Der Schriftsteller Abbas Khider © Peter-Andreas Hassiepen

Abbas Khider kam 1973 in Bagdad zur Welt. Als junger Mann wurde er vom Saddam-Regime verhaftet. 1996 floh er aus dem Irak, seit 2000 lebt er in Deutschland. 2008 debütierte er mit dem Roman Der falsche Inder. In seinem zweiten Roman Die Orangen des Präsidenten von 2011 erzählte Khider eindrucksvoll vom Leben hinter irakischen Gefängnismauern und von der Folterpraxis, der sein Protagonist ausgeliefert ist. 2013 erschien Brief in die Auberginenrepublik – so nannten die Iraker ihr Land, weil es in der Zeit des Embargos nach dem ersten Irakkrieg nichts gab außer Auberginen, die aber in Überfülle. Der Roman handelt von einem jungen Iraker, der in den Libanon geflohen ist und, während er sich auf einer Baustelle durchschlägt, versucht, Kontakt mit den Seinen in der Heimat aufzunehmen.

Khider schreibt auf Deutsch. Es ist ein einfaches und anschauliches Deutsch, das zwischen dem kindlich Konkreten und dem herzhaft Metaphorischen hin- und herspringt. So klingt Khiders Sprache immer ein bisschen märchenhaft, ja leicht orientalisierend, auch dort, wo die Realität, die er beschreibt, ziemlich robust ist. Für diese Realität hat sich das deutsche Publikum schnell interessiert. Abbas Khider wurde begeistert als Bereicherung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur begrüßt. Während seine ersten drei Bücher noch im kleinen Hamburger Nautilus Verlag erschienen sind, hat sich jetzt der Hanser Verlag den irakisch-deutschen Autor gesichert.

Als Abbas Khider als Flüchtling nach Deutschland kam, hießen Menschen wie er noch nicht Geflüchtete, sondern Asylanten. Sie waren Gegenstand politischer Meinungsverschiedenheiten, aber sie waren noch nicht das Thema Nummer eins, das das Land beherrscht. Damals machte Abbas Khider Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie, mit deutschen Asylantenheimen, mit engagierten Helfern und mit dem Blick der Deutschen auf die Fremden. Darüber hat er jetzt einen Roman geschrieben. Er heißt Ohrfeige.

Romane, die sehr nah am Zeitgeschehen sind, rufen regelmäßig zwei Reaktionen hervor. Erhöhte Aufmerksamkeit, weil man sich für das Thema interessiert (und Bücher einfach das ideale Medium gegen Erfahrungsarmut sind). Aber auch eine gewisse gereizte Genervtheit, weil man dem Schnellschreiber ein Kalkül unterstellt. Man spürt die Absicht und ist verstimmt. In diesem Frühjahr gibt es kaum einen Verlag, der kein Flüchtlingsbuch im Programm hätte.

Abbas Khiders Ohrfeige erfüllt leider alle Anforderungen an einen unnotwendigen, zu schnell geschriebenen, lieblos lektorierten, Formfragen auf die leichte Schulter nehmenden, nur das Thema besetzenden Roman. Weil Khider ein wahnsinnig charmanter, charismatischer und umwerfend gut aussehender Schriftsteller ist, wird seine Lesereise – und dagegen ist auch weiter nichts zu sagen – gewiss ein großer Erfolg werden. Ein gutes Buch ist Ohrfeige deswegen aber noch lange nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Schon die Erzählkonstruktion klingt wie aus dem Bastelbuch: Karim Mensy, Flüchtling aus dem Irak, hockt auf dem Sofa seines Freundes Salim in dessen Münchner Wohnung und kifft. Der Drogeneinfluss führt zu einer Art Tagtraum, einer Rachefantasie: Er stellt sich vor, wie er seine Sachbearbeiterin, eine gewisse Frau Schulz, die für seinen Asylantrag in der bayerischen Provinz zuständig ist, an ihren Bürostuhl fesselt, sie knebelt und ihr die titelspendende Ohrfeige verpasst. Für all die Drangsale, die er in seinem Asylverfahren erdulden musste. Aber vor allem dafür, dass er für sie immer nur eine Nummer war, ein Aktenzeichen ohne Geschichte, "nicht mehr wert als die Nummern, die ich ziehen musste, um zu warten". Wer nicht hören will, muss fühlen. Solchermaßen entmachtet, muss sich die hartherzige Frau Schulz nun Karims Geschichte anhören.

Weil es sich bei Karim aber um einen herzensguten Menschen handelt, hat er seine Sachbearbeiterin nicht wirklich gefesselt, sondern sich diese Rache nur, vom Kiffen high, vorgestellt. Damit der Leser die beiden Ebenen Wirklichkeit und Halluzination auch ganz gewiss nicht durcheinanderbringt, sind die Szenen, in denen Karim kiffend auf dem Sofa hockt, kursiviert. So weiß man jederzeit: Ah, in der kursiven Wirklichkeit kifft er, und das andere, das mit der Ohrfeige, hat er sich nur vorgestellt. Es gibt auch eine allzu betuliche Art, den Leser an die Hand zu nehmen.

"Sie ruhig sind und bleiben still", bedeutet Karim Frau Schulz und erzählt ihr seine Lebensgeschichte. Im Schlusskapitel heißt es dann – kursiviert, aber das hat man ja mittlerweile begriffen: "Scheiß-Haschisch!" Und sein letzter Satz gilt Frau Schulz: "Ich schwöre bei Allah und allen Arschlöchern des Himmels: Irgendwann werde ich Sie erwischen und ohrfeigen."