Vor einem Gebirge aus Tasteninstrumenten springt der Berliner Alleinunterhalter Nils Frahm auf der Bühne umher, zwischen Reglern und Pedalen wechselnd, den Rücken zum Publikum in schönster Miles-Davis-Manier; man würde ihn hinterher auf der Straße gar nicht erkennen. Seine repetitive, in Tempo wie Ereignisdichte verhaltene Musik schwingt zwischen Tanz und Trance. Bei aller Nähe zu Elektronik und Klassik kippt sie in keine dieser Richtungen ab, noch erstarrt sie zu jenem Innerlichkeitskitsch, der stets in Hörweite ist.

Der 33-Jährige versteht sich nämlich auf Balance und Achtsamkeit. Wenn er spielt, spürt man: Der führt sich nicht nur auf, der hört sich auch zu. Der ist Musiker und Hörer zugleich, so wie jeder Hörer heute auch Musiker ist, es vielleicht nur noch nicht gemerkt hat.

Frahm hat sich, vom breiten Publikum bisher kaum wahrgenommen, zu einem Star des Hipstertums entwickelt. Seine Plattenverkäufe sind sechsstellig, seine Auftritte umjubelt, auch im Ausland. Sein Soundtrack zum Reizhauptstadtfilm Victoria bekam 2015 den Deutschen Filmpreis für die beste Musik.

Die Zahl und Art der von Frahm verwendeten Klaviere und Klavierderivate wächst ständig. Wenig Musik wird mit großem Materialaufwand erzeugt, der auf der Bühne prominent inszeniert wird. Digital angesteuerte Orgelpfeifen betonen den heiligen Ernst.

In dieser Fülle zeigt sich der auf technische Details versessene Nerd. Das Nebeneinander des eigentlich Unvereinbaren dokumentiert eine bei Pianisten selten anzutreffende Spannbreite. Die überwältigende Präsenz der Instrumente steht für den an Körperlichkeit interessierten Klangkünstler, der das digitale Feld nicht virtuell bestellen will, sondern mit rückwärtsgewandten Apparaten, in denen es glüht.

Und nun der Schritt zu noch mehr Analogem, zu Musik mit einer richtigen Band, mit Sebastian Singwald am Bass und Frederic Gmeiner am Schlagzeug. Nonkeen nennen sie sich in Verneinung des englischen Adjektives keen, das sich mit "scharf, eifrig, schneidend, fein, groß, heftig, kühn, leidenschaftlich, stark" und so weiter übersetzen lässt, also eigentlich gar nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Die Musik auf The Gamble, "Das Spiel", erfüllt folglich kaum eine der Erwartungen, die sich an die traditionelle Besetzung knüpfen. Statt prägnanter Riffs, treibender Rhythmen und pointierter Soli gibt es oft nur ein Wabern und Schaben, Rutschen und Rieseln. Ab und an schimmern Melodien auf, fahren Rhythmen fern vorbei, aber das Resultat ist weder Pop noch Jazz, sondern eine Klangwelt, in der es keine Gewissheit mehr gibt. Als würde ein Bild immer wieder übermalt und schimmerte aus dunklem Grund eine tiefere Schicht hervor.

Konzentration und Artefakt, Absicht und Versehen, Sound und Wischen – Musik ist nicht nur das, was wir wollen, sondern auch das, was uns zustößt. In dieser demütigen Haltung offenbart sich ein Spezialistentum, das sich von seinem eigenen Perfektionsdrang erlösen möchte. Man kann es deuten als ein spirituelles Angebot an unsere effektivitätskranke Gesellschaft.