Wir erinnern uns so gut an den Sommer 2013, als wäre es gestern gewesen. Die Ankunft des neuen Trainers Pep Guardiola, damals 42, wurde gefeiert wie ein Staatsbesuch – großes Protokoll, Pressekonferenz mit den Mächtigen, Begegnung mit dem Volk –, an dessen Ende der Gast, ein spanischer, ein katalanischer Prinz, mit allen Ehren eingebürgert wurde. Dieser elegante, demütige, zarte Herr, so zeigten Sie damals, gehört fortan zu uns! Seid uns dankbar dafür, dass wir ihn geholt haben!

Alle Männer auf dem Podium hielten sich in Demut zurück, denn hier wurden Machtverhältnisse neu geordnet. Drei Könige, also Sie, Herr Hoeneß, und mit Ihnen Rummenigge und Sammer, alles große Schlachtenlenker, machten sich damals kleiner, damit ein vierter in Ihrer Mitte Platz fand. Pep war in dieser Konstellation der reine Künstler, der dem Verein geben sollte, was der nie hatte: die Aura von zweckfreier Schönheit und Kunstfertigkeit, ja, verzeihen Sie, fast von Unschuld.

Sie, Herr Hoeneß, wirkten damals seltsam erstarrt. Freude? Ihre Augen waren schmal, als blickten Sie in einen Hinterhalt. Auf Ihrem Gesicht flimmerte fast spürbar, wie ein Reflex, die Neugier der Reporter, die Sie beäugten und sich fragen mochten, wie lange Sie noch zu den Mächtigen auf dem Podium gehören würden. Kurze Zeit später waren Sie fort. Guardiola wurde zum Gesicht des Vereins, und mit jedem Tag, der er das war, vermissten wir Sie mehr.

Was hätte der Uli bloß dazu gesagt? Diese Frage stellte sich Fußball-Deutschland in den vergangenen eineinhalb Jahren, während Sie in Landsberg waren und nichts sagten, sagen konnten. Einer wie der Uli hätte Schweini nie nach England ziehen lassen, und bestimmt hätte er den getreuen Doktor Mull gelobt und nicht verärgert. Jetzt sind sieben Spieler verletzt – Bernat, Götze, Ribéry, Benatia, Robben, Costa und Boateng – sie können kaum noch oder gar nicht mehr. Die Männer brauchen dringend einen Arzt. Nicht irgendeinen. Sondern einen mit besonderen Händen, Mulls Fingern. Wie uns ein Maulwurf berichtet, kommt auch er zurück. Werden Sie zusammen ein Taxi nehmen?

An Ihrer Stelle ergriffen in den vergangenen Monaten die Strategen Rummenigge und Sammer das Wort. Wenn es zur Sache ging, rollten sie mit den Augen. Aber Tränen, wie bei Ihnen? Um es kurz zu machen, Herr Hoeneß, Sie haben nichts verpasst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Während wir diese Zeilen schreiben, macht die Nachricht die Runde, dass Pep Guardiola nach dem Abschied beim FC Bayern bei Manchester City eingebürgert wird. Man sei seit 2012 wegen dieses Wechsels in Kontakt, heißt es von dort.

Ist die Annahme ganz falsch, dass Sie, lieber Herr Hoeneß, damals das Schlimmste verhindert haben, Sie ein Machtwort gesprochen haben? Dass Sie also mit der ganzen Fülle Ihres Amtes und von Gefühlen schwer geschüttelt bei einem Geheimtreffen den Arm des Katalanen ergriffen haben, um ihn gewissermaßen im allerletzten Moment von Manchester abzubringen und nach München umzuleiten? Ist doch so, oder? Alles geplant von langer Hand, in einem großen Drehbuch rechtzeitig niedergeschrieben: Wir brauchen einen Prinzen, der den Präsidenten in seiner Abwesenheit vertritt.

Nun sind Sie wieder da, und Pep wird München verlassen. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, Pep sei bloß da gewesen, um die große Leerstelle zu füllen.

Jetzt müssen Sie nur, da Sie das Gefängnis vorzeitig verlassen, wieder an Ihren Schreibtisch an der Säbener Straße zurückkehren. Ein Schriftsteller macht ja auch weiter mit dem Schreiben, er hört nicht damit auf, bloß weil er ein paar Jahre verhindert war. Und der Vergleich ist so abwegig nicht, denn Sie waren nicht nur das Gesicht, sondern auch der Autor des FC Bayern.