Hase oder Häschen? Schwer zu sagen. © Patrick Pleul/dpa

"Herbert ist ein Spielverderber." Rund 80 Studenten starren auf die Leinwand und versuchen, die syntaktische Funktion der Wörter in diesem Satz zu bestimmen. Zwischen ihren fragenden Gesichtern sitze ich, Journalistin – und Möchtegern-Sprachwissenschaftlerin.

Als ich vor vier Jahren am Ende meines Studiums stand, sah ich zwei mögliche Wege: eine Uni-Karriere als Sprachwissenschaftlerin oder ein Leben als Journalistin. Für Letzteres habe ich mich entschieden. Oft frage ich mich, wie es mir heute ginge, wäre ich doch Linguistin geworden.

Im Hörsaal 3 der Uni Lüneburg, in der Vorlesung "Sprachstruktur und Spracherwerb", will ich herausfinden, ob es mir noch Spaß macht, Sätze zu analysieren, ob mein Herz noch schneller klopft, wenn ich wieder merke, wie lebendig Sprachen sind.

In der Vorlesung kann ich mich kaum beherrschen. "Aus welchen Morphemen besteht das Wort 'Häschen'?" Meine Hand zuckt, will sich bei jeder Frage heben. An der Leuphana Universität entdecke ich meine alte Welt wieder. Eine Welt, in der stinknormale Wörter wie "Erbschaft" oder "Osterferien" sich zu geheimnisvollen Objekten entwickeln. Ich hatte das Vergnügen vergessen, Begriffe unter die Lupe zu nehmen wie eine Biologin ihr Präparat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Als Journalistin beschäftige ich mich mit der Mafia. Doch hier im Hörsaal erscheint mir nichts spannender als die Geheimnisse der Sprache. Vielleicht sollte ich doch noch promovieren.

In unserer Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.