Ihre Hände sind krebsrot und angeschwollen, als hätte sie kochendes Wasser darüber geschüttet. In der einen Hand hält sie ein eigenartig geformtes Stück Alufolie, in der anderen ein Feuerzeug. Sieht nach Drogen aus. Die Frau beugt ihren Kopf nach vorn, zündet das Feuerzeug an, doch da zeigt Polizeioberrat Frank Gurke schon mit dem Finger auf sie. Bernd Merbitz, Leipzigs Polizeipräsident, stürmt los, direkt auf sie zu. Als er vor ihr steht, sagt er ruhig: "Ausweis." Sie guckt ihn an, verblüfft. Ihr Blick bedeutet: Verdammt. Erwischt. Wegrennen? Eindeutig zu spät.

"Ausweis!", sagt Merbitz.

Die Frau kramt in ihrer Tasche aus verdrecktem, rotem Filz. An den Füßen trägt sie diese dicken Flauschstiefel, die billig aussehen und auch billig sind – außen mit wuscheligem Fell, das nach unten hin schmutzig wird.

Mit routiniertem Griff befördert sie ihren Ausweis aus der Tasche, völlig zerfleddert und verbogen ist der schon. Polizeioberrat Gurke nimmt erst den Ausweis, dann sein Handy. Er ruft eine Streife. "Schnell bitte", sagt er, "wir haben hier einen Journalisten dabei."

Plötzlich fängt sie an zu brüllen, mit böse rollendem R: "Barchotka! Basran!" Flüche, üble Beschimpfungen, auf Russisch. "Ratatouille, Ratatouille", hört man dann gleich von woanders her. Und ja, von oben, aus einem Dachfenster, ruft wirklich jemand: "Ratatouille, Ratatouille, Ratatouille!" Merbitz guckt hoch, holt seine Zigarettenschachtel raus, Marlboro. Raucht erst mal eine. "Der warnt jetzt seine Kumpel", sagt der Polizeichef. Die Streife trifft ein und übernimmt. Merbitz und Gurke gehen zurück ins kleine Revier, das sie hier extra an der großen Straße eingerichtet haben, damals vor zwei Jahren, als Familienclans aus Syrien und dem Irak mit Dönermessern und Zaunlatten aufeinander losgingen. Als die Eisenbahnstraße erstmals richtig in die Schlagzeilen kam; die Politik gefordert war, etwas zu unternehmen. Das Revier sollte ein Zeichen sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wir sind mit Merbitz zu einer Ortsbegehung verabredet, wollen mit ihm überprüfen: Was hat es auf sich mit dem Mythos Eisenbahnstraße? Dass dem Polizeipräsidenten gleich auf offener Straße eine Drogenkonsumentin begegnet, ist vor allem ein Zufall. Aber irgendwie passiert hier, im Leipziger Osten, eben immer irgendetwas.

Willkommen auf der Eisenbahnstraße! Der gefährlichsten Meile Deutschlands, den "kriminellsten 1,4 Kilometern" der Republik, wie der Focus neulich schrieb. Die Verbrecher, berichtete das Magazin, würden sich hier, im Osten Leipzigs, "bei einer Razzia in die nahen Wälder verziehen." Dabei gibt es in dieser Gegend gar keine Wälder. Seit zwei Jahren vergeht kaum eine Woche, ohne dass über diese Straße berichtet wird: Ist die Eisenbahnstraße wirklich so schlimm wie ihr Ruf?

Tatsächlich liegt die Gegend um die Eisenbahnstraße in der Kategorie "Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit" in der Leipziger Kriminalitätsstatistik weit vorn. Im Jahr 2014 gab es hier 365 Körperverletzungen, im Schnitt also jeden Tag eine Gewalttat. Im Jahr davor passierten gar vier "Straftaten gegen das Leben" – von insgesamt 25 im gesamten Stadtgebiet. Und auch die Steigerung der Fallzahlen alarmierte die Behörden: Von 2013 bis 2014 stiegt die Zahl aller erfassten Delikte in den Vierteln rund um die Eisenbahnstraße um etwa 11 Prozent – in ganz Leipzig allerdings um 12,5 Prozent.

Noch mehr passiert nur in der Innenstadt, auch dort gibt es viele Körperverletzungen, hauptsächlich aber wird aus Geschäften geklaut, werden Handtaschen geraubt, Fahrräder entwendet. In der Eisenbahnstraße sind es die spektakulären Verbrechen, die das Image prägen, und wenn es um Drogen und Ausländer geht, ist die Schlagzeile ja auch schon fast fertig: Vor zwei Jahren schoss an der Eisenbahnstraße, Ecke Hildegardstraße ein Mann zwei anderen Männern gezielt in die Beine. Zweimal gerieten in den vergangenen zwei Jahren Familienclans aneinander, beide Male entluden sich deren Streitereien in teilweise extremer Gewalt, schwerer Körperverletzung, Massenschlägereien. Beide Male rückte die Polizei zu Großeinsätzen aus.

Polizeipräsident Merbitz und Polizeioberrat Gurke sind jetzt im kleinen Polizeiposten angekommen. Ein dritter Beamter läuft aus seinem Zimmerchen, weiß schon Bescheid über die Begegnung im Gebüsch: "Habt ihr sie angefasst?", fragt er. "Die hat Hepatitis, kam gerade über Funk." Merbitz und Gurke gucken sich an und laufen die Treppe hoch zum Badezimmer, Hände waschen. Gurke fragt nach Desinfektionsmittel, sein Kollege hat keins, man könne aber mal rüber zur Apotheke gehen. Gute Idee, meint Gurke. Und sagt: "Vergnügungssteuerpflichtig ist das hier nicht."