Manche Bücher sollte man unseren Politikern und Bürokraten als Pflichtlektüre verschreiben. Dazu gehört The Great Escape: Health, Wealth, and the Origins of Inequality, geschrieben von Angus Deaton, einem Ökonomen, der 2015 den Nobelpreis erhielt.

Sein Buch erzählt von der Entwicklung des weltweiten Wohlstands über die Jahrhunderte, und er zeigt darin, dass nicht alle gleichzeitig und gleich stark vom Fortschritt profitieren. Vor allem am Anfang eines Entwicklungsschubs gibt es Gewinner und Verlierer, das hinterlässt tiefe Narben im gesellschaftlichen Gewebe. Deaton fragt sich deshalb, wie man den Zurückgebliebenen helfen kann. Dazu hat er unter anderem die Entwicklungshilfe kritisch unter die Lupe genommen.

Im Jahr 2011 halfen die reichen Länder den Schwellenländern mit insgesamt 133,5 Milliarden Dollar. Seit 1960 summiert sich die ausbezahlte Hilfe auf schätzungsweise über 5.000 Milliarden Dollar.

Angesichts dieser riesigen Summe stellt sich – nicht nur für Deaton, sondern für jeden von uns – die Frage: Wieso wurde mit all diesem Geld nicht mehr erreicht? Die Anzahl der Armen ist zwar von über 2 Milliarden Menschen auf 800 Millionen gesunken, dabei hat sich aber die Weltbevölkerung auf fast 7,5 Milliarden erhöht. Sicher, auch das ist ein Fortschritt. Ein großer Teil der erfolgreichen Armutsbekämpfung geht aber nicht aufs Konto der internationalen Hilfsgemeinde, sondern sie ist das Resultat der wirtschaftlichen Entwicklung einiger Staaten – zuallererst China und Indien.

Was also schreibt Deaton dazu in seinem lesenswerten Buch?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Gelder werden schlecht eingesetzt. Es fehlt ein Bewusstsein, wie die Hilfe konkret zu leisten wäre. Oft sitzen Bürokraten anderen Bürokraten gegenüber. Oft geht die Hilfe mittels bilateraler Vereinbarungen an Länder, in denen die Geber sich politische Vorteile erkaufen wollen und die Empfänger das Geld für andere Zwecke ausgeben werden als vorgesehen. Aus Hilfsgeld wird Schmiergeld. Das erinnert an den Aufschrei der jungen Kenianerin June Arunga, die darum bat,dem korrupten Regime ihres Landes kein Geld zu geben, sondern Mobiltelefone an die Einwohner zu verteilen.

Leider ist die Diskussion über die richtige Verteilung von derart riesigen Geldsummen, mit denen eigentlich viel mehr zu erreichen wäre, mit Tabus behaftet. Wer kritisiert, ist sofort verdächtig: Er will den Armen die Hilfe abspenstig machen. Er gilt als Egoist oder – schlimmer noch – als Rassist.

Es nützt aber genau diesen Armen nicht viel, wenn man als Geberland nicht genau weiß, was mit dem Geld passiert. Und nach dem Motto verfährt: Unser Gewissen ist rein, schließlich lassen wir einen beachtlichen Promille-Anteil unseres Bruttoinlandsprodukts in den armen Süden fließen.

Das gilt auch für die Schweiz. Hier sieht das Budget für das laufende Jahr vor, dass 3,6 Milliarden Franken für Beziehungen mit dem Ausland und internationale Zusammenarbeit ausgegeben werden. Aber auch in Bern will man den guten Willen der Verwaltungsangestellten, sei es bei der Deza oder im Seco, nicht infrage stellen.

Dabei sind die Fragen, was mit den Hilfsmilliarden tatsächlich passiert, nicht nur legitim. Nein, sie sind auch nützlich. Die Hilfe zugunsten derjenigen, die in der wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeblieben sind, misst man nicht am ausgegebenen Geld, sondern an den Resultaten, für die das eigene Investment verantwortlich ist.

Und damit sie das endlich kapieren, gehört das Buch von Deaton aufs Nachttischchen all unserer Politiker und Bürokraten.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd- Achse": Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz