Das Hauptproblem im Viertel, sagt Gurke, seien die Drogen. Den Drogenproblemen komme man am besten mit ordentlicher Sozialarbeit bei, findet der Polizist. Sein Boss Merbitz nickt. Er kennt die Gegend gut. Als er ein junger Polizist war, Ende der siebziger Jahre, war sie sein erstes Streifengebiet. Später brachte er es zum Major der Volkspolizei und zum Leiter der Mordkommission, nach der Wende zu Sachsens oberstem Nazijäger, zum Landespolizeipräsidenten – bevor er auf den Posten des Leipziger Polizeipräsidenten versetzt wurde. Die Eisenbahnstraße sei schon früher, zu DDR-Zeiten, ein "komplizierter Streifenbereich" gewesen, da gab es immer wieder "körperliche Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen Gruppierungen und der Polizei", erzählt Merbitz. Aber so ist das eben in einer Straße, in der sich Kneipe an Kneipe reiht. Damals sei hier besonders zur Messezeit viel los gewesen. Vor zweieinhalb Jahren wurde Merbitz selbst in eine Schlägerei verwickelt, wollte zwei Männer trennen, die sich auf der Eisenbahnstraße prügelten. Seine Armbanduhr ging zu Bruch.

Also alles ganz schlimm auf der Eisenbahnstraße?

"Alles normal hier", sagt Optikermeister Volkmar Maul. Er guckt durch dicke, runde Brillengläser. "Meine Stammkunden sind eher ältere Leute, aus ganz Leipzig kommen sie hierher, wir sind seit 1946 am Ort." Probleme sieht er nicht oder kaum, um seinen Laden direkt an der Eisenbahnstraße hat er jedenfalls keine Angst. "Hab letztens neuen Fußboden hier verlegt. Die Tochter will weitermachen, wohnt obendrüber." Maul zeigt zur Decke.

Gegenüber von Mauls Brillenladen, gleich an der Straßenbahnhaltestelle, befindet sich das Zentrum der Straße: Simko Jabbarys Laden "Internationale Lebensmittel". In engen Gängen stehen Hunderte, Tausende Produkte mit arabischen Beschriftungen, einige sehen schmackhaft aus, andere nicht so, aber Simko Jabbarys frische Minze, die ist zum Niederknien. Jabbary lädt ein, in sein Chefbüro hinter der Fleischtheke ("Alles frisch, alles halal"). Auf dem Flur betet jemand gen Mekka, Jabbary setzt sich in seinen Chefsessel und raucht Davidoff mit weißem Filter. An die Wand neben seinem Schreibtisch hat er eine riesige Sammlung von Geldscheinen aus aller Welt geklebt. "Weiß nicht, versteh ich nicht", sagt Jabbary, "also, manchmal gibt’s Ärger, klar, aber gefährlich?" Er bläst blauen Rauch aus. Nein, gefährlich sei es hier nicht.

Und man kann weiter fragen, im Palmyra-Basar, beim Dönermann, im Zigarettenladen – keiner scheint sich bedroht zu fühlen auf der Eisenbahnstraße. Das ist die andere Seite: Die Leute, die hier leben, sind gern da.

Turbulent war es allerdings schon immer. Gewissermaßen ballte sich hier die ostdeutsche Geschichte, die Geschichte dieser Stadt, auf besondere Weise. Mitte des 19. Jahrhunderts, als Leipzig auf dem Weg zur Millionenstadt war, hat man das Quartier als Arbeiterviertel am Reißbrett entworfen und in Windeseile erbaut: schnurgerade Straßen mit Mietskasernen. In den zwanziger Jahren wurde die Straße zur Hochburg von Sozialisten und der Kommunistischen Partei in Leipzig. Den Roten Osten nannte man die Gegend damals. Die Eisenbahnstraße war dessen Boulevard – mit mehr als hundert Geschäften, zwanzig Kneipen und zwei großen Kinos. Als im Sommer 1932 SA und SS das Viertel stürmen und besetzen wollten, gelang es den Bewohnern, die Nazis nach Barrikadenkämpfen zu vertreiben, vorerst zumindest. Zum Internationalen Frauentag im März 1933, wenige Wochen nach Hitlers "Machtergreifung", hängten Bewohner entlang der Eisenbahnstraße rote Bettdecken aus den Fenstern, als Protest gegen die Nationalsozialisten. Später setzten genau hier die ersten Terrorwellen der Faschisten ein, Razzien und Verhaftungen waren schon 1933 an der Tagesordnung.

Zwölf Jahre später benannten die neuen Machthaber die Eisenbahnstraße nach dem Kommunistenführer Ernst Thälmann, ihre Funktion als Einkaufs- und Kneipenmeile behielt die Ernst-Thälmann-Straße auch zu DDR-Zeiten. Und an deren Ende bewiesen die Menschen, die hier lebten, wieder ihr revolutionäres Potenzial: Das Quartier gilt als eine der Keimzellen der Friedens- und Umweltschützer-Bewegung, die letztlich den Zusammenbruch der DDR herbeiführte. Hier, am alten Volkmarsdorfer Markt, steht die Lukaskirche, die Gemeinde des Pfarrers Christoph Wonneberger, der als Initiator und Organisator der Leipziger Friedensgebete den Boden für die Montagsdemonstrationen bereitete. Sein Publikum wohnte zu einem großen Teil in den verfallenden Häusern rund um die Ernst-Thälmann-Straße, also die Eisenbahnstraße. Darunter Studenten, Künstler, Intellektuelle, Kriegsgegner und Ökobewegte. Viele von ihnen in quasi besetzten Wohnungen.

Nach 1990 flohen die Leute in Scharen aus den kaputten Häusern, die Straße, die nun wieder Eisenbahnstraße hieß, wurde eine Meile des Leerstands. Es zogen Migranten her, teilweise gesteuert über die Ausgabe von Wohnberechtigungsscheinen, teilweise, weil die Mieten günstig waren. Schnell bildete sich eine Zuwanderer-Community.

Ein Migrantenanteil von ungefähr 15 Prozent ist nicht viel aus westdeutscher Sicht. Allerdings viel aus ostdeutscher Sicht. Im Osten mit seinen tendenziell fremdenfeindlicheren öffentlichen Diskursen hatte die Eisenbahnstraße schnell den Ruf eines Ausländerviertels weg, in das sich der gute Deutsche nicht hineintrauen könne. "Der Osten Leipzigs wurde Heimat all derer, die sonst nirgendwo erwünscht waren", so stand es im Herbst 2014 im Stadtmagazin Kreuzer.

Gehen wir noch einmal raus auf die Straße. An Dolly Busters Erotik Markt, "Open 10 – 24 Uhr", vorbei, weiter in Richtung Osten, zum Barber-Shop, wo die Dealer in dicken Jacken stehen: Wir sehen Bernd Merbitz, wie er gerade in seinen schwarzen Dienst-BMW steigt. Im Haus dahinter haben sie neulich ein illegales Bordell ausgehoben. Aber nur noch die Betten gefunden.

Es ist der Keller jenes Hauses, das hundert Jahre lang Hoffmanns Bierstuben beherbergte, die älteste Kneipe der Straße, in der zu DDR-Zeiten Frauen nach dem ersten Schnaps gehen mussten. Der Wirt glaubte nämlich, dass, wo Frauen sind, Ärger nicht weit sei. Heute sind eine Spielothek und ein Handyladen in dem Gebäude, Star Cafe 1 und Novo Line. Drogen gibt es auch, wenn man fragt. Weiter geht’s, ohne Merbitz jetzt, hinüber zum Palmyra-Basar, hoch zur Tramhaltestelle, links um die Ecke: Hier war die DDR-Kultkneipe Achtern Strom, wo die Wessis zu Messezeiten mit D-Mark protzten. Das Haus ist frisch saniert, mit blauen Fensterrahmen. Im Sommer haben sie hier Teerbomben gegen die Fassaden geschmissen, wegen der Gentrifizierung.

Der Leipziger Osten gehört seit zwei Jahren zu den am raschesten wachsenden Stadtgebieten, knapp 3.000 Menschen sind in diesem Zeitraum hierhergezogen, netto. Zum Großteil junge Leute, Studenten, Kreative, Akademiker. Sie verändern das gesamte Viertel und vor allem eben auch die Eisenbahnstraße. Sie wollen nicht Crystal Meth rauchen, sie möchten guten Kaffee trinken und Schallplatten kaufen. Sie wollen, dass es im Straßenbild auch noch anderes gibt als Supermärkte, Handy-Shops und Kebab-Läden.

Auch wenn irgendwo in der Nähe, so raunt man in Leipzig, der Rechtspopulist Jürgen Elsässer eine Wohnung bezogen habe; vielleicht sogar die geheimen Redaktionsräume seines Querfront-Magazins Compact hier verstecke. Dort, wo man ihn am wenigsten erwartet, gewissermaßen.

Jabbarys Einkaufsmarkt liegt gegenüber der Spielothek, die sie nach der letzten Razzia dichtgemacht haben. Hier, vor dem Haus, sprechen plötzlich alle Russisch.

Wieder hundert Meter weiter dann hört man ein Sächsisch, das in Wahrheit natürlich auch kein Mensch versteht. Das alles ist Leipzigs Eisenbahnstraße. Ganz spannend hier, eigentlich.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels hatte es geheißen: "Hier, am alten Volkmarsdorfer Markt, stand die Lukaskirche." Es konnte der Eindruck entstehen, die Kirche stünde nicht mehr. Sie steht natürlich heute noch da. Wir bitten, das Versehen zu entschuldigen und haben das Verb online ins Präsens gesetzt. Die Redaktion