Wer im Strandkorb sitzen will, braucht mehr als zwei Stunden Zeit. © dpa

Sylt gilt als das Nonplusultra dessen, was Deutschland an Inseln zu bieten hat, auch deshalb, weil man ganz inseluntypisch mit dem Zug hinfahren kann. Aber nun steigen Sie versehentlich in Westerland aus statt in Keitum und denken: Wo bin ich hier denn gelandet?

Auf dem Bahnhofsvorplatz erwarten Sie vier riesige Skulpturen in Knallgrün, eine überlebensgroße Urlauberfamilie. Die dummerhaft aussehenden Gestalten lehnen schräg im Wind, zum Zeichen, dass es hier stürmt, und da das Ensemble bestimmt nicht billig war, verstehen Sie sofort: Geschmack ist in Westerland keine Frage des Geldes.

Die Straßen zum Strand bestärken den ersten Eindruck, zwei vollgestellte Fußgängerzonen mit Imbissen, Kiosken und Schnicki-Schnacki-Boutiquen. Leute, die nichts Besseres zu tun haben, werden Ihnen hier den Weg versperren, gern mit Fischbrötchen in der einen Hand und zwei Hundeleinen in der anderen.

Bleibt der winterliche Strand – zu dem müssen Sie sich durchschlagen, zu Fuß eine Viertelstunde. An der Kurpromenade heißt es Eintritt zahlen, als wäre das Meer ein Freilichtkino, aber Sie tun es gern, denn das Meer ist ja ein Freiluftkino. Welch ein Anblick!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Der Flutsaum verlangt Ihnen jetzt eine Entscheidung ab: Nach links könnten Sie zwanzig Kilometer laufen, nach rechts könnten Sie zwanzig Kilometer laufen. Gehen Sie nach links, fällt Ihr Blick in Richtung Süden. Sie gehen der Sonne entgegen, haben Rückenwind, schweben dahin und können sich ganz dem widmen, was es hier gibt: Weite, Leere, Höhe, Fläche, Salz und Licht. Nicht die Dünen auf der Linken reizen Sie, sondern das Plateau zur Rechten, Gottes ausgegossenes Wasser, sein ozeanisches Weihbecken. Keine simple Ansammlung von Flüssigkeit, sondern eine mit den Gestirnen verknüpfte, den Gezeiten unterworfene, von Seesternen und Schweinswalen bevölkerte Tunke. Sie möchten ein Teil des großen Ganzen werden; Badeideen keimen kurz auf, weichen dann aber dem Frostgefühl.

Gehen Sie, gehen Sie, damit Ihnen nicht kalt wird, aber Obacht: Sie müssen irgendwann wieder zurück. Und zurück heißt: gegen den Wind. Der Nordwest beißt Sie ins Gesicht. Mühsam müssen Sie jeden Schritt erkämpfen.

Also gehen Sie, wenn Sie am Flutsaum die Wahl haben, vielleicht doch lieber nach rechts, kämpfen gleich mit den Elementen, haben den Norden vor Augen, Dänemark, denken ans Kattegat und an Spitzbergen und sehen nach rechts sehnsuchtsvoll zu den Dünen, hinter denen Sie Schutz suchen könnten, wäre es Ihnen zum Sitzen nicht viel zu kalt. Der Rückweg mit Rückenwind vergeht wie im Flug, allerdings haben Sie Eiskristalle an den Tragflächen und hegen Glühweingedanken.

Den Punschwunsch erfüllen Sie sich vor der Hochhauskulisse der Kurpromenade im Friends Bistro oder einer der anderen gesichtslosen Trinkstuben. Es gibt wohl kaum einen Ort in Deutschland, in dem grandioses Panorama und ödes Menschenwerk so schroff aufeinanderstoßen. Auch das ist ein Erlebnis.