Józef Piłsudskis Einfluss wirkt bis heute in Polen nach. © Hulton Archive/Getty Images

Die Deutschen haben Adenauer und Brandt, die Franzosen de Gaulle und die Briten Churchill. Leuchttürme seien diese historischen Gestalten für ihre Nation, schrieb der britische Historiker Timothy Garton Ash 2004. Wenn das so ist, hat Polen ein Orientierungsproblem.

In einer Umfrage vor der Parlaments- und Präsidentschaftswahl 2005, die mit dem Doppelsieg der Brüder Kaczyński endete, stand Papst Johannes Paul II. als Leitfigur ganz oben. Dicht darauf aber folgten zwei verfeindete Giganten der polnischen Geschichte: Józef Piłsudski und Roman Dmowski. Beide wirkten nach 1918 an der Wiedergeburt des polnischen Staates mit, der im 18. Jahrhundert durch Preußen, Russland und Österreich liquidiert worden war. Der eine, Piłsudski, war ein kleinadliger Staatschef mit sozialistischer Prägung, der andere, Dmowski, ein kleinbürgerlicher Vordenker des modernen polnischen Nationalismus. Beide haben mit dem 21. Jahrhundert herzlich wenig zu tun. Und doch erleben sie derzeit eine Renaissance.

Der Rechtspopulismus lebt wieder auf

Es ist nicht das erste Mal. Der Einfluss von Piłsudski und Dmowski war so nachhaltig, dass Jerzy Giedroyc, der Herausgeber der Pariser Exilzeitschrift Kultura, einer polnischen Denkfabrik der Nachkriegszeit, das geflügelte Wort prägte, Polen werde "von zwei Särgen" regiert. Nach 1989 sah es so aus, als könne sich das Land von seiner Rückwärtsgewandtheit emanzipieren. Doch unter Jarosław Kaczyńskis rechtspopulistischer Partei "Recht und Gerechtigkeit" scheint Giedroycs Satz seine Gültigkeit zurückzuerlangen.

Józef Piłsudski wurde 1867 auf einem Landgut in Litauen geboren. In seiner Familie pflegte man die Erinnerungen an die alte polnisch-litauische Union und die Aufstände gegen die zaristischen Besatzer. Weil er in eine Verschwörung gegen den Zaren verwickelt war, wurde er 1886 nach Sibirien verbannt. Dort schloss er sich sozialistischen Zirkeln an und ging nach seiner Rückkehr in den Untergrund. Als im Februar 1904 der Russisch-Japanische Krieg begann, eilte er nach Tokio, um Unterstützung für einen polnischen Aufstand zu finden.

Piłsudski und Dmowski bezogen schon damals konträre Positionen. Roman Dmowski, 1864 als Sohn eines Warschauer Steinmetzen geboren, hielt nichts von Aufständen, sie zehrten ihm zufolge nur an der nationalen Substanz. Er hoffte auf einen Ausgleich mit Russland, da er die effizienteren Deutschen für den gefährlicheren Feind hielt. Um Piłsudskis Aufstandspläne zu vereiteln, reiste er ihm 1904 sogar nach Tokio hinterher. Dort trafen sie sich zufällig auf der Straße und stritten stundenlang im Hotel. Doch für die Japaner war wohl Dmowski der Überzeugendere. Ihre Unterstützung für Piłsudski fiel verhalten aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Dmowski setzte auf Nationalismus, Piłsudski hoffte auf Krieg

Anfang 1905, kurz nach der russischen Niederlage gegen Japan, brach im Zarenreich – und besonders heftig in Russisch-Polen – eine Revolution aus. Dmowski ließ sich wenig später in das neu gegründete russische Parlament, die Duma, wählen. Seine Priorität waren der Aufstieg des polnischen Mittelstandes und der "gesunde nationale Egoismus", in den sich von Anfang an ein wirtschaftlich begründeter Antisemitismus mischte.

Piłsudski dagegen setzte nun auf einen großen Krieg in Europa und begann bereits 1910 im österreichischen Galizien, paramilitärische Schützenverbände zu formieren. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges bot er den Österreichern an, einen Aufstand in Russisch-Polen anzuzetteln. Seine "Kaderkompanie" überschritt auch die Grenze, wurde jedoch nur reserviert empfangen. Dennoch verstand er es mit Willensstärke und militärischem Geschick, die polnischen Legionen zu einem wichtigen Faktor im Umgang der Mittelmächte mit der "polnischen Frage" zu machen. Als Berlin und Wien Ende 1916 ein amorphes "Königreich Polen" proklamierten, verweigerte Piłsudski den Treueid auf den deutschen Kaiser und kam in Magdeburg in Haft. Im November 1918 freigelassen, wurde er in Warschau frenetisch begrüßt, zum Oberbefehlshaber der polnischen Truppen ernannt und mit der Führung des entstehenden Staates betraut.

Sein Gegenspieler Dmowski ging im Ersten Weltkrieg einen anderen Weg. Er setzte zuerst auf Russland und reiste 1915 in die Schweiz, wo er 1917 das Polnische Nationalkomitee gründete. Auch er spielte bei Kriegsende eine entscheidende Rolle: 1919 nahm er als polnischer Hauptunterhändler an der Pariser Friedenskonferenz teil. Seinem Verhandlungsgeschick verdankte das neu entstehende Polen die Festlegung seiner Westgrenze.