Natalie Rickli zögert keine Sekunde. Sie kneift ihre Augen zu Schlitzen zusammen, bis sich die Haut an ihren Schläfen faltet. Dann legt sie los: "Der Gebührenzahler hat nichts zu sagen. Das muss sich ändern." Im Parlament brauche es endlich eine Diskussion über den Service Public. Eine SRG in diesem Ausmaß, die so viel Geld koste, das sei im 21. Jahrhundert nicht mehr zu rechtfertigen.

Es ist ein Freitagabend im Dezember. Die letzte Arena im Jahr 2015. Und das Schweizer Fernsehen macht sich in seiner wichtigsten Diskussionssendung selbst zum Thema: "Geliebte SRG, verhasste SRG – wie viel Service Public wollen wir?" Die Sendeanstalt am Leutschenbach tut das nicht freiwillig. Die SRG steht unter Druck. Angegriffen wird sie längst nicht mehr nur von SVP-Politikern wie Natalie Rickli. Auch bürgerliche Parteien haben sich auf den Leutschenbach eingeschossen.

Es geht um Einfluss, um Macht – und ums Geschäft.

Dass die SRG angefeindet wird, ist alles andere als neu. Politisch gerät die 1931 gegründete Radio- und Fernsehgesellschaft bereits in den 1960er Jahren unter Beschuss. Der Berner BGB-Nationalrat Walther Hofer bekämpft das "linke Fernsehen". Der Hofer-Club will mehr Kontrolle über das Programm. Schließlich setzt der Bundesrat eine Beschwerdekommission für Unzufriedene ein. Konkurrenz erhält der Sender erstmals Ende der siebziger Jahre. Der Journalist Roger Schawinski legt sich mit seinem früheren Arbeitgeber an und gründet das erste Privatradio der Schweiz. 1983 erhält er schließlich eine Konzession des Bundes. Die SRG selbst reagiert auf den nach und nach liberalisierten Medienmarkt mit immer neuen Angeboten. Ihr Credo lautet: Wir wollen allen etwas bieten. Den Jungen, den Sportfreunden, den Kulturliebhabern. Aber das kostet. So arbeiten heute mehr als 6.000 Mitarbeiter für das Unternehmen mit seinen 17 Radio- und sieben Fernsehsendern.

Für die "Aktion Medienfreiheit" ist das viel zu viel. Sie fordert, dass das öffentliche Medienhaus nur noch das machen darf, was Private nicht anbieten können. Sie will die Gebühren halbieren und die SRG aus dem Internet verbannen. Lange Zeit stand sie mit solchen Forderungen allein da, nun aber hat sie den Zeitgeist auf ihrer Seite. Im vergangenen Sommer ist es den Kritikern gelungen, die Abstimmung über das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) umzudeuten. Aus einer reinen Finanzierungsvorlage wird ein Medien-Plebiszit: Welche Sendungen soll die SRG produzieren dürfen? Und braucht es dafür jährlich 1,2 Milliarden Gebühren-Franken? Schließlich sagt nur eine hauchdünne Mehrheit Ja zur Vorlage.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die RTVG-Abstimmung sei ein Misstrauensvotum gegen die SRG gewesen, sagen ihre Kritiker. Also auch ein Misstrauensvotum gegen ihn: Roger de Weck, Generaldirektor der SRG. Er sitzt in einer Holzbank des Zunfthauses zum Wirthen in Solothurn. Die Beiz ist voll, es ist laut. Es sind Solothurner Filmtage, die SRG ist Hauptmedienpartnerin. De Weck verteidigt sein Unternehmen, indem er lange nachdenkt, um lange Sätze zu formulieren. Dann sagt er: "Wie die bekannten Kritiker des öffentlichen Radios und Fernsehens diskutieren, zeugt von Ratlosigkeit. Sie haben kein Konzept." (siehe Interview auf dieser Seite)

Wie aber konnte es kommen, dass die SRG trotzdem mehr und mehr in die Defensive gerät? Dass sich alle Medienwissenschaftler, Journalisten und Politiker einig sind, mit denen die ZEIT für diesen Artikel sprach: Das Unternehmen ist stark unter Druck.

Am Anfang war die SVP. Seit Jahrzehnten versucht sie beharrlich, das hauptsächlich mit Gebührengeldern finanzierte Unternehmen zu schwächen. Denn auf den starken öffentlichen Sender lässt sich kaum politisch Einfluss nehmen. Die privaten Stationen hingegen haben eine zu geringe Reichweite, als dass sie im Schatten des Monopolisten die Debatten prägen könnten. Und ein eigenes, nationales Fernsehen lässt sich kaum finanzieren. Also wünschen sich die Rechten eine kleinere SRG – oder am liebsten gar keine.