DIE ZEIT: Herr de Weck, als Sie vor fünf Jahren Generaldirektor wurden, konnten Sie sich vorstellen, dass die SRG so stark unter Druck gerät?

Roger de Weck: Ich empfinde weniger den Druck als vielmehr die krasse Unordnung der Debatte. Über den künftigen Auftrag der SRG zu debattieren ist unerlässlich: Er muss im Zuge des Umbruchs der Medienwelt teilweise neu definiert werden. Doch wie die bekannten Kritiker des öffentlichen Radios und Fernsehens diskutieren, zeugt von Ratlosigkeit. Sie haben kein Konzept. All ihre Vorschläge laufen darauf hinaus, dass die SRG keinen Publikumserfolg mehr hätte.

ZEIT: Worüber müsste man denn diskutieren?

de Weck: Es stellen sich vier Kernfragen: Will man eine SRG, die dort ist, wo das Publikum ist: sowohl in den Kanälen als auch im Internet? Will man ein audiovisuelles Medienhaus, das sich gegen seine Konkurrenten, die vor allem im Ausland sind, behaupten kann? Will man eine SRG, die auch künftig in der deutschen, französischen und italienischen Schweiz ein gleichwertiges Angebot bereitstellt? Will man – weil Programme in vier Landessprachen Geld kosten – ein Medienhaus, das mit Gebühren und mit Werbung finanziert wird? Viele der jetzigen Vorschläge sind interessengeleitet und unsachlich.

ZEIT: Zum Beispiel?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

de Weck: Der oft geforderte Verzicht auf Unterhaltung würde bedeuten: Verzicht auf das breite Publikum. Es gibt weltweit keinen generalistischen Sender, der die Zuschauer ohne Unterhaltung erreicht. Oder: Dieselben Kritiker fordern, die SRG solle sich auf Information konzentrieren, aber online das Informationsangebot abbauen! Sollen wir wirklich die Sendungen in den Kanälen attraktiv zur Geltung bringen, sie aber im Internet in einer Videothek verlochen, die erfahrungsgemäß niemand besucht?

ZEIT: Haben Sie auch Fehler gemacht?

de Weck: Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht dächte: Das hätte ich besser machen können. Aber nach bestem Wissen und Gewissen bemühen wir uns um ein partnerschaftliches Verhältnis zu den privaten Medienhäusern. Im politischen Umfeld sind wir hingegen in einem Punkt kompromisslos: in der Verteidigung der journalistischen Unabhängigkeit. Die Bundesverfassung garantiert unsere "Autonomie in der Programmgestaltung".

ZEIT: Das heißt, Sie hätten früher versucht, ein besseres Verhältnis zu den Privaten aufzubauen?

de Weck: Bevor ich mein Amt antrat, nahm ich das Gespräch mit dem Verlegerverband auf. Leider dauert der anachronistische Grabenkampf fort. Es braucht noch mehr Zeit als gedacht, sich vom altgewohnten Feindbild SRG zu verabschieden. Letztlich möchte die Branche mit der SRG über ihren Auftrag verhandeln. Das geht nicht. Diesen Auftrag erteilt die Politik, nicht die Branche.

ZEIT: Worüber können Sie mit den Privaten verhandeln?

de Weck: Was ich suche, sind Win-win-Kooperationen, die alle Beteiligten stärken. Ein Schritt in diese Richtung ist die Werbeplattform mit Ringier und Swisscom.

ZEIT: Die Privaten fürchten, die SRG werde den Markt so noch stärker beherrschen.

de Weck: Jeder kann diskriminierungsfrei mit der Plattform zusammenarbeiten. Die Teilnehmer werden mehr Geld in der Kasse haben – es bleiben mehr Werbefranken in der Schweiz. Beim Verlegerkongress sagte der Tamedia-CEO Christoph Tonini, eine solche Werbeplattform sei stimmig; ein ähnliches Vorhaben von Tamedia sei leider misslungen. Die einzige Kritik lautet: Die Falschen machen das Richtige.

ZEIT: Trotzdem: Die SRG ist in der Defensive. Wie können Sie sich aus dieser Lage befreien?

de Weck: Das unabhängige Medienhaus SRG wird angegriffen, gerade weil es keiner Interessengruppe und keinem Politiker verpflichtet ist. Das stärkt unseren Willen zur journalistischen Unabhängigkeit. Wir müssen selbstbewusst und selbstkritisch sein. Die sanfte Macht des besseren Argumentes wird sich durchsetzen.

ZEIT: Also haben Sie keine Angst vor der No-Billag-Initiative, die Ihnen die Gebührengelder ganz streichen will?

de Weck: Am Schluss werden die Urheber dieser "No-SRG-Initiative" Angst vor dem eigenen Volksbegehren haben. Die Initiative hat nicht den Hauch einer Chance. Zu einer Zeit, in der viele private Medienhäuser aus dem Journalismus aussteigen oder sich in den Dienst politischer Interessen stellen, werden die Menschen nicht auf ein öffentliches Medienhaus verzichten. Die SRG bürgt für einen unbequemen, unabhängigen Journalismus.