DIE ZEIT: Herr Strolz, die Neos sind jene Parlamentspartei, die am stärksten proeuropäisch orientiert ist. Jetzt müssen Sie zusehen, wie in der Flüchtlingskrise die europäische Ordnung und das Schengen-System mehr und mehr an Substanz und Gültigkeit verlieren. Wie fühlt man sich als prononcierter Proeuropäer dabei?

Matthias Strolz: Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich die Lage für mich intellektuell und emotional sortiert hatte. Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir in 20 Jahren zurückblicken, sehen werden: Diese Krise war der Nukleus der nächsten Wachstumsetappe in der europäischen Integrationsgeschichte. Da bin ich mir sicher.

ZEIT: Sie verzweifeln also nicht?

Strolz: Überhaupt nicht, aber ich stelle mich auf eine sehr ruppige Übergangsphase für Europa und auch für Österreich ein. Österreich muss das Machtmuster mit zwei dominanten Parteien abschließen und durch ein neues Machtmuster ersetzen. Und ebenso wie Österreich an einem Scheitelpunkt der Geschichte steht, steht auch Europa dort. In meiner Sicht der Dinge ist Europa noch nicht entscheidungsfähig für die nächste Wachstumsetappe. Ich glaube, dass wir noch viel stärker in die Eskalation hineinwachsen müssen.

ZEIT: Werden die Flüchtlinge noch stärker als bisher nach Europa strömen?

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Strolz: Es gibt verschiedene Fragen, die uns erschüttern werden in den nächsten Monaten und Jahren. Das Thema Terrorismus wird den europäischen Diskurs stark beeinflussen. Nach der ersten Generation der Syrien-Rückkehrer, die jetzt im Gefängnis sitzt, kommt die zweite, die noch vergleichsweise dilettantisch vorgeht. In der dritten Generation werden wir mit Profis konfrontiert sein. Die werden simultane Anschläge in mehreren Metropolen versuchen.

ZEIT: Erfahrungsgemäß kann ein Staat gar nicht so stark aufrüsten, dass Attentate vollkommen ausgeschlossen sind.

Strolz: Es werden gewaltige Erschütterungswellen durch Europa gehen. Ich fürchte, dass noch in diesem Winter Flüchtlinge auf der Balkanroute erfrieren werden. Wir werden auch sehen, wie ein Land nach dem anderen noch stärker die nationale Karte zückt und Stacheldrahtbarrieren errichtet.