Es sollte eine Versöhnungsreise sein, aber am Ende war die Spaltung nur noch tiefer. Als Sigmar Gabriel vorige Woche Warschau besuchte, um bei Kaffee und Schokoplätzchen die Beziehungen zu glätten, stieß er auf empörte Gastgeber. Die Polen regen sich über eine geplante Gaspipeline auf: Quer durch die Ostsee will ein Konsortium aus russischen, deutschen und westeuropäischen Energiefirmen die neue Superröhre bauen. Nord Stream 2 führt um die Ukraine, die baltischen Staaten und Polen herum, und das gefällt niemandem in Warschau. Man habe da leider noch "unterschiedliche Beobachtungen", erklärte Gabriel, "wir müssen aufpassen, dass keine neuen Gräben entstehen."

Der Streit wirkt wie ein Déjà-vu. Schon einmal verhakten sich Deutsche und Polen über die Ostseepipeline Nord Stream 1. Das war vor zehn Jahren, auch damals regierte in Warschau die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Doch diesmal geht es nicht allein um polnische Ängste. Halb Europa versteht nicht, warum sich die Deutschen so für das Projekt einsetzen.

Die europäische Einheit droht schon über Euro-Krise und Flüchtlingsdrama zu zerbrechen. Bald steht die nächste Entscheidung über die Sanktionen gegen Russland an, und Wladimir Putin treibt mit Lust und Ausdauer einen Keil nach dem anderen zwischen die streitenden Europäer. Und die Ukraine ringt noch immer um Frieden und eine wirtschaftliche Perspektive. In dieser explosiven Lage macht sich der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel also für ein höchst umstrittenes Pipeline-Projekt stark. Wie soll Europa da einig sein gegenüber Moskau?

In Gefahr ist auch der deutsche Ruf als verantwortungsvolle Führungsmacht in der EU. Wenn deutsche Politiker dieser Tage nach Rom oder nach Washington reisen, bekommen sie die kritischen Fragen zu hören: Was macht ihr da? Wofür wird diese neue Röhre überhaupt gebraucht? Wisst ihr denn nicht, welchen Schaden Nord Stream 2 anrichten kann?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Wie viel politische Sprengkraft das Projekt hat, war im Dezember in Brüssel zu beobachten. Die Regierungschefs der Europäischen Union berieten über die Energiepolitik, und der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi attackierte das Projekt scharf. Sieben mittel- und osteuropäische Länder hatten schon vor dem Treffen eine Protestnote an die EU-Kommission geschickt. Schließlich sprang auch der Präsident des Europäischen Rats, von Amts wegen eigentlich zum Ausgleich verpflichtet, den Kritikern bei. Warum? Mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent ist Russland der mit Abstand größte Gaslieferant der EU. Rund die Hälfte der russischen Gasimporte fließen bislang durch die Ukraine, die jährlich etwa zwei Milliarden Euro an Transitgebühren verdient. Diese Einnahmequelle könnte wegfallen, wenn mehr russisches Gas durch die Ostsee gepumpt wird. Kritiker sehen hier das eigentliche Motiv hinter Nord Stream 2: Moskau wolle die Ukraine zusätzlich destabilisieren – und habe dabei in Berlin willfährige Helfer gefunden.