Am Anfang steht dieses mulmige Gefühl. Ist da beim letzten Arztbesuch vielleicht etwas schiefgelaufen? Wer denkt, dass er Opfer eines Behandlungsfehlers geworden ist, kommt so schnell nicht wieder zur Ruhe. Musste die Strahlenbelastung durch diese überflüssige Röntgenaufnahme wirklich sein? Hätte der Zahn nicht doch irgendwie erhalten werden können? Ist die Nierenschädigung auf eine falsche Dosierung des Medikaments zurückzuführen? Hat sich der Augenchirurg beim Lasern vertan, und ist deshalb alles unschärfer als vorher?

Hinter alldem steht auch stets die Frage: Lässt sich die Prozedur medizinisch rechtfertigen? War es ein Risiko, an dem keiner Schuld trägt, das einfach zur Behandlung gehörte – oder hat der Arzt einen fahrlässigen Fehler begangen?

Jochen Weiss*, 45, hatte nach dem Verlust eines Backenzahns die Lücke mit einem Implantat füllen lassen. Doch schon nach zwei Wochen wackelte das Implantat. Weiss ging zurück zu seinem Implantologen, der es noch einmal einsetzte, "jetzt hält es 100 Prozent", sagte er. Aber er irrte: Nach ein paar Tagen war das Implantat wieder locker.

Mehr als 20.000 Fälle werden jedes Jahr erfasst, bei denen der Verdacht eines Behandlungsfehlers besteht. Bei mehr als 6.000 von ihnen wird tatsächlich einer nachgewiesen, darunter 80 Todesfälle. Jenseits dieser offiziellen Zahlen gehen Schätzungen von einer viel höheren Fehlerzahl aus: Laut dem AOK Behandlungsreport 2014 unterlaufen Ärzten und medizinischem Personal jährlich in etwa 188.000 Fällen Behandlungsfehler, an denen etwa 18.800 Menschen versterben.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Nur einen winzigen Teil davon machen folgenschwere Irrtümer wie der berühmte falsch amputierte Fuß aus. "Behandlungsfehler können in jeder Phase des Arzt-Patienten-Kontakts passieren", sagt die Medizinerin und Anwältin Britta Konradt, die sich mit ihrer Kanzlei in Berlin auf das Thema spezialisiert hat. Es beginne schon mit der Diagnosestellung: "Wenn eine ganz eindeutige und zweifelsfreie Diagnose wie ein im Röntgenbild deutlich sichtbarer Knochenbruch nicht gestellt wird, dann ist das ein Behandlungsfehler", sagt Konradt.

Auch wenn der Mediziner frühzeitig falsche Diagnosen stelle, ohne Untersuchungen anzuordnen, die sich eigentlich aufdrängen, könne er dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Macht der Arzt zum Beispiel bei eindeutigen Hinweisen auf eine schwere bakterielle Infektion der Atemwege keine Blutuntersuchung (und gibt kein Antibiotikum), dann ist er mitverantwortlich, wenn sich durch die ungehinderte Ausbreitung der Bakterien eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung entwickelt.

Die Krankenkassen erstellen kostenlose Gutachten

Schon die Aufklärung ist anfällig für Fehler. "Damit sich der Patient bestmöglich für oder gegen einen Eingriff entscheiden kann, sollte er immer auch über die Alternativen informiert sein, die für ihn infrage kommen", sagt Konradt. Wie wichtig das ist, zeigt der tragische Fall von Oliver Anger*, den Konradt vertreten hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Bei Anger fanden die Ärzte im Jahr 2013 einen Hirntumor, der behandelt werden musste. Der Neurochirurg sagte, an einer Operation führe kein Weg vorbei. Vor dem Eingriff nahm er sich auch Zeit, um das Vorgehen und die Risiken mit Anger eingehend zu besprechen. Während der Operation kam es dann zu mehreren Blutungen. Als Anger aufwachte, konnte er seinen linken Arm und sein linkes Bein weder fühlen noch bewegen. Er war zum Pflegefall geworden. "Dafür kann man den Arzt nicht verantwortlich machen, es ist ein Risiko der Operation. Und er hat vorher darüber aufgeklärt", sagt Konradt. Als Anger sich jedoch bei einem Neurologen vorstellte, sagte der ihm, dass der Tumor auch hätte bestrahlt werden können. Davon hatte der Chirurg ihm nichts gesagt. Dass Bestrahlung sogar die gängigere Methode ist, zeigt auch ein Gutachten, mit dem Konradt für Anger ein Schmerzensgeld vor Gericht erstritt.