Das Land in den Händen einer islamistischen Regierung – gewählt von Millionen muslimischer Einwanderer: Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" kommt den Visionen der hysterischsten Flüchtlingskritiker gespenstisch nahe. "Unterwerfung" beschreibt, wie eine vormoderne muslimische Lehre die westliche Gesellschaft umkrempelt, wie Frauen rechtlos werden, wie zentrale Werte des Westens an Akzeptanz verlieren. Erinnert das nicht an irgendetwas? Etwa an die Stimmen, die spätestens seit Silvester in den Flüchtlingen Träger des Kulturkampfs zwischen islamischer und westlicher Welt sehen? An den jüngsten Plan von Hamburger Bürgerinitiativen, Volksentscheide gegen Großunterkünfte zu initiieren, um die vermeintliche Übernahme ganzer Viertel zu verhindern? "Unterwerfung" mit dem Schauspieler Eddgar Selge läuft am Hamburger Schauspielhaus, inszeniert von Intendantin Karin Beier. 

DIE ZEIT: Frau Beier, ist Unterwerfung in der aktuellen Lage ein gefährlicher Text?

Karin Beier: Der Roman handelt in erster Linie vom Westen: Houellebecq beschreibt eine kranke, erschöpfte Gesellschaft und provoziert bewusst mit einer stark vereinfachten, parodistischen Beschreibung. Seine Hauptfigur François behauptet ja noch vor der sogenannten Islamisierung, dass das Patriarchat ein gut funktionierendes Sozialsystem sei, das im Westen kollabiert wäre. Das Parodistische im Text wird oft übersehen.

ZEIT: Aber ist das nicht gerade eine Denkfigur des politischen Islams: dass der Westen es verdient hat, in Dekadenz unterzugehen?

Beier: Unterwerfung ist eine politische Fiktion und erzählt, mit welcher Leichtigkeit eine westliche Gesellschaft in naher Zukunft bereit ist, zentrale Werte über Bord zu werfen. Es gibt nicht einmal einen Aufschrei, als etwa die Frauen aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Aber natürlich setzt Houellebecq ein Bild vom Islam in die Welt, in dem Frauen in polygamen Verhältnissen leben müssen und aus dem Berufs- und dem Bildungswesen herausfallen. Das mag man islamophob finden, ist aber eine satirische Überspitzung, die vor allem dem Gedankenexperiment dient, inwieweit der westliche Liberalismus überhaupt zukunftstauglich ist.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Am 7. Januar 2015 töteten Islamisten in Paris elf Redaktionsmitglieder des Satireblatts "Charlie Hebdo". Auf dem Cover war an jenem Tag eine Houellebecq-Karikatur. Am selben Tag kam "Unterwerfung" raus, der Autor steht seitdem unter Polizeischutz. Das Schauspielhaus betont, die Aufführungsrechte bereits vor dem Attentat angefragt zu haben – ohne zu ahnen, wie brisant der Stoff in Deutschland werden würde.

ZEIT: Eine französische Kritikerin urteilte über den Roman: "Er alimentiert die abstrusen Theorien rechtsextremer Ideologen." Kann man das so sehen?

Beier: Natürlich haben wir uns auch gefragt: Kann man so was auf der Bühne sagen? Oder blasen wir damit Pegida ins Horn? Der Roman wagt sich an Themen, die beunruhigen, verwirren, er folgt keiner Political Correctness. Insofern provoziert er Diskussionen, polarisiert, was immer auch eine Aufgabe der Kunst ist. Das Falscheste wäre, diese Themen nicht anzufassen.

ZEIT: Welche Themen zum Beispiel?

Beier: Wir müssen über das Frauenbild des Islams und auch des Westens sprechen, und zwar ergebnisoffen und unvoreingenommen. Das ist lange nicht möglich gewesen, weil es eine Angst davor gibt, eine ganze Kultur abzuwerten. Wenn wir aber nicht darüber sprechen können, sind wir mit unserer Meinungsfreiheit nicht weit gekommen.