigt am Schweizer Standort eigens einen Restaurator, der sich um komplizierte Werke wie etwa die fragilen Skulpturen der jung verstorbenen Arte-Povera-Künstlerin Eva Hesse kümmert, die heute spielend siebenstellige Preise erzielen.

Manchmal ist Nachlassbewahrung zudem eine Möglichkeit, eine alte Freundschaft zu ehren, im Falle von Iwan Wirth zum Beispiel zum Künstler Jason Rhoades. Dessen ausufernde Großinstallationen auszustellen ist heute eine Herausforderung für jedes Aufbauteam. Da ist die frühere Nähe von Künstler und Galerist kein Nachteil. "Die tiefe Liebe und Wertschätzung für einen Künstler und das intime Wissen seiner Werte geben die Richtung für die weitere Erforschung seiner Werke vor", sagt Wirth.

Zu dogmatisch darf man es mit der Deutungshoheit allerdings nicht betreiben – als warnendes Beispiel dient immer noch der Nachlass des Künstlers Oskar Schlemmer, der bis 2014 wegen jahrzehntelanger Erbstreitigkeiten kaum gezeigt werden konnte. Eine goldene Regel bei der Pflege eines Künstlererbes, so Loretta Würtenberger, sei für alle Beteiligten, irgendwann emotional loszulassen. "Es gibt nur einen Weg, einen Nachlass auf Dauer lebendig zu halten", sagt sie: "Jede Generation muss die Chance bekommen, den Künstler für sich auf eine neue Art zu entdecken."